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Kompakte Sachlichkeit

Es klingt in etwa so verheißungsvoll wie der Satz „die Geissens kommen zu Besuch“, aber die Fakten sprechen nun einmal für sich: Volkswagen, der derzeit größte Automobilhersteller des Planeten, forciert eine „weltweite SUV-Produktoffensive“.

Fotos: Volkswagen

Nach einem aufgefrischten Tiguan und dem gänzlich neuen T-Roc auf Golf-Basis 2017, dem in den USA erhältlichen Mittelgewichtler Atlas (in China und Russland heißt er Teramont) sowie dem darauf basierenden Pick-up Tanoak, derzeit noch nicht über das Stadium der Studie hinausgewachsen, und dem nicht zufällig in China als Weltpremiere gefeierten Touareg, haben die Niedersachsen bereits einige Eisen im Off-road-Feuer. Nur nach unten herum, in der SUV-Kita sozusagen, da ist noch Spielraum und Platz für weiteres Gezwerge, ehe mit dem I.D. Cross das erste vollelektrische SUV ab 2020 die Welt beglücken soll. T-Roc, T-Cross, Tanoak, I.D. Cross, Teramont… für die Namensgebung wird es wieder einmal keinen Pulitzerpreis geben, es klingt alles wie Blend a Med, Kukident, Jod S-11 Körnchen… und es führt dennoch kein Weg zum Buchhalter daran vorbei.

Eine Milliarde Euro sollen in diesem Kontext bis Ende des Jahres ins Werk in Navarra gepumpt werden, um den explosionsartig wachsenden Markt der kompakten SUV zu bedienen. Der nächste Spross auf Basis des modularen Baukastens (MBQ) steht bereits in den Startlöchern. Der Benjamin der Familie hört auf den Namen T-Cross, von dem in Brasilien und China spezielle auf die dortigen Märkte angepasste Versionen vom Band laufen werden. Ein kleiner Weltbürger eben.

Der T-Cross kann wie alle VW durch optionale Ausstattungspakete individualisiert werden. In der Basisversion sind Bordcomputer, Radio, variable Rücksitzbank, höhenverstellbarer Fahrersitz, Geschwindigkeitsbegrenzer und Fußgängerschutz bereits an Bord. Die nächsthöhere Ausstattungsvariante Life bietet zusätzlich ein Multifunktionslenkrad, eine Parkdistanzkontrolle vorn und hinten, eine Klimaanlage, einen höhenverstellbaren Beifahrersitz… Die dritte Ausstattungslinie Style bringt LED-Hauptscheinwerfer, Multifunktions-Lederlenkrad, Sport- oder Komfortsitze vorn, Ambientebeleuchtung, eine Klimatronic und 17-Zoll-Leichtmetallfelgen mit. Als Schmankerl gibt es ein optionales Soundsystem von Beats mit 300 Watt starkem Acht-Kanal-Verstärker und separatem Subwoofer im Kofferraum. Und eine um 14 cm verschiebbare Rückbank, die je nach Bedarf den Fußraum im Fond oder den Gepäckraum vergrößert. Zwölf Außenlackierungen stehen zur Wahl. Der Outdoor-Wicht ist in höchstem Maße personalisierbar und tritt dementsprechend jugendlich auf.

Die Basispreise beginnen ab Verkaufsstart (vor dem Erscheinen des Dieselmotors) bei 20.530 € für den 1.0 TSI T-Cross mit manuellem Fünfganggetriebe und 95 PS bzw. 24.820 € für den 1.0 TSI Style mit siebengängigem Doppelkupplungsgetriebe und 115 PS. Die drei Ausstattungsebenen heißen von unten nach oben T-Cross, Life und Style.

Ein Technik-Paket „Discover Media“-Navigation und TFT-Bildschirm kostet als Option (nur bei Life und Style) 1.622 € im Katalog, gibt es bei Verkaufsstart aber bereits zum Aktionspreis für 1.069 €. Für jeweils 679 € bekommt der Kunde diverse Pakete, die jenseits der sportlichen Sitze mit Lordosestützen ausschließlich dekorative Zwecke haben. Das R-Line Volkswagen R Paket mit „mucho“ Leder und Alu-Schnickschnack für optische Sportlichkeit schlägt je nach Ebene und Inhalt mit 1.790 € bis 2.574 € etwas schwerer zu Buche. Einen Diebstahl-Alarm gibt es für 259 €, einen adaptiven Abstandsregler bis 210 km/h Spitze für 479 €, eine Einparkhilfe für 551 €, eine Rückfahrkamera für 242 € und dynamische LED-Scheinwerfer mit Tagfahrlichtern kosten noch einmal 1.010 €.

Von der äußeren Erscheinung gibt der Knirps das Raubein, mit schöner Hülle und erstaunlich viel Fülle. Obwohl er auf der Polo-Basis ruht, bietet er deutlich mehr Platz im Innern. Ein breites Leuchtband im Heck, wohl geformte Schulterpartien, verkleidete Radhäuser und in Plastik eingefasste Nebelscheinwerfer sollen ein bisschen Holzfällerromantik versprühen und eine gewisse Off-road-Tauglichkeit suggerieren. Dabei sieht er auch gar nicht schlecht aus, mit seinem breiten Kühlergrill und den darin hineinfließenden Frontscheinwerfern. Alles geht flach, breit und ohne unnötige Kanten und Falten über die Bühne, weniger ist hier definitiv mehr. Durch die vier großen Türen steigt man in ein geräumiges und hochwertig anmutendes Interieur. Es ist nicht ganz so dezent wie beim Polo, aber das ist vermutlich gewollt. Herrchen spielt Polo, und Max ist Max.

Wegen dem Baukastenprinzip konnte der Motor weit nach vorne eingebaut und so das Problem der Raumausbeute im Innern optimal gelöst werden. Ist die Rückbank erst einmal im Verhältnis 60:40 umgeklappt, lässt sich der Stauraum von 285 auf 1.281 l vergrößern. Die Sitzposition ist wie zu erwarten erhöht (+10 cm gegenüber dem Polo), die Rundumsicht gut. Irgendwie sieht der C-Cross aus wie ein VW Polo, der es nicht durch die Dopingkontrolle schaffen wird. Dennoch ist es keineswegs nur ein Doppelgänger auf Stelzen. Er hat seine eigene Identität. Leider ist die Ladefläche bei umgelegten Sitzen nicht ganz eben. Als Trost kann man aber den Beifahrersitz nach vorne klappen und wieder mehr Stauraum herausschlagen. Ein weiterer Wermutstropfen: Es gibt trotz Abenteurer-Look keinen T-Cross mit Allradantrieb, wer also mit diesem kleinen SUV ins Gebüsch sprintet, trällert früher oder später das Liedchen „Ein Männlein steht im Walde“.

Im Innern wurden ein paar Farbakzente nicht allzu aufdringlich platziert. Trotz aller „Poppigkeit“ ist das Cockpit natürlich auf den ersten Blick als eines aus dem VW-Regal zu erkennen, auch wenn die Chose freilich gezielt jugendliche und jugendlich gebliebene „City Slicker“ ansprechen soll. Es soll vor allem jene Stadtmenschen bewegen, die endlich eingesehen haben, dass sie gar kein Pferd mitsamt Anhänger besitzen und in der Tiefgarage unter dem Supermarkt mit diesem T-Cross einfach besser um die Betonpfeiler  kommen als mit einem Touareg oder einer Planierraupe. Der kleine VW hat ebenfalls ein modernes Infotainment-Display mit vier USB-Anschlüssen und einer tiefen Ablage für das induktive Laden vor dem Schaltstock, ein tiefes Fach in der mittleren Armlehne und zwei Flaschenhaltern in den Türen. Warum sich also unnötig quälen? Er hat sogar ein nach unten abgeflachtes Lenkrad, das macht ein Auto im Handumdrehen sportlicher. Behauptet man jedenfalls.

Weil das stilvolle Stehen und das Loungen ja mittlerweile wichtiger erscheinen als das muntere Rollen und Bremsen, wollen wir ein paar Wörter über das Schleppnetz der virtuellen Gefühle verlieren, ehe wir auf die altmodischen Fahreigenschaften eingehen. Das kleinste Volkswagen-SUV ist mit vielen Sicherheitshilfen ausgerüstet. Zu den passiven Crash-Eigenschaften gesellt sich ein für dieses Segment doch beachtliches Spektrum an Fahrerassistenten. Dazu gehören serienmäßig das Front Assist inklusive Fußgängererkennung und City-Notbremse, ein Spurhalteassistent, ein Berganfahrassistent, ein proaktives Insassenschutzsystem sowie ein Spurwechselassistent mit integrierter Toter-Winkel-Erkennung. Optional erhältlich sind Müdigkeitserkennung, Keyless-Go, automatische Abstandsregelung und Einparkhilfe. Über eine Gratis-App können diverse Informationen zum Tankinhalt und dem Reifendruck wenn nötig auf Distanz abgerufen werden. Damit war die Entwicklungsabteilung bestimmt fast einen ganzen Nachmittag beschäftigt. Schon sinnvoller ist eine Funktion, die den Fahrer an die verbleibende Dauer seines Parktickets erinnert. Einziger Nachteil dabei: wenn der „Pëschert“ das spitzkriegt, haben Sie überhaupt keine Ausrede mehr. Die App hilft auch bei der Suche nach Parkplätzen und analysiert Ihren Fahrstil und gibt dann gut gemeinte Ratschläge, so wie Ihre Schwiegermutter auf dem Rücksitz. Letztere ist bekanntlich nie gratis und Sie können sie auch so gut wie nie nicht abschalten, also fängt der T-Cross an Sinn zu machen. Eine Funktion namens „My Challenges“ erlaubt dem Fahrer sogar, sich mit anderen T-Crossern mit Spieltrieb zu messen. Geht der Fahrer dann besonders effizient zu Werke, werden neue Spiel-Ebenen freigeschaltet. So, nun ist es raus und wir können endlich ans Eingemachte gehen.

Basismotorisierung für den kleinen Fronttriebler ist ein TSI-Dreizylinder-Turbobenziner mit Otto-Partikelfilter und einem Liter Hubraum, mit 95 PS und manueller Fünfgangschaltung. Der stärkere Motor leistet 115 PS und ist wahlweise mit einem Sechsgangschalter bzw. einem siebengängigen Doppelkupplungsgetriebe (DSG7) bestückt. Das Modell mit DSG verfügt serienmäßig über die zwei Fahrprogramme „Normal“ und „Sport“. Zwei weitere Motorisierungen werden demnächst folgen, darunter ein bei der Testfahrt auf Mallorca gefahrener aber noch nicht homologierter 1,6-Liter-Diesel. Später soll auch noch ein 1,5-Liter-Benziner folgen.

In der kleinsten Version schafft der T-Cross eine Spitzengeschwindigkeit von 180 km/h, Volvo-Maß demnach, und sprintet in 10,2 Sekunden von 0-100 km/h. Den offiziellen Spritverbrauch von durchschnittlich 4,9 l/100 km haben wir bei der Testfahrt freilich wieder einmal nicht geschafft, aber dafür hat selbst die Version mit 95 PS bereits einigen Fahrspaß abgeliefert. 115 P sind allerdings besser, wen wundert’s. Sie erlauben einigermaßen stressfreie Überholmanöver, auch wenn der Dieselmotor mit zusätzlichem Drehmoment das natürlich etwas besser kann. Und 95 PS? Geht auch, wenn der Fahrer lieber an seinen Apps spielt als wie ein Stuntman den Asphalt anzuheizen. Es gibt für diesen Mini-SUV auch keinen Allradantrieb, das ist sinnvoll, weil niemand den wirklich braucht, und traurig zugleich, weil es trotzdem schön gewesen wäre. Denn zu klein für einen 4×4 kam man gar nicht sein, das beweist seit Jahr und Tag der Panda. Als Off-Roader ist der T-Cross ein kleiner Blender, aber als On-Roader in der Stadt und über Land ist er besser als der kompakte SUV-Durchschnitt. Und poppig ist er, aber nicht verspielt.

+ Klare Designsprache ohne Mätzchen
+ Überraschend geräumig und modular
+ Komfortable Sitze, gute Rundumsicht
+ Mehr dynamische Qualitäten als befürchtet
+ Ordentliches Interieur trotz Hartplastik
+ Kluge Sitzkonfiguration für mehr Stauraum
+ Munterer Dreizylinder, guter Diesel
+ Integriertes Display, kein Tablet

Lenkung ohne viel Rückmeldung
Rollbewegung bei spritziger Fahrt
Manuelles Getriebe nicht sehr knackig
Kein Allradantrieb zu haben

T-Cross 1.0 TSI

Preis: Ab 20.530 €
Verbrauch: 4,9-5,0 (*4,9-5,1/**4,9) l/00 km
CO2: 112-114 (*112-115/**111-112) g/km

999 cm3
70 (*85) kW/95 (*115) PS @ ? U/min
175 (*200) Nm @ 2.000-3.500 U/min
1,5 (*10,2) s 0-100 km/h
180 (*/** 193) km/h

* Version mit 115 PS
** Version mit 115 & DSG7

Eric Netgen

Chefredakteur autorevue

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Author: Eric Netgen

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