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Komm, wir lesen!

Bücher sind das Tor zu neuen Welten. Von Bilderbüchern, Krimis über Fantasy und Abenteuergeschichten, all das lebt zwischen den Buchdeckeln. Doch was tun, wenn das eigene Kind ein Büchermuffel ist? Pädagogin Manuelle Waldbillig-Schank erklärt, warum Vorlesen für Kinder wichtig ist und wie Eltern das kindliche Lesen fördern können.

Fotos: Tania Feller/Editpress, Oksana Kuzmina/Fotolia

Welche Rolle spielen Eltern bei der Entstehung kindlicher Leselust?
Eltern spielen eine sehr wichtige Rolle, denn sie besitzen eine Vorbildfunktion für ihr Kind. Das bedeutet, dass sie mit gutem Beispiel vorangehen und zu Hause auch lesen sollen. Lesen soll nicht etwas Fremdes sein, sondern zum Alltag dazugehören. Bücher sollten immer im Haus sichtbar sein. Für Kinder ist es wichtig, dass sie einfachen Zugang zur Lektüre haben. Das betrifft den Ort der Aufbewahrung, die Kleinen sollten alleine an ihre Bücher herankommen. Ideal ist ein fester Platz im Haus oder im Kinderzimmer, eine Art Bücherecke. Außerdem ist es wichtig, dass Eltern sich genügend Zeit zum Vorlesen nehmen. Der Alltag des Kindes sollte nicht mit zu vielen Aktivitäten verplant sein, denn dann bleibt nur noch wenig Zeit zum Vorlesen bzw. Lesen. Das elterliche Vorlesen ist das A und O. Mit Fingerspielen, Reimen oder Kinderliedern können Eltern schon ganz früh beginnen, bereits nach der Geburt. Dadurch wird die frühkindliche Sprachentwicklung gefördert. Die Babys erlernen, spüren sogar die Sprache und die ersten Synapsen bilden sich aus.

Diese Aufmerksamkeit prägt also die Einstellung des Kindes zum Lesen…
Genau, durch das Vorlesen schenken Eltern ihrem Kind zudem Aufmerksamkeit und Geborgenheit. Die Kleinen verbinden Lesen später mit etwas Positivem, mit einem gewissen Wohlgefühl. Lesen sollte ein tägliches Ritual sein. Die Regelmäßigkeit ist wichtig, auch wenn es nur täglich wenige Minuten in Anspruch nimmt. Einmal im Monat sich mit dem Kind hinsetzen und ein Buch vorlesen, bringt nur wenig. Beim Vorlesen ist es wichtig, dass die Eltern auch mit in die Geschichte eintauchen, lebhaft vorlesen, die Stimme modulieren und auf Mimik und Gestik achtgeben. Das macht das Vorlesen viel spannender.

Wie kann man Lesemuffel zum Lesen motivieren?
Man sollte nie Zwang ausüben! Nur durch den zwanglosen Umgang mit Büchern kann erst die Leselust beim Kind entstehen. Wer ein Kind hat, das kaum liest, sollte ihm immer wieder unterschiedliche Lektüre anbieten und ihm auch den freien Zugang zu Büchern ermöglichen. Eine gute Alternative kann auch der gemeinsame Besuch in einer Bibliothek sein. Dort kann man neue Bücher entdecken. Die Familie sollte sich genügend Zeit nehmen, alles in Ruhe anschauen und die besondere Atmosphäre auf sich wirken lassen. Wenn ein Kind nicht von sich aus lesen möchte, sollten Eltern ihm weiter vorlesen. Auch spezielle Lesungen für Kinder sind eine gute Möglichkeit. So bleiben die Kleinen in Kontakt mit Büchern und dem Lesen. Als „erste Hilfe“ für Lesemuffel eignen sich zudem Bilderbücher mit farbigen Illustrationen oder altersgerechte Comics. Die Texte sind kurz und die Bilder regen zum Weiterlesen an. Bilder können eine Brücke zum Lesen sein. Sie unterstützen das kindliche Kopfkino. Auch die „Tiptoi“-Reihe mit Lesestift von Ravensburger bietet Kindern zum Beispiel zusätzlich zum erzählten Text, ansprechende Bilder, pädagogisch wertvolle Spiele sowie schöne Soundeffekte. Sie ist eine attraktive Alternative zum klassischen Buch.

„Jungen lesen im Durchschnitt etwas weniger und seltener als Mädchen und haben eine Präferenz für kurze Texte.“ Manuelle Waldbillig-Schank, Pädagogin

Gibt es Unterschiede zwischen dem Leseverhalten von Mädchen und Jungen?
Die meisten Jungen lesen im Durchschnitt etwas weniger, ein bisschen seltener und sie haben eine Präferenz für kurze Texte. Jungs haben auch inhaltlich andere Interessen. Mädchen lesen gerne Beziehungsbücher, Liebesgeschichten, Tier- und vor allem Pferdegeschichten. Jungs mögen dagegen lieber Action-, Helden- und Abenteuergeschichten und tauchen gerne in andere Welten ein. Mädchen lesen gerne etwas über Alltagsszenen. Viele von ihnen haben eine Präferenz für Geschichten mit einer inneren Haltung, mit Psychologie und Emotionen. Bei den meisten Jungen sind Bücher, bei denen es inhaltlich um Feinde und um Kampf geht, beliebt. Interessant ist, dass viele Mädchen auch sogenannte „Jungenliteratur“ lesen. Andersherum lesen Jungs jedoch keine sogenannten „Mädchenbücher“ – oder würden es zumindest nie freiwillig zugeben.

Woran liegt das?
Das hat mit der genderspezifischen Rolleneinteilung in unserer Gesellschaft zu tun. Auch viele Erwachsene vermitteln noch heute ein solches Bild an ihre Kinder weiter. Das bedeutet, dass die Jungen Lesen mit etwas typisch Weiblichem assoziieren, weil diese Beschäftigung zu Hause, im Kindergarten und in der Schule häufig von Frauen weitergegeben wird. Viele Jungen können sich in der Pubertät nicht mehr so damit identifizieren. Das Lesen passt nicht mehr in ihr Jungen- bzw. Männerbild. Viele Jungs kommen in dieser Zeit auch in die Lesekrise. Deshalb ist es wichtig, dass auch Väter von Beginn an ihren Kindern etwas vorlesen. Damit zeigen sie, dass Bücher lesen auch etwas Männliches sein kann.

Ausgewählte Buchtipps*

• „Hoppe, hoppe Reiter – Die schönsten Kindereime für die Kleinen“, Anne-Kristin zur Brügge (Hg.), Ellermann Verlag, ab 2 Jahren
• „Enni die Ente“, Tandem Verlag, ab 2 Jahren
• „Mein Wimmel-Bilderbuch“, verschiedene Themen, Ali Migutsch, Ravensburger Verlag, ab 2 Jahren
• „Junior. Wieso? Weshalb? Warum?“, verschiedene Themen, Ravensburger Verlag, ab 2 Jahren
• „Schreimutter“, Jutta Bauer, Beltz und Gelberg Verlag, ab 3 Jahren
• „Robbi regt sich auf“, Mireille d‘Allance, Beltz & Gelberg Verlag, ab 3 Jahren
• „Petterson und Findus“, Sven Nordqvist, Oetinger Verlag, ab 3 Jahren
• „De Maulef an d‘Blimmchen“ von Tanja Brück, Edition Binsfeld, ab 3 Jahren
• „Tiptoi-Bilderbuch“, verschiedene Themen, Ravensburger Verlag, ab 4 Jahren
• „Irgendwie Anders“, Kathryn Cave & Chris Riddell, Oetinger Verlag, ab 4 Jahren
• „Herr Glück und Frau Unglück“, Antonie Schneider, Thienemann Verlag, ab 4 Jahren
• „So ein Kack“, Pernilla Stalfelt, Moritz Verlag, ab 5 Jahren
• „Der Buchstaben-Fresser“, Paul Maar, ab 6 Jahren
• „Der Kleine Prinz“. Das große Pop-up-Buch, Antoine Saint-Exupéry, Karl-Rauch-Verlag,
ab 8 Jahren
• „Das magische Baumhaus. Im Tal der Dinosaurier“, Mary Pope Osborne, Loewe Verlag, ab 8 Jahren
• „Ein Fall für TKKG“, Krimi-Reihe, Stefan Wolf, Krimi-Reihe, cbj, ab 9 Jahren
• „Hot Dog“, Krimi-Reihe, Thomas Brezina, Schneider Buchverlag, ab 9 Jahren
• „Gregs Tagebuch“, Reihe, Jeff Kinney, Baumhaus Taschenbuch, ab 10 Jahren

*von Manuelle Waldbillig-Schank

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Verdirbt häufiges Fernsehen den Lesecharakter?
Zu viel Fernsehen ist für nichts gut. Es schadet der Fantasie und kommt dem Bewegungsdrang der Kinder nicht entgegen. Man sollte als Eltern darauf achten, dass das Kind nur limitiert fernsieht – das gilt übrigens auch für die Neuen Medien. Denn nur so hat der Nachwuchs noch Zeit zum Lesen. Das Berieseln lassen vorm TV kann dem Lesen die Show stehlen. Trotzdem halte ich nichts davon, den Kleinen das Fernsehen komplett zu verbieten. Das bewirkt das Gegenteil. Kinderbücher, Fernsehen und/oder Neue Medien können sich aber auch durchaus gut ergänzen und das Lesen unterstützen

„Beim Vorlesen ist es wichtig, dass die Eltern auch mit in die Geschichte eintauchen und lebhaft vorlesen.“

Was verpassen Kinder, wenn sie nicht mit Büchern aufwachsen?
An erster Stelle fehlt ihnen vor allem eine gewisse Allgemeinbildung. Schließlich heißt es nicht umsonst, Lesen bildet. In Bücher können Kinder viele Dinge erfahren, die sie sonst nie zu wissen bekommen. Zudem verpassen solche Kinder auch jede Menge in Sachen Spracherwerb und Wortschatz. Hierzulande werden die Kleinen auf Deutsch alphabetisiert. Deshalb ist es sinnvoll, wenn sie schon vorher durch Bücher oder Vorlesen Zugang zur deutschen Sprache hatten. Lesen ist enorm wichtig und beispielweise wichtiger als Rechtschreibung. Nur wer heute lesen kann, kann in unserer Gesellschaft eine gute Ausbildung machen, sich informieren und selbstständig leben. Wer häufiger liest, bekommt automatisch mehr Wörter in sein orthographisches Lexikon. Das bedeutet, dass unser Gehirn bekannte Wörter abspeichert und später ein bestimmtes Wort schon anhand von wenigen Buchstaben vor dem kompletten Lesen erkennt. Somit liest man flüssiger. Egal, welchen Beruf ein Kind später ergreifen möchte, Lesen muss man heute in jedem Job. Wenn das zu Hause jedoch versäumt wurde, müsste die Schule das Defizit ausgleichen. Aber auch sie hat nur limitierte Kapazitäten.

Zur Person: Manuelle Waldbillig-Schank

14.10Die Luxemburgerin, 39, hat Pädagogik an der Universität in Heidelberg studiert. Sie besitzt zudem eine Ausbildung als systemische Therapeutin und ist auf Lernschwierigkeiten, Konzentrationsprobleme und Lese- und Rechtschreibschwäche bei Kindern spezialisiert. 2007 machte sich Manuelle Waldbillig-Schank mit einer eigenen Praxis in Tetingen selbstständig und arbeitet u.a. auch mit der Elternschule der Stiftung Kannerschlass zusammen. Die Pädagogin ist verheiratet und hat einen Sohn.

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Welchen Einfluss hat die soziale Herkunft auf die kindliche Lesefreude?
Es gibt Studien, die belegen, dass Kinder aus sozial benachteiligtem Milieu nicht so gut lesen können. Das hängt damit zusammen, dass diese Kinder in der Regel weniger Zugang zu Büchern haben. Zudem ist bei diesen Eltern meist auch weniger Lesekultur vorhanden. Ich würde mir wünschen, dass diese Eltern mehr unterstützt und für das Lesen sensibilisiert werden.

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Author: Philippe Reuter

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