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Kreisfahrt

An alle verstaubten Fahrräder und Kickboards in Kellern und Garagen: Das Zittern vor dem Sperrmüll hat ein Ende! Die Rettung heißt „De Vëlosbuttik“. Ein Ort, an dem Haico De Munnik und sein Team Gebrauchtes aufmotzen und mit gutem Beispiel vorangehen.

Sie hängen an den holzverkleideten Wänden, wie Trophäen auf Rädern: Gebrauchte Fahrräder, die mit blank poliertem Rahmen und frisch aufgepumpten Reifen neuen Abenteuern, verbeulten Fahrradwegen und Luxemburgs hektischem Straßenverkehr entgegenfiebern.

Schnellen Schrittes läuft ein Blondschopf mit Ziegenbärtchen durch das Gebrauchtfahrrad-Geschäft im Naturlook in Differdingen. Zwischen viel Holz und echter Baumstamm-Deko, riecht es nach Gummi. Haico De Munnik wischt sich die Hand an der Jeans ab, bevor er sie energisch zur Begrüßung reicht. Er lässt sich auf einen der großen Ledersessel fallen, zwischen denen ein Beistelltisch aus alten Fahrradteilen thront. „Das sieht toll aus.“ Der Fotograf, der Haico mit der Kamera porträtiert, zeigt amüsiert auf den kleinen Tisch. „Passt zum Thema.“ Haico lacht auf, legt die Hände zusammen. Ja, hier werde wirklich alles wiederverwertet. Scheinbar sogar Holzspäne, denn davon liegen im Schaufenster ganz schön viele.

Früher hatte der Koordinator von „De Vëlosbuttik“, beruflich wenig bis gar nichts mit gebrauchter Ware und Holz zu tun. Als Fahrradabteilungsleiter in einem Sportladen, war ihm mehr daran gelegen, hohe Preise für neue Produkte in die Kasse einzutippen. Seit der Eröffnung des Second Hand-Ladens im September radelt er auf der anderen Seite der Konsumwelt: auf der Halbkugel der Kreislaufwirtschaft.

„De Vëlosbuttik“ ist nämlich ein Projekt des „Centre Centre d’initiative et de gestion local“ (CIGL) der Differdinger Gemeinde und somit ein Non-Profit-Lokal, wie etwa der „Okkasiounsbuttik“ oder „Diffwäsch“. Was hier eingenommen wird, landet wieder im CIGL-Topf. „Im Neuhandel geht es immer um die neusten Techniken und Modelle.“ Haico kennt inzwischen beide Konzepte, fühlt sich eher in dem neuen Arbeitsumfeld zuhause. „Bei diesem Projekt stehen der soziale und der nachhaltige Gedanke im Vordergrund.“

Infrastrukturell muss sich einiges ändern, um gefahrloses Radeln zu ermöglichen. Haico De Munnik

Sowohl Privatpersonen als auch der Einzelhandel können hier neben Fahrrädern auch Tretroller, Skateboards, Rollerblades, E-Bikes, die passenden Accessoires oder Ersatzteile abgeben. Das Angebot wächst mit dem Input der Kundschaft. Es kann heute aus Fahrradhelmen bestehen, morgen schon um die passenden Radtaschen und Schuhe ergänzt werden – ein Laden wie eine Überraschungstüte. Wer was Bestimmtes sucht, sollte vorher anrufen.

Das fünfköpfige Team bringt die Sachen auf Vordermann. Im hinteren Bereich des überschaubaren Lokals werkelt ein Mann mittleren Alters in schwarzer Schürze und Polohemd an einem Rad rum, als Haico anmerkt: „Das sind alles keine Experten.“ „De Vëlosbuttik“ haucht nicht nur Gebrauchtware neues Leben ein, sondern auch der Karriere von Arbeitssuchenden bei der ADEM, die schon in dem Bereich gearbeitet haben oder aber noch keine Erfahrung mit Fahrrad-Mechanik mitbringen und die einen Weg zurück in den geregelten Berufsalltag suchen, wie jede Initiative des CIGL. Haico schaut zu seinem Kollegen, der nur Augen für das Rad auf seiner Werkbank hat. „Es macht Spaß, ihnen das nötige Know-How beizubringen.“

Die Idee für das Projekt, geht aufs Konto des grünen Bürgermeisters und CIGL-Präsidenten Roberto Traversini. Der vermutete in den Kellern und Garagen Luxemburgs zahlreiche ungenutzte, nicht motorisierte Fahrzeuge. Mit einem öffentlichen Aufruf ging das Team im August auf Räder-Jagd – und landete mit der Aktion einen Volltreffer. Die Ausbeute nach einem Monat: rund 300 Sportartikel. Es ist ein Konzept, das es so in Luxemburg noch nicht gab, aber anscheinend längst überfällig war. Dabei gilt das Großherzogtum nicht unbedingt als Second-Hand-Mekka. Flohmärkte und dergleichen boomen erfahrungsgemäß woanders mehr als hier. „Mit dem Material, das wir erhalten, könnten wir drei Läden füllen.“ Der hagere Koordinator mit den stechend blauen Augen lacht. „Roberto hatte ein gutes Bauchgefühl, das hat er mir schon vor der Eröffnung gesagt, und er hat Recht behalten.“

Der Großteil des Angebots besteht derzeit aus privaten Schenkungen, obwohl man sein Material auch direkt, zum Weiterverkauf oder auf Kommissionsbasis – 30 Prozent des Verkaufspreises wandern in die CIGL-Kasse, dafür werden die Artikel drei Monate lang im Laden ausgestellt – verkaufen kann. Momentan gibt es noch keine Kriterien, die die Artikel erfüllen müssen, um „De Vëlosbuttik“ als Sprungbrett zurück auf die Straße zu nutzen. Das soll sich aufgrund des Andrangs künftig ändern.

Bei diesem Projekt stehen der soziale und nachhaltige Gedanke im Vordergrund. Haico De Munnik

Zu Ramschpreisen verscherbelt wird hier allerdings nichts. Bei dem Besuch bewegen sich die Preise zwischen 100 und 250 Euro. Ein verlässlicher Richtwert ist das aber nicht. Besonders Vintage-Räder gibt es auch in Differdingen nicht für lau. Genaue Preise für die raren Rad-Perlen kann Haico, rege gestikulierend, nicht nennen. Die variieren von Rad zu Rad. „Manche Leute sind sich nicht bewusst, was für Klassiker sie in der Garage stehen haben. Die werden im Netz für 3.000, 4.000 Euro gehandelt. Das sind Räder, die sind über 40 Jahre alt“, verrät er stattdessen. „Die Räder bieten wir dann hier auch für mehr als 100 Euro an, wenn auch nicht zu Internet-Preisen.“ Ein Limit, gibt es nach obenhin nicht.

Haico selbst fährt kein Gebraucht-Rad, das gesteht er etwas beschämt. Er schiebt es auf seinen vorherigen Job. Acht Jahre lang sei er regelmäßig neue Modelle Probe gefahren. Als Freizeit-Radsportler hat er höhere Ansprüche, als dass das Rad vorwärts rollen und bremsen kann. Und dennoch reagierte er sofort auf die Stellenanzeige des CIGL. Es war ein „Coup de coeur“.

Zwar klingelt die Ladentür an jenem sonnigen Herbstnachmittag nur einmal und der Kunde geht leer aus, doch ist Haico mit den ersten Verkaufszahlen mehr als zufrieden. Angebot und Nachfrage halten sich die Waage. Die Kundschaft beschreibt er als „queesch duerch den Gaart“. „Einigen fehlen die finanziellen Mittel, um sich ein neues Rad anzuschaffen“, versucht er sich an einer Beschreibung, „andere wollen wenig Geld ausgeben, weil sie das Rad selten nutzen oder bei Diebstahl keinen hohen Verlust einstecken wollen.“

Viele von ihnen seien tatsächlich auch offen für den Umstieg auf die sanfte Mobilität. „Ich beobachte immer öfter, dass Eltern ihre Kinder in Differdingen mit dem Rad zur Schule fahren“, sagt Haico. „Nur sind die Radfahrer noch zu oft im Straßenverkehr unterwegs. Infrastrukturell muss sich einiges ändern, um gefahrloses Radeln zu ermöglichen.“ Zu seinem früheren Arbeitsplatz in Wickringen ist er geradelt, von Petingen aus. Jetzt ist ihm der Weg zu weit.

Über die teilweise desaströsen Radwege schüttelt er unschlüssig den Kopf. Anstatt sich groß darüber aufzuregen, freut er sich aber lieber über jeden gekennzeichneten Weg, den er nutzen kann. Für ihn ist das Glas womöglich auch halb voll und nicht halb leer. Auch über die „mBox“, den Gitterkäfig für auf ihre Fahrer und Fahrerinnen wartenden Räder, der inzwischen unter anderem den Vorplatz des Differdinger Bahnhofs schmückt, zeigt er sich begeistert. Dabei könnte man meinen, intelligent platzierte Fahrradständer im gesamten öffentlichen Raum seien sinnvoller.

Es ist nur ein kleiner Gedankenausflug über Luxemburg und seine Alltags-Radfahrer, den Haico wagt. Seine Antworten fallen knapp aus, wenn es nicht um den Laden geht. Umgangssprachlich würde man sagen: Er ist voll drin, im „De Vëlosbuttik“. Über die beiläufige Frage, ob er gebürtig aus Holland stamme oder woher der Familienname komme, muss der zurückhaltende 42-Jährige schmunzeln. Ja, das abgegriffene Klischee, Holland sei eine Fahrradnation, bewahrheite sich in seinem Fall. Mit 12 zog er mit seiner Familie nach Luxemburg – und hier hofft er nun darauf mit „De Vëlosbuttik“ ein Zeichen für den ökobewussten Konsum zu setzen, darauf, andere Gemeinden zu inspirieren.

In Gedanken, ist er sogar schon ein paar Schritte weiter und spricht von angedachten Reparatur-Workshops oder von sowas wie einer Flatrate für Kinderräder: „Für jede Wachstumsphase ein neues Rad zu kaufen, geht ins Geld – ein Rad auf bestimmte Zeit zu mieten, bis ein größeres fällig ist, ist nachhaltiger und günstiger. Aber das Konzept müssen wir noch ausarbeiten und konkretisieren.“ Die Motivation ist auf jeden Fall schon am Start.

Fotos: Julien Garroy (Editpress)

Übrigens
„De Vëlosbuttik“ bietet auch für andernorts gekaufte Drahtesel einen Reparaturservice an. Der Laden (2, avenue Charlotte, Differdingen) ist dienstags bis freitags von 10:00 bis 18:00 Uhr, samstags von 9:00 bis 17:00 Uhr geöffnet und telefonisch unter der Nummer 24558817 zu erreichen.

Isabel Spigarelli

Ressorts: Wissen, Kultur

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Author: Philippe Reuter

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