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Kultur anders gedacht

Die aktuelle Covid-19-Krise hat dazu geführt, dass das kulturelle Leben und vor allem die Liveauftritte und Spektakel brachliegen. Doch mit „Live aus der Stuff“ und einer Idee von „Trust in Talent“ sind Alternativen mehr als nur angedacht.

Foto: Serge Tonnar

Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum, behauptete Friedrich Nietzsche. Dabei hat der deutsche Philosoph und Essayist Ende des 19. Jahrhunderts sicherlich nicht ansatzweise die Idee im Kopf gehabt, dass irgendwann eine weltweite Pandemie der Musik, aber auch anderen kulturellen Aktivitäten, den Live-Stöpsel ziehen würde. Bücher zu Hause aus dem Regal kramen, sich auf das Sofa pflanzen und lesen, das machen wir auch in normalen Zeiten nicht anders. Filme kann man in Corona-Zeiten dank Streamingdiensten und hochauflösenden Fernsehern fast wie im Kino genießen, aber das Gefühl von einem Live-Spektakel, wie im Theater oder bei einem Konzert, ist momentan Fehlanzeige. Schade, denken Sie zu Recht, aber Kreativköpfe wären nicht Kreativköpfe, wenn sie nicht über einen gewissen Einfallsreichtum verfügen würden.

Als bekannt wurde, dass die kulturellen Häuser hierzulande dicht machen und ihren Betrieb einstellen würden, dauerte es nicht lange, bis einer der bekanntesten Luxemburger Künstler aktiv wurde. Serge Tonnar und das Künstlerkollektiv Maskénada starteten via Facebook die Idee „Live aus der Stuff“, bei der Künstler aus allen Sparten (von Musik über Vorlesungen bis zu Kinderspektakeln) eine Live-Darbietung via Stream in die Wohnzimmer des Landes bringen. „Als klar war, dass sämtliche Bühnenkunst bis auf Weiteres eingestellt ist, habe ich mir überlegt, was ich als Künstler tun kann, um weiter zu arbeiten und parallel den Leuten die Möglichkeiten zu bieten in den Genuss von Live-Kunst zu kommen, und zwar möglichst unkompliziert und über einen direkten Weg“, erklärt Serge Tonnar. Die sozialen Medien seien dafür geradezu prädestiniert.

1.100 Reaktionen, 770 Kommentare und rund 23.500 Aufrufe in knappen 24 Stunden, zeigen, dass das Bedürfnis für solche Darbietungen durchaus vorhanden ist.

Nach seinem ersten Aufruf ist der Musiker überrascht, wie viel Feedback er von Künstlerseite, aber auch vom Publikum bekommen hat. Binnen kürzester Zeit standen 17 Darbietungen fest (und die Liste wird fortwährend geupdated). „Von heute auf morgen habe ich plötzlich einen neuen Fulltimejob für mich losgetreten“, scherzt Tonnar. Aber das sei eben auch schön, hängt er an. „Für mich ist das Weitermachen eine normale Reaktion. In Krisenzeiten muss jeder – nicht nur Künstler – umdenken und auf eine neue Art und Weise arbeiten. Mit den neuen Methoden, die uns zur Verfügung stehen, ist das heute auch kein Problem mehr. Das wäre vor fünfzehn oder zwanzig Jahren noch anders gewesen. Nach der ersten Performance des Pianisten Jean Muller (Anm. d. Red. am 17. März) war ich überwältigt zu sehen, wie viele Menschen positiv berührt gewesen sind.“ Es sei eben wichtig, abzuschalten von den ganzen Krisennachrichten – und sei es nur, um eine halbe Stunde eine künstlerische Darbietung zu genießen. Die Reaktionen auf Facebook (wer nicht auf Facebook aktiv ist, kann auf der Seite von Maskénada sich die Auftritte anschauen) geben Serge Tonnar eindeutig recht. 1.100 Reaktionen, 770 Kommentare und rund 23.500 Aufrufe in knappen 24 Stunden, zeigen, dass das Bedürfnis für solche Darbietungen durchaus vorhanden ist.

Für Serge Tonnar, der in den letzten Jahren hunderte Konzerte vor viel Publikum gespielt hat, ist die neue Form der Darbietung schon etwas Besonderes: „Der Künstler weiß, dass Publikum da ist und einem zusieht, aber diese übliche Atmosphäre mit Live-Feedback fehlt natürlich. Und trotzdem spürt man, dass Leute einem zusehen. Kultur ist in meinen Augen lebenswichtig und sie bringt Menschen zusammen in einem positiven Ambiente. Es würde rein gar nichts mehr laufen, würden die Menschen noch weiter hinuntergezogen. Davon bin ich felsenfest überzeugt.“
In die gleiche Kerbe haut auch Kristian James Horsburgh, der mit seiner Firma „Trust in Talent“ versuchen will, dem kulturellen Leben ein Stück Normalität einzuhauchen: „Ich glaube, kulturelle Aktivität sind in dieser Krisenzeit elementar wichtig, ansonsten werden die Menschen wahrscheinlich noch verängstigter. Außerdem regt es vielleicht den ein oder anderen gerade jetzt dazu an selber kreativ zu werden und Musik zu machen, um sich zu beschäftigen.“ Der Firmengründer hat die Idee, sein Know-how, aber auch das von anderen Leuten aus dem Kulturbereich, in den Dienst von Künstlern zu stellen, damit diese dann in einer Location – wie etwa der Rockhal – ein professionelles Event unter sicheren Bedingungen auf die Bühne stellen, durchziehen und live ins Netz streamen können. Fans sollen die Künstler dann via Spende entlohnen. „Ich habe aktuell Anfragen, aber noch nichts hat sich bis ins letzte Detail konkretisiert. Ich kann also nicht genau sagen, wann die erste Show von Trust in Talent im Netz zu sehen sein wird.“ Bereits aktiv sind jedoch die „Crazy Quarantine Sessions“ mit Konzerten auf Facebook.

Natürlich ist Luxemburg keine Insel, wie es Gesundheitsministerin Paulette Lenert noch formuliert hatte und so gibt es nicht nur in Luxemburg Künstler, die sich das Netz zunutze machen und dem Publikum Kunst zu bieten. Neil Young, Coldplay, Death Cab for Cutie sind nur einige bekannte Beispiele. In Portugal haben 80 Sänger und Musiker vom 17. März bis zum 22. März das Festival #FestivalEuFicoEmCasa abgehalten, um die Portugiesen dazu abzuhalten, zu Hause zu bleiben. Etwas, das mittlerweile wirklich jedem einleuchten dürfte… 

Weitere Infos:
www.facebook.com/liveausderstuff
www.maskenada.lu
www.facebook.com/trustintalent
www.facebook.com/crazyquarantinesessions

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

Author: Martine Decker

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