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Krisenerprobt

Die hiesige Landwirtschaft hat den Lockdown relativ unbeschadet überstanden. Sie erweist sich sogar als systemrelevant. Der Schuh drückt woanders.

Die Straßen wie leergefegt, ein paar Radfahrer und Jogger – dazu vereinzelt Spaziergänger: Dieses Bild von der sogenannten eingeschränkten Bewegungsfreiheit während der Coronavirus-Pandemie haben viele noch in Erinnerung. Kaum einer denkt noch an den einen oder anderen Traktor, der unterwegs war, oder an jene Bauern, die für die Mehrheit der Menschen hierzulande nicht sichtbar in ihren Betrieben ihre Arbeit verrichteten.

Der gut dreimonatige Lockdown hat für viele Einwohner Luxemburgs den Alltag zumindest vorübergehend völlig verändert. Begleitet von der Angst, mit dem Coronavirus infiziert zu werden, befanden sich laut einer Statec-Umfrage zwischen dem 29. April und dem 8. Mai 69 Prozent der Beschäftigten hierzulande in diesem Zeitraum im Home Office, während sich ihre schulpflichtigen Kinder im Home Schooling abmühten. Hinzu kommen die Menschen in Kurzarbeit und jene Kinder, die nicht in die Tagesstätten konnten. Für die Landwirte blieb zumindest auf den ersten Blick alles beim Alten. Außer dass auch ihre Kinder zu Hause blieben.

„Der Konsument ist zu weit weg von der Landwirtschaft.“ Marc Fisch

Bauer-Fisch-20---001-Kopie„Wir konnten unverändert arbeiten“, sagt Marc Fisch, „das galt für die Zulieferungsbetriebe. Schließlich braucht man Lebensmittel. Die Politik hat schnell erkannt, dass die Landwirtschaft systemrelevant ist.“ Es sei schwer vorstellbar gewesen, die Betriebe stillstehen zu lassen, weiß der Präsident der Bauernzentrale, der zusammen mit seinem Bruder einen landwirtschaftlichen Betrieb mit Milchkühen und Zuchtvieh führt.

Am Anfang der Corona-Pandemie ging vor allem in Zusammenhang mit den Grenzschließungen seitens der deutschen Nachbarn die Angst um, es könnte zu Lieferschwierigkeiten bei Futtermitteln kommen. „Diese Furcht bestätigte sich nicht“, so Fisch. Was sich hingegen veränderte, war der Absatz: „In den großen Geschäften wie auch in den kleinen Epicerien wurde mehr verkauft. „Andererseits fielen die Restaurants und Schulkantinen als Abnehmer weg.“
Zusätzlich zu dieser Verlagerung kam es auf internationaler Ebene zu einem Preisverfall. Vor allem der Milchmarkt, der für Luxemburg mit Abstand bedeutendste Bereich der Landwirtschaft, geriet zusehends unter Druck. Die Börsenkurse für Butter und Magermilch zeigten deutlich nach unten. Auch wenn sich die Preise mittlerweile wieder etwas stabilisiert haben und der Rückgang an der Börse sich nicht in größerem Maße auf die Preise auswirkte, die den Landwirten bezahlt werden, befürchten die Bauern, längerfristig weniger für ihre Milch zu bekommen als noch vor der Krise.

Unterdessen bekamen die Fleischproduzenten den Lockdown der Gastronomie deutlich zu spüren. Viele Bauern brachten ihre Rinder nicht mehr auf den Markt, nachdem die Nachfrage nach Rindfleisch eingebrochen war. Die Schlachtungen wurden nach den Worten von Marc Fisch schon in der zweiten Woche des Lockdowns eingestellt. Beim Rindfleisch importiert Luxemburg vor allem die Vorderseite als sogenanntes Verarbeitungsfleisch für Fast-Food-Ketten und Großküchen (auch hierbei war die Nachfrage eingebrochen), während die „bessere Hälfte“ des Rindes, die Rückseite, in den Export, an Metzgereien und Supermärkte geht. Die beiden Letztgenannten konnten den Ausfall der Restaurants als Abnehmer jedoch nicht ersetzen.

Schnell wurde klar, dass auch die Krisenresistenz der Landwirtschaft an ihre Grenzen gestoßen war. „Wir leben nun mal in einer globalisierten Welt, die an Lieferketten gebunden ist“, erklärt Marc Fisch. Im Parlament befasste sich die zuständige Agrarkommission mit der Situation der Bauern während der Pandemie. Agrarminister Romain Schneider (LSAP) kündigte ein Hilfspaket an. Durch die zeitweilige Einstellung des Grundschulunterrichts von der Krise besonders betroffen waren Lernbauernhöfe. Sie konnten keine Schulklassen empfangen. Die Bauern forderten vom Staat Stützungsmaßnahmen für den Markt, darunter vor allem für die Winzer. Dass Schneider vor zwei Wochen auf dem pädagogischen Hof „A Schmatten“ sein Maßnahmenpaket vorstellte, hat Symbolcharakter. Das Paket umfasst fünf Millionen Euro. Die betroffenen Betriebe – wie zum Beispiel Lernbauernhöfe und Reitställe – erhalten jeweils zwischen 2.500 Euro und 5.000 Euro, wenn sie nicht bereits vorher Hilfsgelder erhalten haben.

Schnell wird klar, dass auch die Krisenresistenz der Landwirtschaft an ihre Grenzen gestoßen war.

Im Zuge der Pandemie boomte vor allem der Direktverkauf bei Selbstvermarktern. Vor allem kleine Strukturen profitierten. Die Pandemie hat zumindest kurzfristig ein Umdenken gefördert. Immerhin scheint sich ein stärkeres Interesse am lokal ausgerichteten Konsum zu entwickeln. Ein Trend, der den Zielen der Regierung entgegenkommt, laut ihrem Bioaktionsplan. Dieser sieht vor, dass bis 2025 ein Fünftel der agrarischen Nutzfläche Luxemburgs biologisch bewirtschaftet wird. Marc Fisch glaubt nicht daran, dass nach der Vorstellung der Regierung die hiesige Landwirtschaft im Jahr 2050 zu hundert Prozent aus „Bio“ besteht: „Das ist sicher nicht realistisch und wird auch nicht eintreten.“ Und das Ziel des Aktionsplans zur Förderung der biologischen Landwirtschaft hält der Präsident der Bauernzentrale für eine „Mogelei“. Was die Systemrelevanz der Landwirtschaft angeht, ist sich Marc Fisch sicher: „Auch wenn wir in einer verwöhnten Gesellschaft leben, in der keiner Hunger leiden muss, sollten die europäischen Länder in der Lebensmittelproduktion unabhängig von Drittstaaten sein. Das hat sich jetzt während der Pandemie gezeigt.“

Letztere ist nur eines von vielen Problemen, mit denen – nicht nur – die Landwirtschaft konfrontiert ist. „Wir haben insgesamt recht viele Baustellen: die Biodiversitätskrise, das Stickstoffproblem, die ganzen planetarischen Probleme wie den Klimawandel“, weiß Daniela Noesen. Die Direktorin von „Bio-Lëtzebuerg – Vereenegung fir Bio-Landwirtschaft Lëtzebuerg a.s.b.l.“ fügt hinzu: „Wir bewegen uns in eine Richtung, wo wir nicht mehr weiterkommen. Deswegen kommt ein Landbewirtschaftungssystem wie der Biolandbau, der in Kreisläufen arbeitet, sehr nahe an das Gleichgewicht mit der Natur heran. Von ihr haben wir in den letzten Jahrzehnten massiv herausgenommen, ohne genügend zurückzugeben.“ Wobei der Druck auf die Landwirtschaft als Primärproduzent enorm gewesen sei, sagt Daniela Noesen. „Der Druck kam vor allem aus den abnehmenden Händen, sei es von der verarbeitenden Branche oder vom Handel. Wir hatten zudem die Tendenz, dass Bio nur von Zuhause gut sei: Bio aus Luxemburg, Bio aus Deutschland, Bio aus Frankreich. Man konnte die Waren gar nicht mehr exportieren. Die konventionellen Waren wurden hingegen weiterhin exportiert.“

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Über Covid-19 und den Lockdown sagt die Direktorin der „Vereenegung“: „Das hat den Menschen erst einmal Angst gemacht – und Angst ist ein schlechter Begleiter. Wir erlebten zum Beispiel anfangs die Hamsterkäufe. Generell erfuhren die landwirtschaftlichen Betriebe, die eine Direktvermarktung ab Hof haben, insbesondere Biobetriebe, einen enormen Zulauf. Das normalisiert sich jetzt wieder. Der Biohandel meldete enorme Zuwächse. Nachdem die Grenzen von Deutschland wieder geöffnet wurden, brach das aber wieder ein, allerdings nicht nur im Biobereich, sondern generell.“ Der letztgenannte Trend dürfte verstärkt zu beobachten sein, wenn Menschen im Zuge der Krise ihre Arbeit verlieren und Lebensmittel billig sein müssen, befürchtet Daniela Noesen. Ihre Vereinigung betreut die landwirtschaftlichen Betriebe direkt an der Basis. „Wir hatten vor allem mit den natürlichen Problemen zu kämpfen, zum Beispiel dem Wassermangel“, konstatiert sie. Die Landwirte hatten bereits in den vergangenen beiden Hitzesommern unter lange anhaltenden Trockenperioden zu leiden.

Bauer-Fisch-20---007-Kopie„Wir müssen große Aufgaben bewältigen“, weiß Daniela Noesen. Die Europäische Union hat sich in ihrem „Green Deal“ mit der Strategie, bis 2030 ein Viertel der landwirtschaftlichen Nutzfläche auf Bio umgestellt zu haben, große Ziele gesteckt. Die luxemburgische Regierung liege mit ihrem 2018 gesteckten Ziel, bis 2025 ein Fünftel zu erreichen, „genau auf dem Kurs der EU“. Allerdings sind es zurzeit erst bescheidene 4,6 Prozent. Die Direktorin der „Vereenegung“ betont zwar, dass sich insbesondere die Biolandwirtschaft dadurch auszeichne, dass die Betriebe auf mehreren Standbeinen breit aufgestellt seien. „Die EU-Gesetzgebung sieht allerdings vor, dass wir eine Spezialisierung bekommen können“, warnt sie. „Dann fangen wir an, die Biolandwirtschaft in eine gewisse Einseitigkeit zu drücken. Ich kann mir solche Ziele setzen, wenn ich aber die Basis in den Regeln aufweiche, habe ich nachher nichts gewonnen. Man muss das also konsequent umsetzen.“

Die Diskussionen auf EU-Niveau über die Durchführung der neuen EU-Bio-Verordnung dauern noch an. Derweil habe sich hierzulande eine Diskussion über Biolandwirtschaft entwickelt, stellt Daniela Noesen fest, „die wir vorher nicht hatten“. Entscheidend sei für sie nicht so sehr die absolute Zahl, „sondern dass wir endlich in die Richtung gehen“. Es wäre „eine Chance für die Landwirtschaft“. Daniela Noesen sieht eine möglich „Vorreiterrolle“ Luxemburgs, „wenn wir eine flächenangepasste Nutzung des Grünlandes durch Rinder systematisch aufbauen und Geld in die Hand nehmen, um den Landwirten dabei zu helfen, das zu finanzieren. Dies würde eine große Chance darstellen, die auch in den Bereich Tourismus, Bildung und Wissenstransfer hineinwirken könnte. Leider besteht bei den Landwirten eine große existenzielle Angst, sie brauchen langfristige Planungssicherheit. Hier sind politische Strategie und Rahmenbedingungen gefragt.“

„Wir haben eine Diskussion über die Biolandwirtschaft, die wir vorher nicht hatten.“ Daniela Noesen

Nicht einmal so weit auseinander liegen die Positionen des Präsidenten der Bauernzentrale und der Vertreterin der Biobauern, wenn es um die zahlreichen Auflagen geht, die die Landwirte erfüllen müssen. „Es geht nicht nur um die ‚normalen‘ Auflagen“, erklärt Noesen. „Wir haben eine ‚Cross Compliance‘, die wir erfüllen müssen. In ‚Natura 2000‘-Gebieten dürfen wir dieses nicht und in Wasserschutzgebieten auch jenes nicht tun. Es wäre sinnvoll, das ganze System zu überdenken und neu zu konzipieren. Und zu überlegen, was sinnvoll ist und was nicht.“ Ziel wäre ein einfacherer administrativer Ablauf. Beide haben auch schon oft festgestellt, dass der Konsument kaum noch einen Bezug zu den Lebensmitteln hat. „Er ist zu weit weg von der Landwirtschaft“, sagen sowohl Marc Fisch als auch Daniela Noesen. Umso mehr sollten Ernährung und Lebensmittelherstellung Teil des Bildungsauftrags sein. „Seitens der Landwirte ist es wichtig, mit den Menschen zu reden“, sagt Daniela Noesen. „Und anders herum genauso.“ Gerade in der Pandemiezeit habe der eine oder andere Verbraucher gesagt: „Wenn ich direkt zum Bauern gehe, habe ich das beste Gefühl.“ Und als der Lockdown vorüber war, seien die Konsumenten wieder in den Billigsupermarkt gefahren. Dass sie auch künftig die Landwirtschaft wertschätzen, erfordert mehr als das „beste Gefühl“, sondern ein Umdenken in der Gesellschaft.

Der größte Treffpunkt und das größte Schaufenster der luxemburgischen Landwirtschaft ist jedes Jahr die von der Stadt Ettelbrück organisierte Foire Agricole. Aufgrund der Covid-19-Pandemie wurde die für den 3. bis 5. Juli geplante Messe abgesagt. Stattdessen findet eine virtuelle Foire Agricole statt. Sie ist unter www.fae.lu zu entdecken.

Fotos: Georges Noesen

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Author: Martine Decker

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