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KinoKritik: Murer – Anatomie eines Prozesses

In „Murer – Anatomie eines Prozesses“ rollt Christian Frosch den Skandalprozess gegen den „Schlächter von Wilna“ neu auf. Ein Statement gegen das Vergessen.

Graz 1963. Ein angesehener Lokalpolitiker und Großbauer muss sich wegen schwerer Kriegsverbrechen im Ghetto von Wilna (der heutigen litauischen Hauptstadt Vilnius) vor einem Geschworenengericht verantworten. Die Beweislast ist erdrückend. Für die wenigen Juden, die zu Beginn des Zweiten Weltkrieges in dem „Jerusalem des Nordens“ überlebt haben, war der Name Franz Murer der Inbegriff des Nazi-Terrors. Er hat Söhne vor den Augen ihrer Väter, Väter vor denen ihrer Kinder ermordet oder ermorden lassen. In der ehemaligen Sowjetunion wurde der Österreicher nach Kriegsende bereits zur Höchststrafe von 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, doch nach sechs Jahren Haft kommt er frei, macht in seiner Heimat sogar Karriere und lebt – bis zu seinem Tod im Januar 1994 – ein friedvolles Dasein. Unglaublich, aber leider wahr.

Vieles ist schief gelaufen in diesem Prozess, der mit einem skandalösen Freispruch endet, die Opfer der Shoah verhöhnt und einen Massenmörder zum Sieger macht. Dass das Ansehen der österreichischen Justiz durch diesen Fall arg beschädigt wird und die Beziehung zu Israel in eine Krise gerät sind damals eigentlich nur Kollateralschäden, weitaus beschämender und geradezu furchterregend ist die Art und Weise, wie während den Verhandlungstagen mit der NS-Vergangenheit umgegangen wird. Von den Zeugen der Verteidigung hat niemand von nichts gewusst. Alle beschreiben den Judenhasser Franz Murer als einen pflichtbewussten Mann von tadellosem Ruf. Dass er etwa 40.000 Menschen auf einem Areal zusammenpferchte, das für lediglich 4.000 vorgesehen war, dass er Tausende Ghetto-Bewohner nach Ponary gebracht hat, wo sie exekutiert wurden, dass er wahl- und grundlos selbst getötet hat, wird als eine Verschwörung abgetan. Franz Murer soll zum Sündenbock gemacht werden. Unfassbar.

Die österreichisch-luxemburgische Koproduktion „Murer – Anatomie eines Prozesses“ rollt nicht nur den Prozess neu auf, sondern erzählt zudem, was sich außerhalb des Gerichtssaals abgespielt hat: die Reaktionen der Journalisten, unter denen sich auch Hannah Arendt befindet, die emotionale Überforderung eines „befangenen“ Geschworenen, die unbedingte Liebe einer Frau zu einem Mann, der ein Unmensch ist, die politischen Absprachen… Diese Parallelstränge sind mitunter noch erschütternder als die Zeugenaussagen der Männer und Frauen, die Franz Murer als ein nach Blut gierendes Monstrum in Erinnerung haben. Denn sie belegen, dass man in den letzten 55 Jahren nicht wirklich weitergekommen ist, dass es das Nazi-Problem nach wie vor gibt, dass man Salonpopulisten wie Sebastian Kurz nicht blind vertrauen sollte. Erschreckend.

Von John Ford stammt anscheinend die Aussage, dass es im Kino nichts Spannenderes zu filmen gibt, als das menschliche Gesicht. Auch für Christian Frosch sind die Gesichter der Schauspieler zuweilen wichtiger als das, was gesagt wird. Ihn interessierte beim Murer-Prozess weniger, zum wiederholten Mal die Verbrechen des NS-Regimes nachzuerzählen, stattdessen wollte er verstehen, wie sich die verschiedenen Gruppen (Täter, Opfer und Zusehende) darstellten. Die Filmszenen im Gerichtssaal wurden übrigens in den Studios in Kehlen gedreht. Etliche Nebenrollen sind mit Luxemburger Schauspielern besetzt. Und wie Koproduzent Paul Thiltges treffend in einem Interview bemerkte, hofft man als Zuschauer bis zur letzten Filmminute, dass Franz Murer für schuldig gesprochen wird, weil es nicht sein darf, dass ein Mann, der für den Tod von fast 80.000 Menschen verantwortlich ist, ungeschoren davonkommt.

Murer – Anatomie eines Prozesses ★★★★
Regie: Christian Frosch / mit Karl Fischer, Alexander E. Fennon, Melita Jurisic, AUT/L 2018 / 110 Minuten / Utopia.

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

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Author: Philippe Reuter

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