Käerjeng
Die Biermetropole
01.02.2012, 10:20 –
Die neue Fusionsgemeinde Käerjeng hat jede Menge kulinarische Höhenflüge zu bieten. Ihre Bekanntheit verdankt die Ortschaft jedoch ihrem berühmten Sohn Claus Cito, dem Schöpfer der „Gëlle Fra“.
Als Kind bin ich oft nach der Schule an seinem Atelier vorbeigegangen und hab durch das offene Tor gespäht.“ Raymond Paulus muss schmunzeln. Damals als kleiner Lausbub konnte er jedoch noch nicht ahnen, dass der einheimische Bildhauer Claus Cito später Geschichte schreiben und seine Heimat über die Grenzen hinaus bekannt machen wird. Von dessen Künstlerwerkstatt ist heute leider nicht mehr viel übrig geblieben – außer zwei modernen Reihenhäusern. Auch eine Gedenktafel sucht man (noch) vergeblich.
Wir Käerjenger lachen viel, sind unkompliziert und tolerant.
Paulus, ein pensionierter Feuerwehrmann, kennt die Gemeinde Käerjeng wie seine Westentasche. Durch den Umzug seiner Eltern gelangt er in den 50er Jahren als Baby nach Niederkerschen. Und hier fühlt sich der rüstige Rentner und zweifache Familienvater bis heute pudelwohl. Auch wenn sich „sein“ Dorf mit den Jahrzehnten verändert hat und viele Wiesen den Besiedlungsplänen gewichen sind. „Meine Frau und ich sind sehr heimatverbunden und engagiert. Aus der Gemeinde wegziehen, würde für uns nie in Frage kommen“, gesteht der 61-Jährige bei unserer Erkundungstour. Dass das Paar auch bei der rezenten Ausstellung „Gëlle Fra“ in der Bascharager Halle 75 mitgeholfen und zu den rund 100 Freiwilligen gehört hat, überrascht deshalb kaum. Der goldene Friedensengel, der 1923 auf dem Place de la Constitution in der Hauptstadt als Mahnmal für die Luxemburger Gefallenen im Ersten Weltkrieg aufgestellt, von den Nazis 1940 gewaltsam entfernt und 1985 wieder neu eingeweiht wurde, ist das bekannteste Werk von Claus Cito. Ein Name, auf den man in Käerjeng immer wieder trifft. Der bedeutende Bildhauer stammt dort aus einer alteingesessenen, ärmlichen Schmiedefamilie mit italienischen Wurzeln. Ab 1900 studiert er an der Kunstgewerbeschule in Düsseldorf, später an der „Académie des Beaux-Arts“ in Brüssel. In Deutschland freundet sich Cito mit dem berühmten Expressionismus-Maler August Macke an. Eine außergewöhnliche Verbindung entsteht. 1965 stirbt der unverheiratete Künstler verarmt in einem Altersheim in Petingen. Entfernte Verwandte von ihm leben noch heute in der 9.880 Einwohner zählenden Gemeinde. Dass die „Gëlle Fra“ zudem die Attraktion des Luxemburger Pavillons bei der Weltausstellung in Shanghai 2010 war, macht Raymond Paulus und andere Käerjenger stolz. „Schließlich ist das jemand aus unserem Ort gewesen“, lacht der ehemalige Gemeindebeamte, der demnächst mit seiner Frau sogar eine Cito-Macke-Ausstellung im deutschen Museum in Kandern besuchen will.
Im Anschluss an die „Gëlle-Fra“-Expo in Niederkerschen ist kürzlich der neue Dorfkern der Gemeinde entstanden. Gegenüber der neuen Kirche, einer der modernsten im Land, liegt der Place Claus Cito mit einem Springbrunnen und der Cito-Skulptur „Knieende Frau mit Blumengirlande“. Das Kunstwerk war ein Grabmal auf dem Differdinger Friedhof, bevor es die Gemeinde gekauft hat. Das Areal grenzt direkt an das Geburtshaus und das Atelier des bekannten Bildhauers in der Rue de l’Eglise auf Nummer 11. Die alte Primärschule, heute das „Lycée Technique pour de Professions Santé“, hat früher ebenfalls den Namen „Cito“ getragen. „Hier bin ich auch zur Schule gegangen“, sagt der Ruheständler Paulus, der heute mit seiner Frau in Oberkerschen wohnt.
Dass die „Gëlle Fra“ die Attraktion des Luxemburger Pavillons bei der Weltausstellung in Shanghai 2010 war, macht Raymond Paulus und andere Käerjenger stolz.
Genug von Cito, weiter geht die Besichtigungstour: An der stark befahrenen Hauptstraße „Avenue de Luxembourg“ kommt fast kein Bascharage-Besucher vorbei. Für die meisten Einwohner ein Ärgernis, schließlich fahren täglich bis zu 25.000 Autos mitten durch die Ortschaft im Südwesten des Landes. Demnächst soll ein Contournement gebaut werden. Über die Pläne zeigt sich die Gemeinde Sanem jedoch alles andere als begeistert, schließlich würde die Umgehungsstraße auch die Lebensqualität der Sanemer Bürger einschränken.
Ebenfalls an der Hauptstraße liegt ein weiteres Wahrzeichen: Die Brasserie Nationale. Seit 1842 wird hier erfolgreich Bier gebraut. Der Käerjenger Jean-Baptiste Bofferding ist der Gründer des traditionsreichen Unternehmens. Aus der Fusion mit der Brauerei Funck-Bricher entstand 1975 die Brasserie Nationale, die heute vor allem durch die Marken Bofferding Lager Pils und Battin einen guten Ruf im nahen Ausland genießt. „Heute produzieren wir mit 26 Mitarbeitern über 160.000 Hektoliter. 21 Prozent unseres Biers verkaufen wir außerhalb des Großherzogtums, nach Belgien und Lothringen“, erklärt Direktor Georges Lentz. Von der aktuellen Wirtschaftskrise spürt die größte Brauerei Luxemburgs im Gegensatz zur deutschen Konkurrenz wenig. „Unsere Produktion ist seit 2010 sogar wieder etwas gestiegen.“ 1986 stieg die Familie Bofferding aus der Brauerei aus, vier Nachfahren der bekannten Dynastie leben jedoch bis heute noch in Käerjeng.
Nur einen Steinwurf weiter dreht sich auch alles um kulinarische Genüsse. Die Metzgerei Meyer ist vor allem wegen ihres köstlichen Schinkens im ganzen Land und in der Grenzregion bekannt. „Wir salzen und räuchern unseren ’Ham’ immer noch nach dem Rezept von 1918. Zudem benutzen wir auch noch Holz aus unserer Gemeinde. Der Schinken schmeckt noch so richtig wie früher“, schwärmt der Metzgermeister und Inhaber Luc Meyer. Der Käerjenger Betrieb wird heute in der vierten Generation geführt. Dabei kümmert sich der 33-jährige Luc Meyer um die Metzgerei, seine jüngere Schwester Simone um das Hotel und das Restaurant mit kleiner Hausbrauerei „Béierhaascht“. Der Fantasiename ist die Idee des Vaters Marco Meyer gewesen, der die Verbindung von Schinken und Bier als eine Art Hochzeit ausdrücken soll. Die zwei großen Brautanks mitten im Restaurant verströmen eine gemütliche Atmosphäre. Hier können die Gäste zusehen, wie der Luxemburger Braumeister Guy Majerus die vier ungefilterten Gerstensorten Lager, Dunkel, Ambrée und ein Saisonbier herstellt und regelmäßig kontrolliert. Die Produktion liegt momentan bei 600 Hektoliter und ist seit einigen Jahren stabil. Zum Abschluss noch einen kleiner Abstecher ins Industrie- und Gewerbegebiet Robert Steichen der neuen Fusionsgemeinde, welches sich im Laufe der Zeit weiter entwickelt hat und wo sich eine Reihe großer Betriebe wie Sales-Lentz, Luxguard oder Tontarelli angesiedelt haben. „Hier auf Héierchen soll demnächst ein Tanklager entstehen“, erwähnt Raymond Paulus zum Abschied. Und was macht den typischen Käerjenger aus? „Wir sind zwar keine Minettsdäpp, aber viele von uns haben bis in die 70er Jahre auf der Schmelz gearbeitet und sind mit der Stahlindustrie verbunden. Wie die Minetter lachen wir viel, sind unkompliziert und tolerant.“ Dass bei den letzten Gemeindewahlen die LSAP die meisten Stimmen bekam, ein Dreierbündnis aus BIGK, CSV und Grünen jedoch die Geschicke der Kommune leitet, scheint die Käerjenger nicht umzuhauen.
Steckbrief:
Orte: Niederkerschen, Küntzig, Oberkerschen, Linger, Fingig
Einwohner: 9.880, davon 5.400 in Bascharage
Ausländeranteil insgesamt: 27,94 Prozent
Bürgermeister: Michel Wolter (CSV)
Gesamtfläche insgesamt: 3.364 Hektar
Sehenswürdigkeiten: Alte Kirche und alter Waschbrunnen in Oberkerschen, Place Cito mit Springbrunnen und Cito-Skulptur, Brasserie Nationale, Béierhaascht, neue Kirche, alles in Niederkerschen, altes Schloss in Küntzig, Wanderweg „Claus Cito“
Berühmte Söhne: Michel Gloesener, Physiker; Louis Biren, Widerständler; Claus Cito, Bildhauer; Nicolas Margue, Professor, CSV-Politiker, Landwirtschafts- und Erziehungsminister, Staatsratsmitglied; Jean Octave, Ex-RTL-Chefredakteur von „Hei elei, Kuck elei“; David Bottacin alias David Goldrake, Zauberkünstler; Guy Rosen, Profitänzer


