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„Kinder brauchen Zeit und Ruhe“

Viele Familien stehen beim Thema „Orientation scolaire“ unter Druck. Tanja Kieffer, Psychologin vom CPOS, zeigt Wege aus der Stressfalle und verrät, wie man den Leistungsdruck bei Kindern mindern kann. (Fotos: Ermolaev Alexandr/Fotolia, Tanja Feller/Editpress)

Woran liegt es, dass immer mehr Eltern das Bestmögliche aus ihrem Kind herausholen wollen?
Das hat mit unserer Gesellschaft zu tun. Viele Eltern haben heute Angst um die Zukunft ihrer Kinder. Es gibt einen enormen Bildungsdruck. Dieser fängt schon früh an und stellt hohe Anforderungen an die betroffenen Kinder sowie die Eltern. Zudem leben wir in einer Leistungsgesellschaft. Das zieht sich durch alle Bereiche wie die Ausbildung, Gehalt, Benehmen, Anpassen, Intelligenz bis hin zum Aussehen eines Menschen. Was zählt, ist die Leistung und weniger das Sein, das Können, die Zeit oder die Beziehungen. Es geht um Resultate, und die müssen schnell da sein. Die Kinder sollen heute auch möglichst früh gefördert werden. Es geht auch darum, dass man eine gute Ausbildung bekommt. Das setzt voraus, dass man Verschiedenes gut kann. Zudem sind beide Elternteile oft berufstätig. Sie erleben wiederum auch selbst Druck im Job, denn sie müssen ihr Pensum erfüllen, um die Arbeit zu behalten oder um überhaupt um einen Job zu bekommen. Es geht überall um Leistungsdruck. Kinder lernen das schon sehr früh.

Wie halten Sie von diesem „Förderungshype“?
Kinder haben unterschiedliche Interessen und Bedürfnisse, welche selbstverständlich gefördert und unterstützt werden sollen. Diese Unterstützung ist für eine normale Entwicklung des Kindes sinnvoll. Normen, die die Kinder schon im frühen Alter erfüllen müssen, halte ich für bedenklich. Wenn ein Kind in einem bestimmten Alter schon krabbeln, sprechen und eine neue Sprache lernen muss, wird es schwierig, da es lediglich um bestimmte Vorstellungen der Eltern geht und um hohe Leistungserwartung Es geht hier weniger um Freude, Erleben, Entdecken und darum, was das Kind interessiert und was es spielerisch ausprobieren und erlernen möchte. Lernen ist immer ein Prozess, das heißt, das Kind muss nicht direkt etwas können. Das braucht Zeit. Kinder sollten sich mit etwas auseinandersetzen und so lernen, wo ihre Stärken und Schwächen liegen. Es geht um Begleiten. Jemanden dort abholen, wo er gerade steht.

„Nicht fördern, sondern dem Kind sein Vertrauen schenken.“

Warum warten Eltern die Entwicklung ihres Kindes nicht in Ruhe ab?
In Ruhe etwas abzuwarten, bedeutet auch, dass man als Eltern das Nichtstun auch aushalten kann. Nicht fördern, sondern dem Kind sein Vertrauen schenken. Die Entwicklung eines Kindes braucht Zeit, das ist ein Prozess. Hier wechseln sich Ruhe und Tun ab. Es geht aber auch darum, dass sich das Kind mit seinem Inneren beschäftigt. Das können auch viele Erwachsene nicht mehr so gut. Deshalb können sie das auch nur schwer an ihre Kinder weitergeben. Eltern stellen zudem sehr hohe Anforderungen an sich selbst. Haben sie als Eltern alles für ihr Kind gegeben? Wenn ein Kind zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht alles kann, heißt es auch indirekt, dass die Eltern nicht alles dafür getan haben. Dass das Kind etwas mehr Zeit oder Aufmerksamkeit braucht, ist dann schwer zu erkennen und nachzufühlen. Schnell wird hinterfragt, was schief gelaufen ist und wird dann korrigiert. Es gibt oft auch ein Zuviel von Zuwendung seitens der Eltern. Früher konnten Kinder überall spielen, und die Eltern wussten oft nicht, wo ihr Kind gerade war. So konnten die Kinder beim Spielen viele Fähigkeiten erlernen. Das ist heute kaum noch der Fall. Entwicklung heißt auch loslassen, sich befreien von Erwartungen, im Hier und Jetzt leben, unterstützen und helfen. Und lernen, wie man mit Rückschlägen umgeht.

Ist es nicht normal, dass man als Eltern seine Kinder idealisiert?
Das Idealisieren ist normal. Eltern idealisieren ihre Kinder und umgekehrt. Pubertät und Adoleszenz ist die Zeit, in der das Kind merkt, dass Mama und Papa vielleicht auch nicht immer alles richtig machen. Für Eltern ist es wichtig zu wissen, wo das Kind mit seiner Entwicklung gerade steht. Wenn es um Idealisierung geht, heißt das, dass Eltern von einer Entwicklung ausgehen, die nicht existiert, sondern die die Eltern gerne hätten. Das ist schwierig für ein Kind. Es darf nicht sein, wie es ist. Der Aufbau des kindlichen Selbstwertgefühls ist schwierig. Dass Eltern Wünsche oder Träume für ihr Kind haben, ist wichtig. Aber genauso wichtig ist es, dass sie ihr Kind so begleiten, wie es ist.

Schon einige Primärschulkinder haben bereits Erfahrung mit Therapien. Entwickeln sich die Kinder nicht der Norm entsprechend?
Heute wird oft schnell reagiert, wenn beim Kind eine Entwicklungsverzögerung auftritt. Manchmal kommt die Diagnose aber auch viel zu spät. Da hätte man schon früher reagieren sollen. Doch was ist die Norm? Lernschwierigkeit ist ein Begriff, der vieles beinhaltet. Häufig kann das Kind bestimmte Dinge zu einem bestimmten Zeitpunkt noch nicht und schnell ist die Rede von einer Lernschwierigkeit. Es ist wichtig, gemeinsam mit dem Lehrer, den Eltern und dem Kind zu sprechen und zu schauen, wie es dem Kind geht. Was braucht es? Was können Schule und Eltern tun? Wie kann man das Problem angehen und lösen? Brauchen wir professionellen Rat?

Warum fühlen sich Eltern bei der „Orientation scolaire“ für ihr Kind unter Druck gesetzt?
Der Eintritt ins Lyzeum ist für das Kind ein ganz großer Schritt in Richtung Erwachsenenwelt, Berufswelt und Auto-nomie. Und auch ein großer Schritt für die Eltern, die sich fragen, ob ihr Kind auch auf dem Gymnasium allein klar kommt. Zudem gibt es in unserer Gesellschaft schon früh eine Wertung über das klassische Lyzeum, technische Lyzeum und das „modulaire“. Das wissen schon die Kinder in der Primärschule. Auch wenn sie nicht genau wissen, was die Dreiteilung genau bedeutet. Es geht um ein gutes Ansehen in der Gesellschaft, um Kompetenzen und Zukunftschancen. Deshalb verspüren viele Eltern einen großen Druck. Die „Orientierung scolaire“ ist für einige Eltern so, als würden sie selbst auch ein Zeugnis über ihre Fähigkeiten bekommen.

Tanja Kieffer

31.03Die Luxemburgerin, 41, ist diplomierte Psychologin und Psychotherapeutin. Sie hat an der Universität in Strasbourg studiert und absolvierte ihre Zusatzausbildung als Psychotherapeutin in Belgien und Luxemburg. Seit 15 Jahren arbeitet Tanja Kieffer beim „Centre de psychologie et d‘orientation scolaires“ (CPOS) in der Hauptstadt. Sie hat selbst zwei Kinder.

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Welche Folgen hat der Leistungsdruck für das Kind?
Das kann sich zum Beispiel durch psychosomatische Erkrankungen, wie Kopf- oder Bauchschmerzen bei den Kleinen äußern. Aber auch Depressionen, Ängste und ein schwaches Selbstbewusstsein sind möglich. Einige Kinder und Jugendliche ziehen sich aber auch zurück, andere üben sich in Aktionismus. Oder brechen die Schule ab. Wenn ein Kind merkt, dass es nicht den Anforderungen entspricht, nagt das an seiner Seele. Eltern sollten unbedingt mit ihren Kindern reden, kommunizieren und zuhören.

Welche Schule ist für mein Kind die Beste?
Für Kinder ist es am wichtigsten zu wissen, auf welches Lyzeum die Freunde gehen. Für sie sind Beziehungen wichtig. Eltern sollten nach den Motiven fragen und mit dem Kind darüber diskutieren. Was auch wichtig ist, ist zu schauen, wie „funktioniert“ mein Kind. Schafft mein Kind es, täglich eine Stunde im Bus zu sitzen, obwohl es lieber draußen spielen würde? Zudem sollte man schauen, wie weit das Lyzeum vom Wohnort entfernt ist. Wie ist die Anfahrt? Ist es mit Hobbys vereinbar? Was ist dem Kind wichtig? Eine Besichtigung der Schule ist empfehlenswert, auch um sich vor Ort über die schulspezifischen Projekte und außerschulischen Aktivitäten zu informieren und gemeinsam eine Entscheidung zu treffen.

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Author: Philippe Reuter

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