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Krieg der Stereotypen

Als Maral Malka vor zehn Tagen im israelischen Jaffa ihre Hochzeit mit Mahmoud Manosur feierte, schützte die Polizei das Brautpaar vor jüdischen Demonstranten. Denn die Rechtsextremen waren dagegen, dass eine junge Jüdin einen Mann muslimischen Glaubens heiratet und sogar zum Islam konvertiert. Erst kürzlich hat Israels ultranationalistischer Außenminister Avigdor Lieberman seine Landsleute dazu aufgerufen, arabische Geschäfte und Restaurants zu boykottieren.

Es ist eine Momentaufnahme des Nahostkonflikts, der erneut eskaliert ist, seit die israelische Armee Anfang Juli mit der Militäroffensive „Protective Edge“ (Schutzrand) auf den Raketenbeschuss Israels durch die Hamas aus dem Gazastreifen reagierte – eines Konfliktes, den es seit mindestens 66 Jahren gibt, als der Staat Israel gegründet wurde und der Unabhängigkeitskrieg ausbrach.

Andere Momentaufnahmen sind jene: Mitte Juli wurde in Paris eine Synagoge mit einem Brandsatz angegriffen, überwiegend nordafrikanische Demonstranten skandierten „Tod den Juden“. In Österreich stürmten türkischstämmige Fans bei einem Gastmatch von Maccabi Haifa das Spielfeld und attackierten die israelischen Spieler. Wie in anderen Ländern kam es auch in Deutschland zu Pro-Palästina -Demonstrationen, bei denen antijüdische Parolen gerufen wurden.

Der Nahostkonflikt wird also nicht nur in Israel und Gaza ausgetragen, sondern auch auf Europas Straßen und in den europäischen Medien. Ebenso hier in Luxemburg. Dabei ist es durchaus legitim, die israelische Politik und das Vorgehen der israelischen Regierung zu kritisieren. Es war richtig, dass Außenminister Jean Asselborn unlängst das Vorgehen der israelischen Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu im Gaza-Streifen verurteilte. Das hat nichts mit Antisemitismus zu tun. Schließlich soll das Handeln der Regie- rung Israels nach denselben Maßstäben des Völkerrechts beurteilt und notfalls verurteilt werden – wie das Handeln anderer Regierungen auch.

Es ist überzogen, hinter jeder Kritik an Israel eine antisemitische Äußerung zu sehen. Doch nicht selten wird die Grenze zwischen legitimer Kritik und Judenfeindlichkeit überschritten. Denn das „Man darf ja mal Kritik üben“ ist nicht weit entfernt von dem Spruch „Ich bin kein Rassist, aber…“ Wer den einen unterstellt, sie würden bei jeder Gelegenheit die Moralkeule des Antisemitismusverdachts hervorholen, sollte sich auch der eigenen Stereotypen bewusst sein.

Israel besteht nicht nur aus Netanjahu und Lieberman.

Diese Stereotypen sind nicht selten judenfeindlich. Ob er nun zugenommen hat oder nicht, der Antisemitismus ist nach wie vor ein Problem. Der neue Antisemitismus geht sowohl von Rechtsextremen als auch von radikalen Islamisten aus. Zudem gibt es eine linke Kritik am Zionismus, der die Palästinenser zu Opfern stilisiert. Alle drei Richtungen – der rechte, linke und der islamische Antisemitismus – stellen den israelischen Staat in Frage.

Doch Israel besteht nicht nur aus Netanja- hu und Lieberman. Trotz der momentanen Stärke nationalistischer Politiker gibt es in Isra- el Menschen, die Kritik an ihrer Regierung üben. Sie haben zurzeit einen schweren Stand. Diese Kritiker wissen, dass Israel die Bombardierung von Schulen der Vereinten Nationen im Gazastreifen nicht mit dem Recht auf Selbstverteidigung begründen kann. Die israelischen Militärinterventionen haben die Hamas erst gedeihen lassen, die sich brüstet, das palästinensische Volk zu repräsentieren und Zivilisten als Schutzschilde benutzt sowie Abschussrampen und Waffenlager unter Wohnhäuser, Schulen und Krankenhäusern baut. Die kritischen Stimmen in Israel sollten, parallel zum Druck auf die israelische Regierung, auch in Europa stärker gehört werden. Und nicht die Stereotypen von einst.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Georges Noesen

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