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KinoKritik: Dronningen

Jeder Mensch trägt Verantwortung. Für sich und für andere. Mal mehr, mal weniger. Als Anwältin für Familienrecht hat Anne (Trine Dyrholm, eine grandiose Schauspielerin) täglich mit misshandelten oder vernachlässigten Kindern und Jugendlichen zu tun. Zu Hause führt sie derweil ein perfektes Familienleben mit zwei reizenden heranwachsenden Töchtern, denen sie abends aus „Alice im Wunderland“ vorliest, und einem Mann (Magnus Krepper), der sich kümmert. Beruflich weiß die Mittvierzigerin jede noch so verfahrene Situation schnell zu erfassen und findet für jeden jungen Zeugen die richtigen Fragen. Doch dann lädt sie selbst Schuld auf sich, und die idyllische Wohlstandsblase platzt.

„Dronningen“ (auf Deutsch: die Königin) ist ein Film über menschliches Scheitern. In einer Schlüsselszene sagt Anne zu Stiefsohn Gustav, ihre größte Angst sei, dass alles verschwindet. Und genau das droht zu passieren, nachdem sie den erst Sechzehnjährigen verführt hat und dieser den Missbrauch später seinem Vater anvertraut. Doch was tut die Juristin daraufhin? Sie leugnet nicht nur alles, sondern stellt den Jungen als Lügner dar. Ein Moment, der einen völlig fassungslos macht und der einem für sehr lange Zeit im Gedächtnis bleiben wird. Wie kann es sein, dass eine intelligente Frau, die stets nach dem Recht handelt, derart skrupellos handelt? May el-Toukhy, Regisseurin der hervorragenden dänischen TV-Serie „Die Erbschaft“ und Assistentin bei „Borgen“, würde wahrscheinlich antworten: Weil die Tragödie sie als private Person trifft. Und weil Menschen halt fehlbar sind.

Anfangs hat man noch Mitleid mit der „Queen of Hearts“, die sich mehr vom Leben erwartet als Routine. Mehr Aufmerksamkeit. Etwas Abenteuer. Besseren Sex. Durch die Affäre mit Gustav sieht Anne sich plötzlich anders: unverkrampfter und lebendiger, zudem auch wagemutiger. Sie lässt Gäste bei einer Dinnerparty in ihrem Haus einfach allein, ohrfeigt ihren Mann im Bett, will wieder begehrt werden. Zu lange scheint sie sich selbst nicht mehr wirklich wahrgenommen zu haben. Trine Dyrholm spielt diese einer existentiellen Krise ausgesetzten Frau mit einer Konsequenz, die unter die Haut geht. Obwohl ihr Leid selbstgemacht ist und es für das, was sie tut und getan hat, keine Entschuldigung gibt, ist ihr Verhalten nachvollziehbar. Sie muss eine Entscheidung treffen – allein. Und so entscheidet sie sich, nichts auf Spiel zu setzen. Weil sie ganz genau weiß, dass ihr nicht viel passieren wird. Nicht Gustav wird man vor Gericht glauben, nicht sie würde bestraft werden. Aber so weit kommt es gar nicht.

Ohne explizit zu verraten, wie die Geschichte endet, May el-Toukhy kennt keine Gnade. So sehr man sich als Zuschauer wünscht, dass die Wahrheit irgendwann ans Licht kommt, damit die Dinge wieder schwarz und weiß werden und Klarheit herrscht, „Dronningen“ bleibt ein unversöhnlicher Film. Es ist der jungen Filmemacherin hoch anzurechnen, dass sie sich für ihren zweiten Spielfilm ein so schwieriges Thema ausgesucht hat. Dass sie Trine Dyrholm eine Bühne bietet, wie sie Schauspielerinnen mittleren Alters leider immer seltener angeboten werden. Noch dazu passt alles zusammen: die minimalistische Musik, welche die unterschwellige Spannung noch unerträglicher macht, die naturalistischen Bilder, die Symbolik des Waldes, in den die Figuren sich zurückziehen, wenn sie allein sein wollen. Trotzdem: Das Unbehagen bleibt.

Dronningen ★★★★
Regie: May el-Toukhy, mit Trine Dyrholm, Gustav Lindh, Magnus Krepper, DK 2019, 127 Minuten, Utopia

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

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Author: Philippe Reuter

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