Porträt

Der Kämpfer

Mit fünf Jahren flüchtet Cyrus Neshvad mit seiner Familie aus dem Iran nach Luxemburg. Heute zählt der Mittdreißiger zu den meistversprechenden Filmregisseuren des Großherzogtums.

Teheran, 1979. In der iranischen Hauptstadt herrscht Ausnahmezustand. Schah Reza Pahlavi muss gehen. Revolutionsführer Chomeini kommt an die Macht. Ein Jahr später bricht der erste Golfkrieg aus. Cyrus Neshvad ist damals noch ein Kind. In dem Dokumentarkurzfilm „En dehors de l’eau“ lässt er seine Mutter davon erzählen, wie sich die Familie und die Nachbarn im Kellergeschoss ihres Wohnhauses in Sicherheit bringen. Der Strom fällt aus, der Flughafen wird geschlossen, die Grenzen sind dicht. Um die Stadt und das Land zu verlassen, gibt es nur eine Möglichkeit: per Bus. Doch zu viele wollen fliehen, und es gibt nicht genügend Fahrzeuge. Die damals erst fünf Monate alte kleine Schwester Mina wird in einer Handtasche transportiert, zu viert muss man sich zwei Sitzplätze teilen, aber Hauptsache: in Sicherheit sein.

Cyrus Neshvad ist ein Perfektionist, der aus allem und nichts das Bestmögliche herauszuholen versteht.

Szenenwechsel: Vater Sohrab beschreibt, wie er das angemietete, leer stehende Haus in Bergem mit alten Möbeln und dem Lieblingsspielzeug seiner Kinder gemütlich zu machen versucht. In Teheran ist er ein erfolgreicher Architekt gewesen, in Luxemburg steht er plötzlich vor dem Nichts. Zwar findet er rasch Arbeit, aber Glücklichsein ist etwas anderes: „I miss my country.“ Gern würde er an die Orte zurückkehren, an denen er aufgewachsen ist, noch einmal die Häuser sehen, die er gebaut hat, doch wenn seine Frau ihn darum bittet, mit ihr Urlaub in Iran zu machen, bekommt er furchtbare Angst. Worauf das Paar stolz ist, sind die vier Kinder. Sie sprechen die luxemburgische Sprache, sind integriert, fühlen sich nicht ausgeschlossen.

„En dehors de l’eau“ dauert 15 Minuten, und in diesen 15 unvergesslichen Minuten erzählt Cyrus Neshvad auf brillante Weise ein ganzes Leben. Er selbst tritt dabei nur auf ein paar alten Fotos und in der kurzen Szene eines Familienessens auf. Auch im Gespräch erweist sich der Mittdreißiger als ein sehr zurückhaltender Mensch, der nicht allzu gern von sich spricht, sondern lieber von seiner Arbeit als Regisseur erzählt. Von der anfänglichen Angst, mit dem Filmemachen nicht genug Geld zum Überleben zu verdienen, weshalb er zusätzlich in der Immobilienbranche tätig ist. Von der Kunst, mit wenig Mitteln eine zusammenhängende Geschichte zu erzählen. Von dem steten Kampf, eine Idee so umsetzen zu können, wie er es sich vorstellt.

Der Tod, eine gewisse Nostalgie und die Angst sind zentrale Themen im recht umfangreichen filmischen Werk des gebürtigen Iraners.

Für den Kurzfilm „L’orchidée“, der im Februar auf dem Festival „Les Petits Claps“ in Metz gezeigt worden ist und in dem Fernand Fox und Marc Olinger die Hauptrollen spielen, stehen Cyrus Neshvad rund 8.000 Euro zur Verfügung. Peanuts. Doch er will es so haben, fegt nach den Dreharbeiten den Boden selbst, sucht auf dem Sperrmüll nach brauchbaren Fenstern für das nachgestellte Altenheim, leiht sich bei Beryl Koltz Dekorteile von „Hot hot hot“ aus, holt die ausgedienten Krankenbetten persönlich mit einem Lieferwagen ab und ist am Ende derart glücklich und zufrieden, dass er am liebsten auf dem Set übernachten würde. Selbstverständlich wäre es leichter, wenn man vom Luxemburger Filmfund ein anständiges Budget zur Verfügung gestellt bekäme und Leute einstellen könnte, die sich darum kümmern, dass alles glatt läuft. Aber wenn es nicht klappt, findet Cyrus Neshvad einen anderen Weg. Weil er jemand ist, der aus allem das Bestmögliche herausholen will. Was ihm nicht nur mit den bereits erwähnten Kurzfilmen gelungen ist, sondern ebenfalls mit „Numéro 1765“, der eine Kuh im Moment ihres Todes zeigt. Weit aufgerissene Augen, unkontrollierte Bewegungen, letzte Zuckungen, Blut. Schön sind die Bilder nicht, und auch die Laute, die das von Panik erfüllte Tier von sich gibt, klingen grässlich. Eine Botschaft will der Regisseur damit keineswegs vermitteln, vielmehr geht es ihm um etwas ganz anderes. Das Verdeutlichen von Angst und Tod. Ein nahezu zentrales Thema seiner Arbeiten.

Der junge Mann, der in „A l’abri“ einen Schlafplatz in einem unbewohnten Haus sucht, ängstigt sich vor Geistern. Die beiden alten Männer in „L’orchidée“ fürchten sich in gewisser Hinsicht vor dem lauernden Nichts. Er selbst muss als kleiner Junge Angst vor der Ungewissheit gehabt haben. „Et war net einfach“, so Cyrus Neshvad. Von Luxemburg weiß er damals lediglich, dass es sich um ein Land handelt, in dem es nicht viele Häuser gibt, wie ein Bekannter seinem Vater beteuert hat. Während seiner Schulzeit strengt er sich an um gute Noten zu kriegen, um ja nicht sitzen zu bleiben und dann in dieselbe Klasse wie sein jüngerer Bruder zu kommen. Ein Nachbar gibt der Mutter Deutschunterricht, damit sie den Kindern bei den Hausaufgaben helfen kann, aber vieles müssen die Kleinen allein bewältigen. Als Künstler muss Cyrus Neshvad bei jedem neuen Projekt darum kämpfen, über die Runden zu kommen. Zum Glück hat er Ausdauer, Willenskraft und Mut. Auch genug, sich nach immerhin zehn Kurzfilmen endlich an einen Langspielfilm heranzuwagen?

Der Regisseur lächelt. Eine Synopsis gibt es schon. Es ist die Geschichte eines 14-jährigen Iraners, der zu den besten Badminton-Spielern seiner Heimat zählt, mit drei anderen guten Spielern an einem Wettbewerb in Luxemburg teilnimmt und im Nachhinein nicht mehr zurück in den Iran will. „Et ass eng ganz spannend Geschicht, mä nach e laange Wee bis eppes Konkretes draus gëtt.“ Vorerst möchte Cyrus Neshvad nämlich „L’orchidée“ um die Welt schicken. Auch darum muss er sich selbst kümmern. Mehrere Festivals haben bereits zugesagt. Das Kämpfen hat sich demnach gelohnt.

www.cyrusneshvad.com

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Der Kämpfer

Nader Ghavami

Cyrus Neshvad: Ein iranischer Filmregisseur im Großherzogtum.

Nader Ghavami

Auszeichnung: Für den Kurzfilm „L’orchidée“, der einen alten Mann (Fernand Fox) mit dem Tod konfrontiert, wurde Cyrus Neshvad auf dem Metzer „Festival des Petits Claps“ mit drei Hauptpreisen und dem Publikumspreis ausgezeichnet.

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