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KinoKritik: Dolor Y Gloria

Es sei ein Alptraum, keine Leidenschaft mehr für ein Projekt zu verspüren, meint Salvador Mallo. Und so lässt er es zu, dass ihn trotz seiner Beliebtheit Einsamkeit umweht. Statt die Ideen umzusetzen, die er in seinem Computer gespeichert hat, verbringt der Filmemacher seine Zeit damit, sich nach der Vergangenheit zurückzusehnen. Nach seiner geliebten Mutter, deren Tod er noch nach Jahren nicht überwunden hat. Nach seiner ersten großen Liebe, die aus seinem Leben verschwunden ist. Nach seiner glücklichen Kindheit.

Der Junge im Film wächst in sehr bescheidenen Verhältnissen auf. Doch – wie jede Mutter – will auch seine Mutter (gespielt von einer strahlend schönen Penélope Cruz), dass ihr Kind eine bessere Zukunft hat. Ihre Kraft und ihr Wille, immer das Beste aus allem zu machen, sind ungemein beeindruckend. Auch für den kleinen Salva. „Dolor y gloria“ enthält etliche Elemente aus dem Leben von Pedro Almodóvar, ist indes keine Autobiografie. Es hat weder einen Maurer gegeben, dessen Nacktheit ihn ohnmächtig werden ließ, noch kam es zur Versöhnung mit seinem ehemaligen Lover, aber die Frauen, die sich um ihn kümmern und gekümmert haben – die Assistentin, die Haushälterin und selbstverständlich seine Mutter – sind reale Figuren. Und ebenfalls der Erfolg sowie die Schmerzen, die das Altern mit sich bringt, sind nicht erfunden.

Während der erste Teil des Films, in dem Schauspieler Antonio Banderas wie schlafwandelnd wirkt und vor Selbstmitleid dahin zu schmelzen droht, etwas zäh und repetitiv ausgefallen ist, sickert in der zweiten Hälfte mehr Selbstironie durch. Salvador Mallo beginnt, Heroin zu schnüffeln. Er trifft sich mit dem Hauptdarsteller seines ersten Erfolgs „Sabor“, mit dem er seit einer Ewigkeit zerstritten ist, und schenkt ihm sogar einen seiner Texte. Obwohl er immer noch furchtbare Rückenschmerzen hat, nachts nicht schlafen kann und gelegentlich an Erstickungsanfällen leidet, werden die Tage, an denen er an Gott glaubt und betet, seltener. Und als plötzlich sein Liebster aus jungen Jahren vor der Tür steht, und die beiden einen wunderbaren Abend miteinander verbringen, ist der depressive Filmemacher gewandelt. Schluss mit den Drogen, Schluss mit der Abkanzelung. Eine tolle Wohnung und Kunstwerke zu besitzen, ist toll. Wahre Freunde zu haben, ist etwas anderes. „Dolor y gloria“ ist kein Lamento. Eher die Schilderung des physischen und psychischen Zustands eines alternden Mannes, der keine Besserung erwartet. Pedro Almodóvars bislang zärtlichstes Werk. Eine bewegende Hommage an seine strenge Mutter, die einen so großen Platz in seinem Leben eingenommen haben muss, dass von dem Vater so gut wie keine Rede ist.

Filmen sei sein Lebenselixier, sagt Salvador Mallo. Am Ende überwindet er seine existenzielle Krise, indem er sich mit der Trauer und dem erlittenen Verlust abfindet und sich gleichzeitig mit seinen körperlichen Schmerzen versöhnt. Er geht zum Arzt, lässt sich operieren und lächelt sogar kurz vor der Narkose. In Cannes, wo „Dolor y gloria“ im offiziellen Wettbewerb lief, kündigte Pedro Almodóvar an, dass sein nächster Film die Geschichte eines Mannes erzählen wird, der sich für nichts mehr begeistern kann. Sich selbst kann er damit wohl nicht gemeint haben, denn so melancholisch sein aktuelles Drama auch ausgefallen ist, man spürt immer noch diese tiefe Leidenschaft des spanischen Regisseurs für die Filmkunst.

Dolor y gloria ★★★★★
Regie: Pedro Almodóvar, mit Antonio Banderas, Penélope Cruz, Leonardo Sbaraglia, E 2019, 112 Minuten, Kinepolis.

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

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Author: Philippe Reuter

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