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Kinder brauchen Mut

Ängste sind weit verbreitet, bereits im Jugendalter. Sie können negative Folgen für die Entwicklung des Einzelnen haben. Die Ursachen liegen oft in frühester Kindheit und in der Erziehung. Der Psychologe Fari Khabirpour ruft daher Eltern auf, ihren Nachwuchs zu ermutigen und zu stärken.

Ist die Jugend von heute ängstlicher als die früheren Generationen?
Auf diese Frage ist kaum eine deutliche Antwort zu finden, weil früher keine Studien dazu durchgeführt wurden, die man mit heutigen Untersuchungen vergleichen könnte. Außerdem ist es schwierig zu sagen, denn Angst ist ein Thema, über das nicht jeder gerne spricht. Es ist statistisch schwer zu fassen. Tatsache ist jedoch, dass Angst ein heute sehr verbreitetes Gefühl ist. Dazu gibt es einige Faktoren, mit denen dies zu erklären ist.

Die Jugend wird aber vor allem mit Leichtsinn in Verbindung gebracht, also mehr die Abwesenheit von Angst. Ist man nicht eher mit zunehmendem Alter ängstlicher?
Sie haben vollkommen Recht. Ein Kind kommt nicht mit Angst zur Welt. Ein Kleinkind pflegt neugierig die ersten Kontakte zu seiner Umgebung. Zwei Faktoren prägen den Menschen von Anfang an: der Lerntrieb und der Wunsch, dazu zu gehören. Lernen und Dazugehören sind zuerst maßgeblich, Angst hingegen nicht. Letztere würde das Kleinkind in diesem Prozess blockieren, auf andere zuzugehen. Das Dazugehören äußert sich in der Beziehung zwischen Mutter und Kind. Das Baby strebt danach, zur Mutter zu gehören. Umso frustrierter ist es, wenn es von der Mutter abgelehnt wird. Deshalb sollte in der ersten Lebensphase dafür gesorgt sein, dass das Kind in seinem Verlangen nach Dazugehören und Lernen nicht verunsichert wird. Angst tritt dann ein, wenn beide Verlangen nicht erfüllt werden: wenn das Kind das Gefühl bekommt, verloren zu sein, oder wenn es etwas lernen und entdecken will und merkt, dass dies nicht geht. Das sind die ersten Faktoren von Ängsten. Zum Beispiel bei einem Kind, das sein Lernpotenzial nicht voll ausschöpfen kann oder in einer Umgebung aufwächst, in der es nicht die Möglichkeit hat, Teil einer Gruppe oder einer Gemeinschaft zu sein. Hinzu kommt, dass sich Ängste von Eltern auf Kinder übertragen. Wenn Erstere zum Beispiel ständig „Pass auf!“ sagen oder wenn ständig darauf aufmerksam gemacht wird, mit niemandem zu reden, oder vor einer Prüfung in der Schule immer zu fragen, ob das Kind sich gut genug auf eine Prüfung vorbereitet hat. All dies führt zu Ängsten.

Sind Ängste nicht aber auch ein schützendes Regulativ?
In dieser Hinsicht spricht man eher von einer positiven Angst. Auf Deutsch spricht man von Vorsicht. Sicht hat etwas mit Erkenntnis zu tun, nichts mit der Emotion Angst. Wenn man beispielsweise zu einem Kind sagt, das die Straße überqueren möchte, es solle zuerst schauen, ob ein Auto kommt. In diesem Fall ist noch nicht von Angst die Rede. Hier geht es um Vorsicht.

Wann ist ein Mensch verängstigt?
Wenn etwas anfängt, dich emotional zu belasten. Wenn dich etwas blockiert, obwohl kein rationaler Grund dafür besteht. Wenn jemand zum Beispiel vor dem Überqueren der Straße Angst hat. Er bleibt vielleicht erst einmal zehn Minuten stehen, bevor er sich traut, den ersten Schritt zu machen – obwohl kein Auto kommt.

Ich kann mein Kind nicht stark machen, wenn ich mich selbst als großen Versager empfinde.

Angst kann durch ein negatives Erlebnis entstehen.
Dann spricht man von Trauma. Wenn etwas sehr verletzend war, kann es mich eine Zeit lang emotional so stark belasten, dass ich immer dann, wenn ich in eine ähnliche Situation gerate, blockiert werde. Dann funktioniert oft gar nichts mehr. Das findet oft bei Kindern statt, die Konzentrationsschwierigkeiten haben. Es ist nicht mehr geistig anwesend, weil womöglich irgendetwas in der Klasse passiert ist, was das Kind an das traumatische Erlebnis erinnert. Das hat übrigens auch damit zu tun, was Neurowissenschaftler entdeckt haben: Dass in unserem Kopf ein Platz ist, wo Angst erzeugt wird: die Amygdala, der sogenannte Mandelkern.

Wo die Angst zu Hause ist.
Dieser Teil des menschlichen Gehirns ist an der Konditionierung von Furcht beteiligt und hat dem Menschen geholfen zu überleben. Er dient der Selbsterhaltung.

…und dient der Einschätzung von Gefahren.
Die Amygdala wurde im Laufe der Jahrtausende entwickelt. Es schützt uns rein instinktiv.

Aber warum belasten Eltern ihre Kinder mit Angstgefühlen?
Sie sind sich selbst dessen gar nicht bewusst. Wenn sie unnötige Ängste bei den Kindern produzieren, hilft das nicht. Sie wissen es aber nicht gut, sondern meinen es vielleicht gut. Sie glauben, ihre Kinder auf diese Weise besser zu schützen. In der Frage „Hast du dich gut auf deine Prüfung vorbereitet?“ ist a priori nichts Negatives. Man könnte sagen, dass dies Eltern sind, die sich um ihre Kinder kümmern. Gleichzeitig vermitteln sie mit dieser Frage auch etwas Negatives, nämlich Angst.

Das kann also zur Prüfungsangst führen.
Genau das wollten die Eltern vermeiden. Bei Angst spielt eine negative Erwartung mit. Und zwar die Erwartung, dass etwas schief geht. Es gibt wissenschaftliche Studien aus Indien, die zeigten: In Gegenden, wo die Angst vor einem Schlangenbiss besonders ausgeprägt ist, kamen sogar Menschen ums Leben, die an einem Schlangenbiss starben, obwohl dieser gar nicht giftig war. Schon die Erwartung, gebissen zu werden, ergo muss ich daran sterben, hat bewirkt, dass Menschen daran gestorben sind. So kann auch die Angst vor dem Versagen in einer Prüfung schon dazu führen, dass ein Schüler völlig blockiert ist.

So stellte der Evolutionspsychologe Steven Pinker in seinem Buch „Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit“ die These auf, dass sich die Gewalt im Laufe der Geschichte verringert hat. Trotzdem ist das Unsicherheitsgefühl in vielen westlichen Gesellschaften unverhältnismäßig stark ausgeprägt. Die Angst ist womöglich größer geworden.
Weil Angst etwas Irrationales ist. Wer Angst hat, schaut sich nicht erst die Zahlen an und zieht daraus den Schluss: „Die Zahl der Gefahren hat abgenommen, ergo brauche ich keine Angst zu haben.“ Ein aktuelles Beispiel bieten die Ängste, die von rechtspopulistischen Politikern genutzt und verbreitet werden, vor Flüchtlingen. Obwohl auch hierbei die Zahlen eine andere Sprache sprechen. Es geht von einem Flüchtling, der zu uns ins Land kommt, nicht mehr Gefahr aus als von einem lange ansässigen Bürger unseres Landes. Dennoch haben die Ängste vor Flüchtlingen zugenommen. Solche Emotionen zu schüren, ist ganz einfach. Oft werden nur ein oder zwei Beispiele genannt: Wenn ein Syrer oder ein Iraker eine Frau vergewaltigt hat, wird Angst erzeugt, auch wenn danach in den Medien geschrieben wird, dass dies ein einzelner Fall war. Das negative Gefühl sitzt im Kopf des Bürgers fest. Es zu entfernen ist sehr schwierig. Negative Nachrichten, auch wenn sie richtig sind, sitzen fester als positive. Jemand glaubt mehr an das Negative als an das Positive. Er fühlt sich schwach, und je schwächer er ist, desto anfälliger ist er für negative Nachrichten. Das hat damit zu tun, und dabei spielt unsere Erziehung eine Rolle, dass wir die Kinder und Jugendlichen im Laufe ihrer Entwicklung nicht genügend ermutigen. Wir trichtern ihnen nicht genug Mut ein, den Glauben an die eigenen Fähigkeiten, den Glauben an sich selbst, an das eigene Potenzial, auf das man zurückgreifen kann.

Welche Rolle spielen die sozialen Medien?
Ich vermute, dass dies alles noch verstärkt hat. Zum Beispiel, wenn etwas in die Welt gesetzt wird, ohne den Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Richtig oder falsch, spielt dabei keine Rolle – das Negative übt eine größere Faszination aus. Die Ängste sind dadurch größer geworden.

Was kann man dagegen unternehmen?
Dass wir zum Beispiel an unsere Kinder glauben müssen. Dies stärkt sie. Es fängt bei den Eltern an, denn starke Eltern machen starke Kinder. Wenn ich selbst dauernd an mir zweifle und ein sehr negatives Selbstwertgefühl habe, kann ich meine Kinder nicht stärken. Also ist es wichtig, dass die Eltern auch an sich arbeiten und sich selbst Mut machen, ihre Einstellung ändern und stärker aus sich herauskommen. Schließlich sind auch sie das Produkt einer Erziehung, die nicht positiv war und nicht dazu beigetragen hat, sich stark zu entwickeln. Eltern sind nicht Supermenschen, auch sie müssen an sich arbeiten. Erziehung heißt auch und vor allem Selbsterziehung. Dann sind wir auch fähig, unsere Kinder stark zu machen. Denn ich kann nicht mein Kind stark machen, wenn ich mich selbst als großen Versager empfinde.

In der ersten Lebensphase sollte dafür gesorgt sein, dass das Kind in seinem Verlangen nach Dazugehören und Lernen nicht verunsichert wird. Angst tritt dann ein, wenn beide Verlangen nicht erfüllt werden.

Eine generationenübergreifende Entwicklung. Wenn Menschen, die im Krieg aufgewachsen sind, ihre nie verarbeiteten Ängste und Traumata, die aus dem Krieg resultieren, diese Ängste weitergeben an ihre Kinder an die nächste Generation.
Die Ängste wurden nicht nur nie verarbeitet, sondern es wurde auch versucht, sie wegzuwischen und zu vergessen. Doch sie kommen immer wieder auf.

Zurück zum Kind im Kleinkindalter. Wenn die Beziehung zwischen Mutter und Kind von Anfang an gestört ist, wächst das Kind schon von früh an mit Angst auf.
Es ist zutiefst verunsichert. Denn das Schlimmste, was einem Menschen widerfahren kann, ist nicht dazuzugehören. Wir sind als soziale Menschen geboren. Wenn ich einen Fisch aus dem Wasser herausnehme, stirbt er. Das Wasser des Lebens für den Menschen ist die Gemeinschaft. Wenn ich ihn schon früh aus diesem Wasser nehme, versucht er um sich zu schlagen. Das erklärt gewisse aggressive Reaktionen bei Kindern, denn Aggressivität ist ein Ausdruck von Verloren-Sein und Ausgegrenzt-Sein. Die Aggression ist wie ein Hilferuf: „Hey, ich bin da. Wenn du es nicht merkst, dann wende ich Gewalt an, dann schlage ich.“ Gerade durch das aggressive Verhalten wird die Person aber noch mehr ausgegrenzt. Nicht selten kommt es zum Selbstmord. Vor allem bei älteren Menschen ist das Phänomen des Suizids stark vorhanden, weil sie das Gefühl haben, nicht mehr gebraucht zu werden. Letzteres ist ein Zustand, der zu Depressionen führt – und zur Selbstaufgabe.

Was muss man also tun, wenn Kinder verängstigt sind?
Die beste Arznei gegen Angst ist Liebe. Anerkennung und Liebe sind die Antwort auf Angst. Sie schaffen Sicherheit und das Gefühl, dazu zu gehören. Das gilt auch für aggressive Kinder. Nicht strafen. Dies würde nur das Gegenteil auslösen. Stattdessen soll auch ihnen Anerkennung und Liebe gezeigt werden. Das ist aber etwas, was in unseren Gesellschaften häufig fehlt.

Fotos: Pixabay, Philippe Reuter

Fari Khabirpour
Der Psychologe und Psychotherapeut war unter anderem Direktor des „Centre de psychologie et d’orientation scolaire“ (CPOS), der Vorläufer des „Centre psycho-social et d’accompagnement scolaires“ (CePAS), und danach des „Centre de rétention“ für abgelehnte Asylbewerber. Seit er 2012 in Rente ging, arbeitet der heute 67-Jährige weiterhin als freischaffender Psychotherapeut.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Philippe Reuter

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