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Kinokritik: Apollo 11

When we were one

Zwei Ereignisse machen den Sommer 1969 in der Geschichte der USA zu etwas Besonderem: Woodstock und die erste Mondlandung. Von letzterem erzählt die Dokumentation „Apollo 11“. Ergreifend.

„We choose to go to the moon“, verkündet Präsident John F. Kennedy im September 1962 im Namen der Vereinigten Staaten von Amerika – und der Menschheit. Knapp sieben Jahre später brechen Neil Armstrong, Buzz Aldrin und Michael Collins an Bord der Saturn V auf. Acht Tage lang – vom Start auf dem Gelände des Kennedy Space Center in Cape Canaveral bis zur Rückkehr der Astronauten – harren die Menschen, die 1969 bereits einen Fernsehempfang haben, vor der Mattscheibe aus. Und im Nachhinein brennt sich ein Satz für immer ins Gedächtnis ein: „That’s one small step for a man, one giant leap for mankind.“ Ob er tatsächlich gesagt worden ist oder nicht, spielt keine Rolle.

Für jemanden, der die Mondlandung nicht live miterlebt hat, ist „Apollo 11“ der reine Wahnsinn. Aus rund 600 Filmrollen, weiteren zum Teil unveröffentlichten Aufnahmen der Nasa und insgesamt 11.000 Stunden Audiomaterial hat Todd Douglas Miller eine 93 Minuten lange Dokumentation zusammengeschnitten, die – obwohl man die Handlung und deren glücklichen Ausgang kennt – spannender nicht sein könnte. Ungeachtet der unmissverständlichen Botschaft der Mission, mit welcher die USA die UdSSR im damaligen Technologiewettstreit übertrumpft, macht dieser Film deutlich, wie viel hätte schiefgehen können. Schließlich sind die drei Amerikaner, die stolz die US-Flagge in den Boden des eroberten Himmelskörpers rammen, „nur“ Menschen. Und genau diese Tatsache macht ihre Heldengeschichte derart berührend.

„Apollo 11“ zeigt ihre Gesichter, wie ihnen in die Raumanzüge geholfen wird, wie sie ihre Headsets ordnen oder Witze erzählen, dass sie und Kollegen beim Testen der Gerätschaften sozusagen als Dosenfleisch benutzt worden sind. Nicht alle haben das Training überlebt. Es gibt in dem Film kein neues Material, keine aktuellen Interviews, keine Erzählerstimme aus dem Off, keine historische Einordnung. Die Geschehnisse werden streng chronologisch geschildert. Damit der Zuschauer das Gefühl hat, hautnah bei dieser Mission dabei zu sein und Zeuge einer unvergleichlichen Raumfahrtepoche zu werden. So hat es sich Regisseur Todd Douglas Miller gewünscht. Ein äußerst cleverer Schachzug.

Dass mittlerweile 50 Jahre seit dieser neuen Definition der Grenzen des Möglichen vergangen sind, merkt man lediglich an den Brillen und den Kleidern der Leute, die am Tag des Starts auf der Ehrentribüne, auf Autodächern vor Supermärkten und auf Campingstühlen am Strand sitzen. Die neu digitalisierten Bilder des Mondes und der wolkenkratzergroßen Rakete, welche das Astronautentrio in den Himmel schießt, sehen derweil heute noch nach Zukunft aus. Beeindruckende Kamerafahrten geben die Ausmaße der labyrinthischen Computerbänke wieder, an denen die Manöver des Raumschiffes berechnet werden. Auch die Anzahl der größtenteils männlichen Techniker im Kontrollzentrum ist beeindruckend. Es wird dort mitunter sogar gescherzt.

Was Marvel-Filmen so gut wie nie gelingt, gelingt Todd Douglas Miller von der ersten bis zur letzten Filmminute: ein dramatisches Meisterwerk. Von der Qualität der gezeigten Aufnahmen über den Soundtrack und die charakteristischen Piep-Geräusche, die jeden Funkspruch begleiten, bis hin zum Showdown – alles perfekt. Die Mondlandung ist 1969 ein Jahrtausendereignis gewesen, das die Welt nachhaltig verändert hat, aber dennoch scheint alles ungemein menschlich über die Bühne gegangen zu sein. Essen, arbeiten, schlafen, Routine. Mit dem Spielfilm „First Man“ von Damien Chazelle, der die Apollo-Mission kritischer behandelt, ist diese Dokumentation in keiner Weise zu vergleichen. Und doch bewirken beide Werke etwas ganz und gar Ähnliches: die Feststellung, wie klein der Mensch angesichts der gewaltigen Bilder des Weltalls doch ist. Und bleiben wird.…

Apollo 11 ★★★★
Regie: Todd Douglas Miller, 93 Minuten, Utopia

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

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Author: Martine Decker

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