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Kreatives Potenzial

Sie sind keine Berufsfotografen, nicht einmal Hobbyknipser. Es ist die Ausgangssperre, die bei Marc und Joëlle Theobald ein gewisses Fototalent erweckt hat, verbunden mit einer Prise Humor und einer ganz eigenen Vorstellung von Ästhetik.

Er war als Berufsfeuerwehrmann tätig und genießt seit zwei Jahren seine wohlverdiente Rente. Sie ist seit 30 Jahren Kindergärtnerin. Beide sind seit 26 Jahren glücklich verheiratet, haben zwei Söhne die bereits ihre eigenen Wege gehen, ein schönes Häuschen und einen traumhaften Garten. Und ja, sie haben es sicher schon erraten, zwei schneeweiße Hunde besitzen sie auch. Es ist das Bild eines idyllischen Familienlebens. Fast ein bisschen zu banal, um darüber einen Artikel zu schreiben, doch da gibt es ein Detail, das diesen Rahmen regelrecht sprengt.

Zehn Bilder, zehn Fotos, zehn Selbstporträts, zehn Augenblicke aus dem Leben, die man allerdings nicht zu ernst nehmen sollte. „Wir nehmen uns selbst nicht zu ernst“, verrät Marc Theobald lachend, während Joëlle hinzufügt: „Wir machen halt verrückte Sachen und sind auch eher lustig.“ Ein herzhaftes Lachen kann sie sich nicht verkneifen. Was für ein erstaunliches Paar ich da vor mir sitzen habe. Es ist nicht nur amüsant, sondern berichtet mir mit voller Begeisterung über die eher zufällige Entstehung ihrer Selfies. Als sei alles nur ein Streich gewesen, der ihnen herrlich viel Spaß bei der Ausarbeitung gemacht hat.

„Wir nehmen uns selbst nicht zu ernst.“ Marc Theobald

DSC_7415„Die Leute fragen uns regelmäßig, wer denn diese Fotos von uns gemacht hat“, verrät Marc Theobald amüsiert. „Ich muss zugeben, ein Handy und dessen Selbstauslöser genügen.“ Beim Anblick der verschiedenen Bilder klingt es fast unglaublich, wenn beide verraten, dass sie nicht einmal Hobby-Fotografen sind. Nicht einmal Tipps haben sie sich im Internet über die Kunst der Fotografie geholt. Alles war eine Art Nacht-und-Nebel-Aktion. Spontan und wahrscheinlich auch ohne jegliche Hintergedanken. Eine Beschäftigung gegen die Langweile während der Ausgangssperre. Erst als sie das erste Foto, das beide im Neoprenanzug auf der Couch ihres Wohnzimmers geschossen haben, weil ihnen der Gang zum Schwimmbad zu sehr fehlte, auf Facebook posten, werden sie von positiven Kommentaren und „Likes“ fast überflutet.

„Wir haben nur positive Kritik bekommen“, betont Marc. „Eigentlich waren wir nie sehr aktiv auf den sozialen Netzwerken“, meint Joëlle. „Wir publizieren eher selten etwas, weil wir eigentlich der Meinung sind, dass wir ein sehr langweiliges Leben haben“, fügt sie lachend hinzu. Diese Aufmerksamkeit und sicherlich auch die Anerkennung sind der Motor für die folgenden Kreationen, die sich auch gerne davon inspirieren, was Marc und Joëlle zum Beispiel im Internet gesehen haben, wie dieses humorvolle Video der niederländischen Olympiaschwimmerin Sharon van Rouwendaal, die ihr Training, an einem Bungee-Seil befestigt, in einem aufblasbaren Kinder-Pool fortsetzte. Andere Shootings inspirieren sich von der aktuellen Lage, während der Ausgangssperre, wie das Foto, das am Vorabend der Wiedereröffnung der Baumärkte entstand.

Ihre Kreativität kennt irgendwann keine Grenzen mehr, und das Paar wird von Woche zu Woche erfinderischer. Das Highlight bleibt sicherlich der Tag, an dem sich beide vor der Grenzsperre in Echternach in Szene gesetzt haben. „Ja, das war sehr spannend“, berichtet Joëlle mit großer Begeisterung. Um fünf Uhr morgens ging bereits der Wecker, und um sechs waren beide am Tatort angekommen. „Wir wollten ja nicht unbedingt von der Polizei ertappt werden. Obwohl wir nichts Verbotenes gemacht haben. Wir hatten ja nicht die Absicht die Grenze zu überqueren.“ „Nein“, fügt ihr Mann lachend hinzu: „Wir wollten die Grenze stürmen. Alles musste ziemlich schnell gehen. Hätten wir ein bisschen mehr Zeit gehabt, wäre das Foto sicher viel schöner geworden. Doch spannend war es auf jeden Fall.“

All dies hätte vielleicht nicht zu Stande kommen können, denn anfangs wollten Marc und Joëlle Theobald eigentlich Videos drehen. Alles hatte mit einer Parodie von Freddie Mercury begonnen. Sie erinnern sich doch sicher noch an den Song „I want to break free“, aus dem Jahre 1984. Der Videoclip ist eine Parodie der britischen Seifenoper „Coronation Street“. In einer Kultszene des Videos sieht man Freddie Mercury verkleidet als Hausfrau mit Schnurrbart beim Staubsaugen. Genau diese Szene, so unglaublich es auch klingen mag, hat Marc Theobald zu Hause in Roodt-sur-Syre nachgespielt. „Wir haben eine Perücke gefunden, ein paar Damenkleider, und dann hat mich meine Frau in unserer Küche gefilmt“, verrät Marc amüsiert. „Nach zwei oder drei misslungenen Versuchen war die Nummer dann trotzdem in der Kiste. Und so kam uns die Idee, Kultszenen aus Hollywoodfilmen nach zu spielen. Doch ganz schnell haben wir bemerkt, dass wir eigentlich gar keine Begabung für das Filmen haben.“ Alleine bei diesem Gedanke muss er schmunzeln.

„Man soll immer aufhören, wenn es am schönsten ist.“ Joëlle Theobald

Eines steht auf jeden Fall fest: Groß rauskommen wollten beide sicherlich mit ihren Fotos nicht. Anfangs waren die Aufnahmen eher für ihre Familie und Bekannten gedacht, die sie während der Ausgangssperre nicht sehen konnten. „Schlussendlich hatten wir einen schönen Erfolg, aber irgendwann hat alles ein Ende“, meint Marc Theobald. Jetzt, wo das tägliche Leben für uns alle wieder langsam, aber sicher seinen normalen Lauf nimmt, soll auch mit dem schönen Zeitvertreib Schluss sein. „Man soll immer aufhören, wenn es am schönsten ist“, betont Joëlle.

Entdecken sie alle Fotos auf Facebook.

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Fotos: Privat Marc & Joëlle Theobald, Alain Rischard (Editpress)

Jérôme Beck

Journalist

Ressorts: Wissen, Lifestyle

Author: Martine Decker

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