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Kunst ohne Grenzen

Ein Musterbeispiel für Kooperation: Weil das Königliche Museum der Schönen Künste in Antwerpen derzeit umfangreich renoviert wird, wurden mehrere Meisterwerke aus dem Barock an das MNHA verliehen – um zusammen mit weiteren bedeutenden Gemälden aus zwei Privatsammlungen und eigenen Beständen zu einer außergewöhnlichen Ausstellung zu verschmelzen: „Drama and tenderness“.

Fotos: MNHA/Tom Lucas, Isabella Finzi (Editpress), Jesse Willems

Der Moment passt. Während in verschiedenen europäischen Ländern über eine Obergrenze für Flüchtlinge diskutiert wird, während Politiker erneut Grenzen hochziehen wollen, weil sie die öffentliche Ordnung und die innere Sicherheit ihres Landes bedroht sehen, während nichts geschieht, um die Menschlichkeit vor ausufernden Stammtischgesprächen zu retten, zeigt das MNHA eine Ausstellung, die – wenn auch indirekt – für den Erhalt eines offenen Europas plädiert.

Was viel nämlich nicht wissen: Meistermaler der Kunstgeschichte wie Rubens und Van Dyck waren nicht so stark an ihre Heimat gebunden, wie man vielleicht annimmt. Stattdessen ließen sie sich an anderen Orten von neuen Ideen inspirieren. So entdeckten etliche flämische und holländische Künstler in Rom das außergewöhnliche Werk von Caravaggio und führten dessen von starken Helldunkelkontrasten geprägten Stil im nördlicher gelegenen Europa ein. Von Neapel aus breitete sich der Tenebrismus zu Beginn des 17. Jahrhunderts in Spanien aus, wo Velázquez und Zubarán dieses Gestaltungsmittel auf höchstem Niveau zur Vollendung brachten, ehe sich die spanischen Künstler wiederum von Rubens klarer und farbenfroher Palette und seiner Poesie beeinflussen ließen.

Diese Beispiele, die Kurator Nico Van Hout in seiner Einleitung im Ausstellungskatalog anführt, zeigen, dass die Kunstgeschichte nicht nur von lokalen Traditionen geprägt wurde, sondern gleichermaßen auf dem Austausch von Stilen beruht. Eine breitere, grenzüberschreitende Sichtweise sei daher historisch akkurater als ein fragmentiertes Denken. Dazu kommt, dass sich in der Epoche des Barocks ein bis dahin noch nie derart prägnantes Verlangen nach neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen entwickelte. In den botanischen Gärten von Kaiser Rudolf II in Prag wurden exotische Pflanzen gezüchtet. Botaniker reisten durch ganz Europa, um die Flora zu erfassen. Das gewonnene Wissen sammelten sie in sogenannten Herbarien, die in Antwerpen gedruckt wurden. Daraufhin begannen die Menschen sich für den Mikrokosmos unter ihren Füßen zu interessieren. Und auch Künstler sowie Kunstliebhaber gerieten in den Bann dieser natürlichen Schönheit.

In der Ausstellung „Drama and tenderness“ zeigen Blumenstilleben von Jan Brueghel dem Jüngeren und Jan Davidszoon de Heem, wie detailgenau damals jede einzelne Blüte und jedes Insekt dargestellt wurde und warum man einen Strauß mitunter wie eine Enzyklopädie aufbaute. Dabei erhielten die seltensten und wertvollsten Pflanzen oft den prominentesten Platz. Mit der gleichen scharfen Beobachtungsgabe wurden ebenfalls alltägliche Lebensmittel wie Käse, Brot und Fisch, Wein und Bier festgehalten. Andere Gemälde zeigen bekannte Episoden aus dem Alten Testament, setzen sich mit Sagen aus der Spätantike auseinander, porträtieren die Muttergottes und andere Heilige. Am eindrucksvollsten sind die Bildnisse antiker Philosophen, die José de Ribera zwischen 1629 und 1632 malte. Bei diesen Gelehrten handelt es sich um gefeierte Geografen, Mathematiker und Wissenschaftler, deren Tugenden im Zuge der Gegenreformation wiederentdeckt wurden. Da der Künstler aus einer bescheidenen Familie stammte, handelte es sich bei seinen Modellen oft um Menschen aus armen Verhältnissen. Zudem zeichnen sich die Bilder durch eine übersteigerte Darstellung des harten Alltags dieser Leute sowie einen ausgeprägten Kontrast zwischen Licht und Schatten aus.

Viele regional gefeierte Meister waren gar nicht so stark an ihre Heimat gebunden, wie man denkt.“ -Nico Van Hout, Kurator

Was für die Kunstwelt von Amsterdam vielleicht bedauerlich ist – das Museum wird voraussichtlich erst 2019 wiedereröffnet – ist für Luxemburg ein wahrer Glücksfall. Immerhin wurden die Gemeinsamkeiten zwischen der flämischen Barockkunst einerseits und der spanischen, wie italienischen Kunst andererseits lange Zeit verkannt. Damit ist jetzt Schluss. Im MNHA hängen Peter Paul Rubens, Massimo Stanzione und Francisco de Burgos Mantilla nun Seite an Seite, und sogar eine Frau hat sich in die Männerwelt eingeschlichen: Clara Peeters. Da es im 17. Jahrhundert noch keine künstlerische Ausbildung für Frauen gab, ist fast nichts über die sehr begabte Künstlerin bekannt, die vor allem Blumen und Fisch malte. Bei dem Gemälde „Stillleben mit Fisch“ sollte man auf die Spiegelung der Schalentiere auf der Servierplatte und die glitschige Haut des frischen Karpfens achten. Ein Foto hätte nicht viel mehr preisgeben können.

Neugestaltung des KMSKA

Das Königliche Museum der Schönen Künste in Antwerpen (KMSKA) wird nach der ehrgeizigen Renovierung im Herbst 2019 seine Türen wieder öffnen. In ein und demselben Gebäude können die Besucher dann zwei völlig verschiedene Welten entdecken: die königlichen Räume aus dem 19. Jahrhundert, die zu ihrer ursprünglichen Pracht zurückgefunden haben, und ein brandneues Museum des 21. Jahrhunderts. Diese Veränderung vergrößert die Ausstellungsfläche für die reiche Sammlung um 40 Prozent. Gleichzeitig wurde die Essenz dessen, was ein zeitgenössisches Museum ausmacht, neu durchdacht. Auf www.hetnieuwemuseum.be kann man das gesamte Projekt und seine Entwicklung entdecken und verfolgen.

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

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Author: alommel

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