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Kyoto ohne Protokoll

In Japan, wo Tradition und Ehre oft wichtiger als alles andere erscheinen, hätte die Abwertung vom kaiserlichen Zentrum der Macht zum Sitz einer kleinen Präfektur den kulturellen Tod bedeuten müssen, im Falle Kyotos entpuppte sich der Verlust als glückliche Fügung: Kyoto wurde verschont und erblühte fortan wie ein Museum unter freiem Himmel.

Die ehemalige japanische Hauptstadt Kyoto, im Südwesten der Hauptinsel Honshu, wurde im Jahr 794 als „kaiserliche Residenzstadt des Friedens und der Ruhe“ (Heian-kyo) nach dem gradlinigen Vorbild des chinesischen Changan erbaut. Von 794 bis 1868 war sie Residenzstadt des Kaisers, bis der Hof, der Verlagerung der politischen Macht ab dem 17. Jahrhundert folgend, auch seinen Sitz schließlich aufgab und ihn nach Tokyo verlegte. Im Zweiten Weltkrieg hatte Kyoto als kulturelle Zeitkapsel des Reiches ein Riesenglück. Die Alliierten hatten die Stadt bewusst von den Flächenbombardements ausgeklammert, da sie wirtschaftlich und in industrieller Hinsicht nicht sonderlich viel darstellte. Und so konnten die circa 1.600 buddhistischen Tempel und 400 Shinto-Schreine die allgemeine Zerstörungswut größtenteils unversehrt überstehen. Viele davon wurden 1994 von der Unesco zum Weltkulturerbe ernannt, das macht sich jetzt für die 1,5-Millionen-Stadt bezahlt. Kyoto, dem der Lauf der Zeit den Rang zwar abgelaufen, aber das Rückgrat nie gebrochen hat. Nur Godzilla, dieser „City Slicker“, der würde sich hier nicht auf Anhieb wohlfühlen, denn es gibt für japanische Verhältnisse herzlich wenige Wolkenkratzer, auf denen er herumtrampeln könnte.

Die Wiege der japanischen Kultur ist auf drei Seiten von Bergen umgeben, durch ihre Mitte fließt der Kamo, der sogenannte Wildenten-Fluss, an dem außergewöhnlich viele „Langnasen“ entspannt entlangschlendern. In Kyoto fällt auf Anhieb auf, dass der Anteil der Nicht-Japaner im Verhältnis viel größer zu sein scheint als beispielsweise in Tokyo, die Architektur älter und das Treiben auf den Straßen weniger einschüchternder, als das in den anderen, den moderneren japanischen Metropolen der Fall ist. Alles scheint irgendwie in Zeitlupe abzulaufen, der Verkehr ist weniger dicht, die Gebäude sind flacher, das Gewimmel auf den Bürgersteigen und das Geflimmer der Neonlichter an den Fassaden hält sich in Grenzen. Kyoto hat fast ein mediterranes Flair.

Kyoto, dem der Lauf der Zeit den Rang zwar abgelaufen, aber das Rückgrat nie gebrochen hat.

Die Haupteinnahmequelle ist seit einigen Jahrzehnten der Tourismus, aber neben seinen Tempeln, Burgen und Klöstern ist Kyoto auch für sein Kunsthandwerk berühmt, wie die Seidenstickerei und die Schmiedekunst, Ikebana und natürlich seine auf lokalen Produkten basierende Regionalküche, die weniger als derzeit üblich auf Fusion-Food und kulinarische Mätzchen als auf Altbewährtes setzt. Im Pontocho-Distrikt, wo das Nachleben pulsiert, geht es gastronomisch etwas verwegener zu, in Gion, dem Distrikt der Geishas, hingegen etwas traditioneller. Darüber hinaus ist Kyoto als älteste Kulturstadt des Landes auch die Geburtsstätte der drei klassischen Theaterarten Japans, dem sehr formalisierten und bierernsten No-Theater, dem etwas lustigeren Kyogen (wortwörtlich „wilde Sprache“) und am Ende der Klamauk-Fahnenstange dem schillernden Kabuki-Theater, was so viel wie „schockierend“ heißt. Und der Name ist Programm: Beim Kabuki wird die Schminke sehr dick aufgetragen, das Publikum darf während der Vorstellung essen und trinken, wird dazu animiert, die Darsteller anzufeuern oder zu beschimpfen, während die Schauspieler über den Hanamichi, eine Art Laufsteg, in ihren schrillen Kostümen, Grimassen schneidend auf die Bühne tänzeln. Es ist wahrlich populäres Theater mit einer gehörigen Priese Grand-Guignol, dessen Vorstellung fünf Stunden dauern können. Was aber niemanden stört, denn der Zuschauer darf sich zu jeder Zeit im Gang die Beine vertreten oder ein paar Schimpftiraden loslassen. Was die durchwegs sehr höflichen Japaner natürlich tunlichst unterlassen.

Kabuki unterteilt sich in zwei Kategorien, erstens die Historiendramen und zweitens die häuslichen Melodramen, aber selbst wer kein einziges Wort versteht, dürfte sich prächtig amüsieren, denn die visuelle Kraft der Inszenierungen, die Fratzen und die theatralischen Posen dieser erhabenen Cartoon-Figuren sind einfach nur unbeschreiblich. Als Trost sei erwähnt, dass selbst viele Einheimische wegen der antiquierten Sprache und dem ritualisierten Ablauf oft gar nicht begreifen, was überhaupt vor sich geht. Weil es oft um Revanche und Ehrenmord bzw. Freitod geht, hatten die Alliierten nach dem Krieg sogar versucht, Kabuki zu verbieten, doch das währte nicht lange. Wie im antiken griechischen Theater werden auch hier alle weiblichen Rollen von Männern gespielt, und das obwohl Kyoto als die Hauptstadt der Geishas gilt.

Die Geishas sind nicht wie im Westen oft fälschlicherweise unterstellt einfache Animierdamen (die so genannten „Onsen Geishas“ oder „erotische Tänzerinnen“ bilden eine Unterkategorie), die mit dem männlichen Kunden gegen Bares in die Falle hüpfen. Vielmehr sind es gut ausgebildete Unterhaltungskünstlerinnen, die nach meist fünfjähriger Formation zum Klang der Shamisen, der traditionellen dreisaitigen Laute, singen und gepflegte, wenn auch stets diskrete Konversation machen. Deshalb bevorzugen die Edel-Geishas der Altstadt den Titel „Geiko“, was so viel wie „Kind der Künste“ bedeutet, die Debütantinnen werden ihrerseits als „Maiko“ bezeichnet. Die älteste aktive Geiko in Kyoto feierte im letzten Jahr übrigens ihren 94. Geburtstag.

Was sich im Endeffekt beim euphemistisch als „Teehaus-Party“ bezeichneten Tête-à-Tête hinter der Wand aus Pappe wirklich abspielt, und ob es zwischen Tee, Sake und Schmeichelgesängen mit Klampfe – zum Bauchpinseln der ausschließlich männlichen Klientel – doch noch vielleicht zu einer Nummer „Blütenstängel mit den zwei Knospen“ kommt, werden die westlichen Touristen nie erfahren, denn wie bei einer Freimaurerloge erfolgt der erste Besuch ausschließlich auf Einladung hin. Wenn Sie also nicht Staatschef, Minister oder zumindest ein gewichtiger Industriekapitän sind, tendieren Ihre Chancen, dies zu ergründen leider gegen null.

Alles scheint irgendwie in Zeitlupe abzulaufen, das Gewimmel auf den Bürgersteigen und das Geflimmer der Neonlichter an den Fassaden hält sich in Grenzen. Kyoto hat fast ein mediterranes Flair.

Die Anreise nach Kyoto von Tokyo aus, wo die Flugverbindungen am besten sind, erfolgt am einfachsten mit dem Schnellzug Tokaido Shinkansen, dem so genannten „Bullet Train“, der die 370 Kilometer von Tokyo bis Kyoto in zwei Stunden und fünfzehn Minuten zurücklegt und der jeden Tag 400.000 Menschen transportiert. Ein Ticket kostet etwa 110 Euro. Wenn der Zug mehr als zwei Minuten Verspätung hat, so will es das Regelwerk der Eisenbahngesellschaft, erhält jeder Reisende bei Ankunft sein Geld zurück. Die schlechte Nachricht für geeichte CFL-Fans ist: Das ist seit der Einführung der Linie im Olympiajahr 1964 noch nicht ein einziges Mal der Fall gewesen.

Kyoto verfügt wie erwähnt über eine unerreichte Dichte an Tempeln und Schreinen. Der Sanjusangen-do aus dem zwölften Jahrhundert, im zentral gelegenen Stadtbezirk Higashiyama, ist vom Hauptbahnhof aus gut per pedes zu erreichen. Nach einer Vernichtung durch Feuer im Jahr 1250 wurde dieser Tempel 1266 wieder aufgebaut und ist damit bis heute der älteste noch bestehende Holzbau des Landes. Sein Hauptanziehungspunkt sind die tausend lebensgroßen Statuen der Kannon, einer buddhistischen Göttin der Barmherzigkeit, die mit ihren 1.000 Augen und 1.000 Armen alles Leid überall sieht und dementsprechend tatkräftig eingreifen kann. Leider ist es verboten, im Innern zu fotografieren, aber der Besuch lohnt sich allemal, denn die Skulpturen sind keine wie die andere. Im Zentrum thront eine überdimensionale Nummer 1.001, die Tankei, ein Bildhauer der frühen Kamakura-Zeit 1254 kurz vor seinem Ableben vollendete. Neben diversen saisonalen Ritualen fand in diesem Tempel zwischen 1606 und 1861 auch ein prestigeträchtiger Wettbewerb im Bogenschießen statt, bei dem jeder Schütze innerhalb von 24 Stunden möglichst viele Pfeile über eine Distanz von 118 Metern abfeuern musste. Den Rekord hält seit 1686 ein gewisser Wasa Daihachiro, der bei 13.053 Pfeilen immerhin 8.133 Mal ins Schwarze traf. Oder andersrum formuliert, hat der junge Mann alle 6,61 Sekunden einen Pfeil abgeschossen und dabei alle 10,62 Sekunden einen Treffer gelandet, obwohl er nach einer Teepause plötzlich einen bösen Durchhänger hatte und ihn ein Samurai per Aderlass wieder auf Trab bringen musste.

Sehenswert sind auch der Toji- und der Ninna-Ji-Tempel mit ihren fünfstöckigen Pagoden und der Nanzen-ji, der als Zentrum des japanischen Buddhismus angesehen wird. Oder der Kinkaku-ji, dessen Highlight ein mit Blattgold überzogener „Goldpavillon“ an einem romantischen See darstellt. Es handelt sich um einen Nachbau aus dem Jahr 1950, da das Original der Brandstiftung zum Opfer fiel. Schriftsteller Yukio Mishima hat diese traurige Episode übrigens in seinem Roman „Der Tempelbrand“ (1956) verarbeitet. Wer Kinder im Schlepptau hat, sollte sich auf jeden Fall den Nara Park ansehen, der etwa 45 Zugminuten südlich liegt. Dieser Park wird von „heiligen“ Sikahirschen bewohnt, etwa 1.200 Stück an der Zahl, die den Tagesablauf bestimmen, Kreuzungen blockieren, völlig ungeniert auf den Bürgersteig kacken und Touristen mit dem Geweih in den Hintern pieksen, falls diese nicht schnell genug die extra für sie vor Ort gebackenen „Hirschwaffeln“ rüberwachsen lassen. Es ist ein Ort der totalen Tiefenentspannung.

Wenn es dann nach intensivem Kulturkonsum in der Magengrube grummelt, verschlägt man sich am besten ins enge Gassengewirr des Nishiki Market, wo unzählige Stände mit leckerem „Street Food“ die Nasenlöcher umgarnen. Ehe man nach Hause fliegt, sollte man sich bei den lokalen Schmiedebetrieben in den Vororten, wie bei der netten Großmutter von Yoshisada Hamono, ein paar traditionelle japanische Küchenmesser kaufen. Man kann sie auch bei Aritsugu auf dem Nishiki Market oder am Hauptbahnhof in schnöden Großkaufhäusern einkaufen, aber dann kosten die rasierklingenscharfen Dinger gleich mehr als das Doppelte. Mein Tipp: Kaufen Sie sich bei der Gelegenheit auch gleich den einen oder anderen japanischen Wasserstein zum Schleifen, denn ein europäischer Wetzstahl und ein trockener Schleifstein, wie die Europäer ihn benutzen, erzeugen zu viel Reibungshitze und sind für japanische Messer deshalb ungeeignet. Und packen Sie sie ins Handgepäck, denn die Dinger sind zerbrechlich.

Tempel_f-Kopie

Eric Netgen

Chefredakteur autorevue

Author: Martine Decker

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