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Kunst und Korkenzieher

In jedem Haushalt gibt es ihn. Seit Jahrhunderten. In der Kellerei von Charles Decker in Remerschen sind unzählige Modelle ausgestellt. Eine Auswahl davon hat Kunstfotograf Raymond Erbs fotografiert: Korkenzieher.

Die gängigste und älteste Variante ist der T-Korkenzieher. Er besteht aus einer Wendel mit oder ohne Seele und einem Quergriff. In der Gastronomie wird hauptsächlich mit dem Kellnermesser gearbeitet. Dann gibt es noch den Hebel- und Scherenkorkenzieher sowie den Federzungen- und den Glockenkorkenzieher. In einer Folge der bekannten Columbo-Serie wurde der Überdruckkorkenzieher sogar als Mordwaffe benutzt, indem während des Öffnungsvorgangs ein tödliches Gift durch die Hohlnadel in die Weinflasche injiziert wurde.

Charles Decker, der seit bald 20 Jahren Korkenzieher sammelt, benutzt am liebsten ein einfaches Modell. Die originellsten werden in den Vitrinen ausgestellt, die in seiner Kellerei stehen. Unmittelbar neben dem Weinproberaum mit den alten Schätzen seiner sich seit Generationen dem Weinbau widmenden Familie. Als der Kunstfotograf und Weinliebhaber Raymond Erbs vor einiger Zeit zu Besuch in Remerschen gewesen ist und die Sammlung entdeckt hat, machte es sogleich „Klick“. So wird nicht nur die Idee einer Fotoausstellung geboren, sondern auch die Freundschaft zwischen zwei Männern, die früher Leichtathleten waren – der eine Hochspringer, der andere Langstreckenläufer – und sich heute gern Zeit für edle Tropfen nehmen.

Winzer Charles Decker sammelt nicht nur Korkenzieher, sondern auch Fasshähne und vor allem Auszeichnungen.

Auf den Fotografien sind die Korkenzieher wie Schmuckstücke inszeniert. Den Aufnahmen eine gewisse Tiefe zu geben, ist Raymond Erbs sehr wichtig gewesen. Der Betrachter soll das Gefühl haben, den Korkenzieher berühren, ihn aus dem Bild herausnehmen zu können. Dass Charles Decker Pfropfenzieher sammelt, ist weniger ungewöhnlich, denn die meisten Sammlungen haben mit dem Beruf des jeweiligen Sammlers zu tun. Allerdings hat er sich weder auf eine besondere Epoche noch auf eine bestimmte Art spezialisiert, sondern lässt sich auf den Flohmärkten, die er besucht, am liebsten überraschen. Was ihm gefällt, wird gekauft. Leider gibt es immer weniger Korkenzieheranbieter, „mä dat ass awer net schlëmm“, so der 59-Jährige. Einerseits besteht seine Sammlung bereits aus rund 700 Exemplaren, andererseits genießt Charles Decker die sonntäglichen Flohmarktbesuche auch als Auszeit. „Et deet gutt, heiansdo erauszekommen.“

Fotos: Raymond Erbs

Die Frage, ob er noch etwas anderes als Korkenzieher sammelt, verneint der Winzer. Dabei stehen im Nebenraum eine ganze Reihe alter Fasshähne, und an den Wänden eines weiteren Raums hängen unzählige nationale und internationale Auszeichnungen. Die Liste der prämierten Weine ist lang, aber Charles Decker macht kein Trara darum. Erstaunlich ist ebenfalls, dass er mitunter davon träumt, im Herbst zu verreisen, sich ein Sabbatjahr zu gönnen, etwas ganz anderes zu tun. Es gäbe so viel zu entdecken. Dabei ist er als Winzer um genauso vieles zu beneiden. Um sein Wissen, seine Geduld, seinen Mut, Neues auszuprobieren. Trotzdem: Ein guter Wein ist nicht vorauszuplanen, denn mit der Natur zu arbeiten, heißt auch, auf Unwägbarkeiten gefasst zu sein.

Auf den Fotografien von Raymond Erbs sind die Korkenzieher wie Schmuckstücke inszeniert.

Raymond Erbs hat es in dieser Hinsicht leichter. Normalerweise nimmt er sich ein Jahr Zeit für ein Projekt. Bei den „TireBouchons“ hat es etwas länger gedauert, aber daran sind eine gerissene Achillessehne und eine Knieoperation Schuld. Während der dreitägigen Ausstellung seiner Bilder im Kulturhaus Niederanven gibt es auch Wein von Charles Decker zu kosten. Zudem kann man den vom Fotografen gestalteten Bildband mit ausgewählten Korkenzieheraufnahmen und einen Jahreskalender 2016 entdecken.

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Winzer und Sammler: Ein Zufall brachte Charles Decker zum Sammeln. Er hatte nie einen Korkenzieher
bei Hand.

Vernissage am 6. November von 18-21 Uhr im Kulturhaus Niederanven. Ausstellungsdauer: bis 8. November, samstags geöffnet von 14-18 Uhr, sonntags von 10-12 und von 15-18 Uhr, www.erbs.lu.

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

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Author: Philippe Reuter

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