Bücher sind das Tor zu neuen Welten. Von Bilderbüchern, Krimis über Fantasy und Abenteuergeschichten, all das lebt zwischen den Buchdeckeln. Doch was tun, wenn das eigene Kind ein Büchermuffel ist? Pädagogin Manuelle Waldbillig-Schank erklärt, warum Vorlesen für Kinder wichtig ist und wie Eltern das kindliche Lesen fördern können.
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Welche Rolle spielen Eltern bei der Entstehung kindlicher Leselust?
Eltern spielen eine sehr wichtige Rolle, denn sie besitzen eine Vorbildfunktion für ihr Kind. Das bedeutet, dass sie mit gutem Beispiel vorangehen und zu Hause auch lesen sollen. Lesen soll nicht etwas Fremdes sein, sondern zum Alltag dazugehören. Bücher sollten immer im Haus sichtbar sein. Für Kinder ist es wichtig, dass sie einfachen Zugang zur Lektüre haben. Das betrifft den Ort der Aufbewahrung, die Kleinen sollten alleine an ihre Bücher herankommen. Ideal ist ein fester Platz im Haus oder im Kinderzimmer, eine Art Bücherecke. Außerdem ist es wichtig, dass Eltern sich genügend Zeit zum Vorlesen nehmen. Der Alltag des Kindes sollte nicht mit zu vielen Aktivitäten verplant sein, denn dann bleibt nur noch wenig Zeit zum Vorlesen bzw. Lesen. Das elterliche Vorlesen ist das A und O. Mit Fingerspielen, Reimen oder Kinderliedern können Eltern schon ganz früh beginnen, bereits nach der Geburt. Dadurch wird die frühkindliche Sprachentwicklung gefördert. Die Babys erlernen, spüren sogar die Sprache und die ersten Synapsen bilden sich aus.
Diese Aufmerksamkeit prägt also die Einstellung des Kindes zum Lesen…
Genau, durch das Vorlesen schenken Eltern ihrem Kind zudem Aufmerksamkeit und Geborgenheit. Die Kleinen verbinden Lesen später mit etwas Positivem, mit einem gewissen Wohlgefühl. Lesen sollte ein tägliches Ritual sein. Die Regelmäßigkeit ist wichtig, auch wenn es nur täglich wenige Minuten in Anspruch nimmt. Einmal im Monat sich mit dem Kind hinsetzen und ein Buch vorlesen, bringt nur wenig. Beim Vorlesen ist es wichtig, dass die Eltern auch mit in die Geschichte eintauchen, lebhaft vorlesen, die Stimme modulieren und auf Mimik und Gestik achtgeben. Das macht das Vorlesen viel spannender.
Wie kann man Lesemuffel zum Lesen motivieren?
Man sollte nie Zwang ausüben! Nur durch den zwanglosen Umgang mit Büchern kann erst die Leselust beim Kind entstehen. Wer ein Kind hat, das kaum liest, sollte ihm immer wieder unterschiedliche Lektüre anbieten und ihm auch den freien Zugang zu Büchern ermöglichen. Eine gute Alternative kann auch der gemeinsame Besuch in einer Bibliothek sein. Dort kann man neue Bücher entdecken. Die Familie sollte sich genügend Zeit nehmen, alles in Ruhe anschauen und die besondere Atmosphäre auf sich wirken lassen. Wenn ein Kind nicht von sich aus lesen möchte, sollten Eltern ihm weiter vorlesen. Auch spezielle Lesungen für Kinder sind eine gute Möglichkeit. So bleiben die Kleinen in Kontakt mit Büchern und dem Lesen. Als „erste Hilfe“ für Lesemuffel eignen sich zudem Bilderbücher mit farbigen Illustrationen oder altersgerechte Comics. Die Texte sind kurz und die Bilder regen zum Weiterlesen an. Bilder können eine Brücke zum Lesen sein. Sie unterstützen das kindliche Kopfkino. Auch die „Tiptoi“-Reihe mit Lesestift von Ravensburger bietet Kindern zum Beispiel zusätzlich zum erzählten Text, ansprechende Bilder, pädagogisch wertvolle Spiele sowie schöne Soundeffekte. Sie ist eine attraktive Alternative zum klassischen Buch.
„Jungen lesen im Durchschnitt etwas weniger und seltener als Mädchen und haben eine Präferenz für kurze Texte.“ Manuelle Waldbillig-Schank, Pädagogin
Gibt es Unterschiede zwischen dem Leseverhalten von Mädchen und Jungen?
Die meisten Jungen lesen im Durchschnitt etwas weniger, ein bisschen seltener und sie haben eine Präferenz für kurze Texte. Jungs haben auch inhaltlich andere Interessen. Mädchen lesen gerne Beziehungsbücher, Liebesgeschichten, Tier- und vor allem Pferdegeschichten. Jungs mögen dagegen lieber Action-, Helden- und Abenteuergeschichten und tauchen gerne in andere Welten ein. Mädchen lesen gerne etwas über Alltagsszenen. Viele von ihnen haben eine Präferenz für Geschichten mit einer inneren Haltung, mit Psychologie und Emotionen. Bei den meisten Jungen sind Bücher, bei denen es inhaltlich um Feinde und um Kampf geht, beliebt. Interessant ist, dass viele Mädchen auch sogenannte „Jungenliteratur“ lesen. Andersherum lesen Jungs jedoch keine sogenannten „Mädchenbücher“ – oder würden es zumindest nie freiwillig zugeben.
Woran liegt das?
Das hat mit der genderspezifischen Rolleneinteilung in unserer Gesellschaft zu tun. Auch viele Erwachsene vermitteln noch heute ein solches Bild an ihre Kinder weiter. Das bedeutet, dass die Jungen Lesen mit etwas typisch Weiblichem assoziieren, weil diese Beschäftigung zu Hause, im Kindergarten und in der Schule häufig von Frauen weitergegeben wird. Viele Jungen können sich in der Pubertät nicht mehr so damit identifizieren. Das Lesen passt nicht mehr in ihr Jungen- bzw. Männerbild. Viele Jungs kommen in dieser Zeit auch in die Lesekrise. Deshalb ist es wichtig, dass auch Väter von Beginn an ihren Kindern etwas vorlesen. Damit zeigen sie, dass Bücher lesen auch etwas Männliches sein kann.





Die Luxemburgerin, 39, hat Pädagogik an der Universität in Heidelberg studiert. Sie besitzt zudem eine Ausbildung als systemische Therapeutin und ist auf Lernschwierigkeiten, Konzentrationsprobleme und Lese- und Rechtschreibschwäche bei Kindern spezialisiert. 2007 machte sich Manuelle Waldbillig-Schank mit einer eigenen Praxis in Tetingen selbstständig und arbeitet u.a. auch mit der Elternschule der Stiftung Kannerschlass zusammen. Die Pädagogin ist verheiratet und hat einen Sohn.

