Home » Home » Lachen ist die beste Medizin

Lachen ist die beste Medizin

Sie sorgen für unbeschwerte Momente im Spital und bringen mit Humor Abwechslung und Hoffnung in den Alltag von Patienten. Laurent und Mathilde sind Krankenhausclowns mit Herz und Seele. Doch was steckt hinter dem Clown-Kostüm?

Durch den Flur der „Kannerklinik“ des CHL schallt ein außergewöhnlich schrilles Lachen und fröhlicher Gesang. Es scheint gute Laune zu herrschen. Eher ungewöhnlich, in einer Atmosphäre die eigentlich nicht immer ganz einladend ist. Krankenhäuser wirken meistens kühl, steril und die weißen Arztkittel sind alles andere als aufheiternd. Kein Wunder, dass nur die wenigsten sich hier wohlfühlen und manche sogar unter Iatrophobie – die Angst vor dem Arzt – leiden. Die Klinikatmosphäre wird von den Patienten noch zu oft als beängstigend und unpersönlich eingeschätzt. „Ech sin de Pepe“ höre ich am Ende des Flurs. „An ech sin d‘Nitouche. Enchantée.“ Zwei lachende Gesichter, die bei einer kleinen Patientin, die gerade mit ihrer Mutter durch den Flur spaziert, wohl eine Hauptfrage aufwirft: „Was haben die beiden sonderbaren Gestalten hier wohl vor?“ Eine rote Nase schmückt ihr Gesicht, Blumen stecken in Nitouches Hut und farbige Weihnachtskugeln baumeln an ihren Ohren. Eine bunt karierte Hose und eine Art riesige Baskenmütze geben Pepe einen äußerst sympathischen und etwas tollpatschigen Look. Es ist sofort zu erkennen, dass beide Clowns sind. Das ist offensichtlich und trotzdem haben sie nichts mit dem klassischen Zirkusclown gemeinsam.

„Um unseren Job auszuüben, muss man mit beiden Füssen auf dem Boden stehen.“
Laurent Benassutti, Krankenhausclown

„Wir sind Krankenhausclowns“, betonen beide ganz stolz. Seit 2005 bietet die Organisation „Île aux clowns“ Clownvisiten in Krankhäusern, Altersheimen, Palliativstationen oder noch in Pflegeheimen an. Landesweit wird mit 25 verschiedenen Strukturen zusammengearbeitet.

„Jedes Jahr besuchen unsere Clowns ungefähr 10.000 Personen“, verrät Eric Anselin, der Direktor der gemeinnützigen Organisation. „Wir besuchen zum Beispiel ältere Leute im Altersheim, Kinder im Krankenhaus oder Flüchtlingsfamilien. Unsere Clowns besuchen jeden, der sich in einer schwierigen Situation befindet oder Personen, die isoliert sind.“ Ein Lachen reicht bei vielen Patienten aus, um für einen kurzen Augenblick Sorgen und Ängste zu vergessen. Experten reden von einer Clown-Therapie, die durch das Auslösen von mentalem Wohlbefinden eine bedeutsame Auswirkung auf die Moral und sogar den Gesundheitszustand der Patienten haben kann.

„Angefangen hat alles vor einigen Jahren in Kanada“, weiß Eric Anselin. „Und dann sind die ersten Krankenhausclowns hier in Europa aufgetaucht. Zuerst in Frankreich und in Großbritannien. Heute gibt es solche Organisationen in fast allen europäischen Ländern.“

Ganz langsam klopfen sie an die Zimmertür. Warten gespannt auf eine Antwort von drinnen. Ungeduldig, beobachten sie durch die Jalousien, ob sich im Inneren was tut. Und endlich werden sie reingebeten. Die kleine Emilie ist ein bisschen über den außergewöhnlichen Besuch überrascht. Die Fünfjährige befindet sich in einer nicht ganz komfortablen Situation. „Sie hat sich das Bein gebrochen“, verrät Mutter Caroline. Der erste Kontakt ist eher schüchtern. Keine Seltenheit.

„Wir versuchen die Aufmerksamkeit der Patienten für uns zu gewinnen“, erklärt Mathilde Guénard alias Nitouche. „Wir drängen uns nicht auf. Wir schlagen sozusagen einen Besuch vor. Die Entscheidung liegt dann bei den Personen. Sie entscheiden ob sie uns sehen wollen oder nicht.“

Die 49-Jährige ist ausgebildete Schauspielerin und Tänzerin. Seit der Gründung der „Île aux clowns“ 2005, ist sie als Krankhausclown im Einsatz.

„Mir ging es darum, die künstlerische Seite mit der menschlichen Seite in Einklang zu bringen“, verrät sie. „Bei mir war es eher der Zufall, der für mich entschieden hat“, erinnert sich Laurent Benassutti, der seit 2008, jeden Tag in die Rolle des lustigen Pepe schlüpft. Von Beruf war der 39-Jährige eigentlich Grafiker. „Ich war arbeitslos, als ich bei der ADEM an einem Workshop teilgenommen habe, dessen Ziel es war, neue Krankenhausclowns für die Organisation ausfindig zu machen.“ Zurzeit sind acht Clowns für die Organisation im Einsatz. Drei Vollzeitmitarbeiter und fünf Teilzeitangestellte.

„Jedes Jahr besuchen unsere Clowns ungefähr 10.000 Personen.“
Eric Anselin, Direktor „Île aux clowns“

Mit ihrer selbstgebastelten Handpuppe sorgt Nitouche für große Begeisterung bei Emilie. Fast hätte sie den lästigen Gips und das gebrochene Bein vergessen. Auch Mutter Caroline ist begeistert. „Ich finde diese Initiative super. Es ist wichtig, dass es solch ein Projekt gibt, besonders für Kinder.“

Doch die Präsenz der Clowns im Krankenhausalltag, ist nicht mit einer Zirkusnummer zu vergleichen. Mathilde und Laurent sind weit mehr als „nur“ witzige Spaßmacher. „Um diese Aufgabe qualitativ erfüllen zu können, muss man sich emotional daran beteiligen. Sonst funktioniert es nicht“, verrät Mathilde. „Auf emotionaler Basis geben uns die Leute auch ganz viel Positives“, fügt Laurent hinzu. „Wir machen unseren Beruf mit sehr viel Liebe. Das klingt vielleicht ein bisschen kitschig, aber es ist die Wahrheit.“

Im Laufe unseres Gespräches wird klar, dass beide sehr viel gemeinsam haben mit den Clowns, in dessen Haut sie jeden Tag schlüpfen. „Unsere Clown-Figur ist keine pure Zusammensetzung“, betont Mathilde. „Sie ist der bessere oder schlechtere Teil meiner eigenen Persönlichkeit. Je nachdem“, erwähnt sie lachend. Jede Begegnung verläuft anders, jeder Patient hat seine spezifischen Eigenschaften und viele Situationen sind nicht immer lustig. Im Gegenteil.

„Man muss eine gewisse Distanz einhalten“, weiß Laurent. „Vor allem, wenn man schwierige Erfahrungen hat. Wir sind auch nur Menschen, das darf man nicht vergessen. Um unseren Job auszuüben, muss man mit beiden Füssen auf dem Boden stehen.“

Nicht immer ist es einfach, das Personal und die Ärzte in den verschieden Strukturen von der Nützlichkeit ihrer Aktion zu überzeugen, auch wenn mittlerweile hierzulande die Nachfrage immer größer wird. „Auf wissenschaftlicher Basis, fällt es manchen Ärzten am Anfang schwer zu verstehen, wie das funktionieren kann“, betont der Direktor Eric Anselin. „Aber auf Dauer beobachten sie, dass der Clown auf die Patienten eine positive Auswirkung hat.“

Weltweit sind sich viele Ärzte einig, wenn sie behaupten, dass sie nach dem Besuch der Clowns bei den meisten Patienten bemerken, dass sie entspannter sind und ihre Krankheit oder ihre Einsamkeit für einen kurzen Augenblick vergessen haben. Die Spaßmacher mit ihren roten Nasen haben eine andere Vorgehensweise, die Leute anzugehen. Sie gehören nicht zum Personal der Struktur, in der sie sich befinden und bewirken mit ihrer lockeren Art und Weise eine Vertrauensbindung, die den Patienten Trost und Wohlbefinden gibt. Das Ganze ohne in die Kompetenzen der Ärzte oder des Pflegepersonals einzugreifen. Im Gegenteil. Es handelt sich eher um eine Zusammenarbeit, die sich im Alltag durch eine fortlaufende Schulung ergänzt, um die Clowns mit den Besonderheiten der Krankenhausumgebung bekannt zu machen, wie zum Beispiel mit den Hygienevorschriften.

„Es ist ein richtiger Beruf, den wir hier ausüben“, möchte Mathilde klarstellen. „Es geht nicht nur darum eine rote Nase aufzusetzen. Hinter dem Clown verbirgt sich ein wahres Individuum mit Wahrnehmungen, Empfindungen und Emotionen.“

Letztes Jahr haben die Clowns 400 Besuche in den 25 Strukturen, mit denen sie landesweit zusammenarbeiten, organisiert. Dieses Jahr werden es wahrscheinlich 40 pro Monat sein. Die Tendenz ist also steigend. Trotzdem darf man nicht vergessen, dass die Organisation nur von privaten Spenden finanziert wird und ständig auf finanzielle Unterstützung angewiesen ist.

Fotos: Philippe Reuter

Jérôme Beck

Journalist

Ressorts: Wissen, Lifestyle

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook
Author: Martine Decker

Login

Lost your password?