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KinoKritik: „Bohemian Rhapsody“

Die Liste der Versäumnisse meines Lebens ist – wegen „Bohemian Rhapsody“ – noch länger geworden. Zu gern hätte ich Freddie Mercury live auf einer Bühne erlebt.

Das Dynamit hat Alfred Nobel erfunden, die Glühbirne Thomas Alva Edison. Den ersten gut funktionierenden Gasmotor, der in Boote und Fahrzeuge eingebaut worden ist, war eine Idee des Luxemburgers Jean-Joseph Étienne Lenoir. Als Erfinder der modernen Fließbandarbeit geht der US Amerikaner Ford in die Geschichte ein. Und Freddie Mercury? Er machte Queen 1975 weltberühmt. Mit dem Nummer-eins-Hit „Bohemian Rhapsody“ und der dazugehörigen Platte „A Night At The Opera“. Niemand glaubte damals an den Song, der mit sechs Minuten viel zu lang fürs Radio war, keinen Refrain hatte und dessen Schreie „Galileo, Galileo…“ alle Rockfans für immer hätten vertreiben können. Was jedoch nicht geschah.

Schauspieler Rami Malek, der den komplizierten und extravaganten Leadsänger auf geradezu magische Weise verkörpert, hat sich vor Drehbeginn intensiv mit den Songtexten von Queen auseinandergesetzt – und festgestellt, dass sich in „Bohemian Rhapsody“ der ganze Konflikt der Identität von Freddie Mercury offenbart: „I›m just a poor boy, I need no sympathy. Because I›m easy come, easy go, little high, little low. Anyway the wind blows. Doesn›t really matter to me, to me.” Die Geschichte des schüchternen Migrantensohns Farrokh Bulsara, der sich in der 1970er Jahren in einen bunten Pfau und in den 1980er in einen Ledermann verwandelt, ist deswegen derart wirkungsvoll, weil er an irgendeinem Punkt einfach aufhört, sich Gedanken darüber zu machen, was andere von ihm denken. „Ich kann sein, wer ich bin. Ihr könnt sein, wer ihr seid. Und wir alle können zusammen ‚We Are The Champions‘ singen.“ So funktionierte seinerzeit Inklusion.

Der Film beginnt und endet mit dem Auftritt von Queen beim Live-Aid-Benefizkonzert, das Bob Geldorf 1985 aus Anlass der akuten Hungersnot in Äthiopien organisiert hatte. Es war das bis dahin größte Rockkonzert, fand parallel im Londoner Wembley-Stadion und im John F. Kennedy Stadium in Philadelphia statt und vereinte für mehr als 16 Stunden die internationalen Topstars der Musikszene. Wie Rami Malek die einzigartige Körpersprache und die explosive Art Mercurys in diesen Momenten beherrscht, ist grandios. Man spürt förmlich das Adrenalin, das ihn angetrieben haben muss, sich auf die gleiche Weise zu bewegen. Der Rest des Biopics wird – gemessen an der Musik von Queen und dem doch ausschweifenden Lebens des Frontmanns – leider etwas bieder erzählt. Bryan Singer taucht nicht besonders tief in die Abgründe seiner Figuren, sondern beschränkt sich lieber darauf, die „schönen“ Seiten seiner Stars im Vordergrund zu zeigen. Die Orgien, die gefeiert wurden, bleiben tabu. Aber auch ohne explizite Sexszenen wird einem bewusst, was für ein schriller (und einsamer sowie zerrissener) Mensch Freddie Mercury auch außerhalb des Rampenlichts gewesen sein musste.

Außerdem bietet „Bohemian Rhapsody“ einen wundervollen Erzählsound. Innerhalb von nur zwei Stunden bekommt man alle wichtigen Lieder von Queen auf dem Plattenteller serviert. Anscheinend gibt es zeitliche Verschiebungen, was einzelne Hits betrifft, aber wer bitteschön stört sich daran, dass Rami Malek statt einer Föhnmähne bereits einen Schnauzbart und einen Burt-Reynolds-Scheitel trägt, als „We Will Rock You“ aufgenommen wird? Die Story des Films ist die eines Erfolgs. Fehlentscheidungen werden zwar aufgegriffen, aber nur kurz. Das Thema Aids bleibt am Rande. Über seine HIV-Infektion und die Krankheit hat Freddie Mercury nie sprechen wollen. Erst kurz vor seinem Tod im Alter von 45 Jahren gab er eine öffentliche Erklärung ab.

Bohemian Rhapsody ★★★★
Regie: Bryan Singer / mit Rami Malek, Lucy Boynton / USA 2018 / 135 Minuten /
Kinepolis.

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

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Author: Philippe Reuter

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