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Kinokritik: Ask Dr. Ruth

Let’s talk about sex

Dr. Ruth Westheimer ist 91 Jahre alt, hat den Holocaust überlebt und genießt in den USA Kultstatus. Über das Leben dieser unglaublichen Frau hat Ryan White einen heiteren Dokumentarfilm gedreht: „Ask Dr. Ruth“.

„Size doesn’t matter“ ist ihr wohl bekanntester, weil meistzitierter Satz. Im Juni vergangenen Jahres feiert die deutsch-amerikanische Sexualtherapeutin und Buchautorin Ruth Westheimer ihren 90. Geburtstag mit mehr als 300 Gästen im Museum of Jewish Heritage an der Südspitze Manhattans. Regisseur Ryan White ist selbstverständlich ebenfalls eingeladen. Mehrmals sieht man, wie das Festtagskind Schinkenscheiben vor die Kamera hält. Damit er davon koste. Geschenke hat sie keine haben wollen. Stattdessen bittet sie um Spenden. Und als die Feier zu Ende ist, und sie am Arm ihres Chauffeurs nach Hause geht, fragt sie diesen, ob er genug zu essen bekommen hätte. So ist Dr. Ruth Westheimer. Immer besorgt um das Wohl anderer.

Wie sie es geschafft hat, als über 90-Jährige immer noch so fit und fröhlich zu sein? Ihr Sohn kennt die Antwort. Er habe seine Mutter nie stillsitzen gesehen. Und schweigen kann sie genauso wenig. „Ich muss etwas tun, um zu rechtfertigen, warum ich am Leben bin“, erklärt die gerade mal 1,40 Meter kleine Dame ihren unermüdlichen Tatendrang. In ihrer ersten Radiosendung „Sexually Speaking“ löst sie mit ihren Gesprächen über Orgasmen, Erektionsprobleme und die Stellung der Klitoris eine kleine Revolution im prüden Amerika der 1980er Jahre aus. Offiziell hört natürlich niemand den um Mitternacht ausgestrahlten Sex-Talk, aber die Quoten schießen derart in die Höhe, dass Dr. Ruth Westheimer immer berühmter wird und Prime-Time-Sendeplätze bekommt.

Ihre Beliebtheit hat die Frohnatur ihrem Humor und ihrer Offenheit sowie der Tatsache zu verdanken, dass ihr die Vereinsamung von Menschen sehr zu Herzen geht. Ein Fakt, der auf ihre eigene Vergangenheit zurückzuführen ist. In „Ask Dr. Ruth“ kehrt die Protagonistin an die Orte zurück, an denen sie gelebt hat, besucht Freunde aus Heimtagen in der Schweiz, erzählt von unschönen Erinnerungen und ihrem Ehrgeiz. In Palästina wird sie von der jüdischen Untergrundarmee zur Scharfschützin ausgebildet, an ihrem 20. Geburtstag an beiden Füßen von einer Artilleriegranate verletzt, doch sie hat Glück. „Ich kann heute noch die ganze Nacht durchtanzen, wenn ich einen guten Partner habe“, vertraut sie Regisseur Ryan White an. Das Skifahren hat sie vor kurzem allerdings aufgegeben. Das Unterrichten an der Columbia-Universität nicht.

Über Sex reden die beiden seltsamerweise selten. Das Thema Sex wird lediglich in den Archivaufnahmen debattiert, die ausgegraben worden sind. Die schmerzhafte Kindheit der nach wie vor mit einem hessischen Akzent sprechenden Holocaust-Überlebenden wird mit Animationsbildern nacherzählt. In der Gegenwart wird viel gelacht. Sogar über ernste Dinge. „Deutsche Juden weinen nicht in der Öffentlichkeit.“ Dieser Satz macht deutlich, dass Dr. Ruth Westheimer auch Momente gekannt hat, in denen ihr nicht zum Scherzen zumute gewesen ist. Dass sie nicht weiß, wo ihre „verschollene“ Mutter umgekommen ist, und ihr Namensschild deswegen nicht an der Frankfurter Gedenkstätte neben den Namenstafeln des in Auschwitz getöteten Vaters und der Großmutter hängt, macht ihr sehr zu schaffen. Dafür, dass die Abtreibung legal bleibt, damit nicht wieder Kleiderbügel zum Einsatz kommen, hat sie sich ihr Leben lang eingesetzt. Das gleiche gilt für die Aufklärung über HIV-Infektionen. Kurzum: Was diese Frau geleistet hat, ist geradezu unglaublich.

Und so vergehen die 100 Minuten Filmzeit wie im Flug. Die Mischung aus TV-Ausschnitten, Interviews mit Familienangehörigen und Roadmovie-Szenen machen aus „Ask Dr. Ruth“ eine gleichermaßen spannende und gesellschaftlich wertvolle Dokumentation über einen Menschen, der nichts anderes getan hat, als anderen zu helfen. Und das tut Dr. Ruth Westheimer immer noch. Chapeau!

Ask Dr. Ruth ★★★★
Regie: Ryan White, USA 2019, 100 Minuten, Utopia.

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

Author: Martine Decker

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