Schönheit liegt bekanntlich im Auge des Betrachters. Doch selbst Anne Mehlinger, Besitzerin des wahrscheinlich einzigen Art Cars Luxemburgs, versteht ihre Kreation als abgeschmackt. Eine Anekdote über ein kleines Auto namens „Puppy“ und die Ästhetik des Hässlichen.
Text: Françoise Stoll (revue@revue.lu) / Fotos: Ute Metzger
Angefangen hat alles mit harmlosen Kunstrasenfliesen. Sie sehen eigentlich ganz nett, vielleicht ein wenig hippie-mäßig aus. Aber niemand weiß genau, wofür sie hergestellt werden. So erging es auch der damals 23-jährigen Anne. Sie bemerkte rasch, dass solche Produkte – ohne erkennbaren Sinn oder Funktion – keine Ausnahme sind. Sie verschönern ihre Umgebung nicht und machen die eigenen vier Wände auch nicht häuslicher; sie sind meistens einfach nur hässlich.
Doch irgendwie faszinieren diese Dinge die Studentin, die zugibt, ein gewisses Faible für das Andersartige zu hegen, „Bad Taste“-Parties mag und bereits am „Ugly Dance World Cup“ teilgenommen hat. Vor fünf Jahren kramte sie die besagten Fliesen und etlichen anderen Klimbim vom Dachboden hervor und begann das Armaturenbrett ihres Citroën C1 damit zu dekorieren.
Heute ist ihr Auto nicht mehr wiederzuerkennen. Menschen sprechen sie an jeder roten Ampel an, klemmen ihr Fan-Briefe hinter die Scheibenwischer und ärgern sich gelegentlich auch über die geballte Ladung Kitsch auf vier Reifen. Die Reaktionen sind verschieden. Was Anne mit dem Projekt erreichen will, weiß sie selbst nicht so genau.
Bei Mitfahrgelegenheiten auf der Strecke Luxemburg-Köln beweist sie auf jeden Fall Wiedererkennungswert. TÜV-Mitarbeiter wie Kfz-Mechaniker staunen ebenfalls nicht schlecht. Um Aufmerksamkeit geht es bei Pkw „Puppy“ jedoch nicht. Die 28-Jährige, die sich selbst als ruhigen und eher scheuen Menschen beschreibt, erklärt sich das Phänomen wie folgt: „Wenn ich an meinem Auto arbeite, fühle ich mich beinahe wie ein Kind, das sich verausgabt und das tut, was es schon immer tun wollte“.

United Colors of Puppy: Das Interieur des C1 gibt es so nicht ab Werk. Nicht mal der Kunstrasen wird von Citroën als Option angeboten.

Ihre „Zitrone“ ist eine Art kreatives Ventil. Warum sich jemand ausgerechnet an einem Transportmittel austobt, ist nicht schwer zu erraten. Das Auto ist nicht gemietet und wird auch nicht auf Raten abbezahlt. Es ist eines der wenigen Dinge, das die Germanistik- und Orientalistik-Studentin momentan ihr Eigen nennen kann. Aus dem überschaubaren C1 wird ein Symbol der Individualität und der Freiheit.
Überhaupt kann „Puppy“ als Schnittstelle in Annes Leben betrachtet werden. Wie ein Magnet nimmt er ganz verschiedene, meist bunte Elemente in sich auf. Es ist kein Zufall, dass indische Einflüsse (Stoffe, Schmuck, Vishnu- und Ganesha-Sticker) im kleinen Wagen wiederzufinden sind. Einerseits durch das Interesse seiner Besitzerin an Indienwissenschaften, andererseits durch ihre zwölfjährige Erfahrung im Bauchtanz. Etliche Reisen in ihr südasiatisches Lieblingsland – wie sie sagt, eine farbenfrohe Welt des Staunens und der Gegensätze – nicht zu vergessen.
Die Eigentümerin des indischen Taxis der anderen Art ist, in ihrer Freizeit und nebenberuflich, Performerin. Durch Kunst setzt sie sich selbst, wie offensichtlich auch ihr Auto, in Szene. Ihr Tanzstil reicht von orientalisch zu neo-burlesk und ist Ausdrucksmittel ihrer Persönlichkeit. Wenn Anne (unter Künstlernamen wie Divanna oder Anna Venture) auf der Bühne steht, treten andere Seiten an ihr in Erscheinung und das meist in überspitzter Form. „Eigentlich wollte ich immer Deutsch unterrichten, doch in dem Job gibt es nicht genug Raum für Verrücktheit“, gesteht sie schmunzelnd.
Dann fällt ihr doch wieder ein, was sie mit ihrer ganz eigenen „Pimp my ride“-Einlage bewirken wollte und immer noch will. Dem Grau der Straße und des Alltags trotzen, die Menschen überraschen und ihnen ein Lächeln aufs Gesicht zaubern. Auf Anfrage stellt sie gerne ein „Tuning-Basic-Starter-Kit“ zusammen, dem es mit Sicherheit nicht an Glitzer, Perlchen und Steinchen mangeln wird. Avis aux amateurs!








