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Bingo auf der Zielgeraden

Obwohl sich Demokraten und Republikaner selten so feindlich gegenüberstanden wie vor der Präsidentschaftswahl 2012, hält sich das Wahlfieber unter den 2.000 hier lebenden US-Bürgern in Grenzen. Nach der Obama-Euphorie von einst herrscht die pure Ernüchterung.

Es gibt noch Optimisten. Will Bakker ist einer von ihnen. Der 37-Jährige aus dem US-Bundesstaat Illinois ist Sekretär der „Democrats Abroad“, der Auslandsvertretung der Partei des amerikanischen Präsidenten. Etwa ein Dutzend Demokraten haben sich in dem Hinterzimmer des Restaurants „Bosso“ im hauptstädtischen Grund eingefunden. Die Stimmung ist gedrückt: Schließlich hat der Amtsinhaber in der ersten von drei Fernsehdebatten gegen seinen Widersacher im Rennen um die US-Präsidentschaft, den Republikaner Mitt Romney, eine schlechte Figur abgegeben.   Während ein Parteifreund die DVD mit dem zweiten TV-Duell der Kontrahenten einlegt, freut sich Bakker: „Obamas zweiter Auftritt war wesentlich stärker.“ Er verteilt ein paar Blätter, auf denen einzelne Wörter stehen wie „Reagan“, „Germany“, „Bush“ oder „AK-47“ – oder ganze Sätze wie „Governor Romney hasn’t a five point plan“ (Romney hat keinen Fünf-Punkte-Plan). Fällt eines der Wörter im Laufe der Debatte, wird es angekreuzt. Wer zuerst alle Wörter durchgestrichen hat, ruft „Bingo“.

Das zweite Duell auf dem Bildschirm ist eine Art von Town-Hall-Meeting. Die Kandidaten haben sich den Fragen ausgewählter Bürger zu stellen. Das Spektakel wirkt steif und bis ins Detail einstudiert. Die Demokraten im Luxemburger „Bosso“ verfolgen das Geschehen und essen nebenbei Schnitzel und Flammkuchen. Anfang Oktober hatten sie sich zwei Mal einen Schlagabtausch mit den Republikanern geliefert. Zuerst hielten sie an der Uni auf Limpertsberg und dana ch an der amerikanischen Privatuni Miami University in Differdingen eine Debatte ab. „Es war ein freundschaftlicher Wettbewerb“, betont Will Bakker. Diskutiert wurde dabei ebenso über die Rolle der USA in der Welt wie über Obamas Gesundheitsreform. Dass ein Amerikaner das Recht haben sollte, eine Waffe zu besitzen, darüber waren sich beide Seiten einig.

Will Bakker glaubt, dass Präsident Obama im Amt bleibt. „Er hat nach der verheerenden Bush-Ära wieder dafür gesorgt, dass Amerika einen guten Ruf in der Welt hat. Als er antrat, herrschte große Euphorie. Dass er nicht alle Erwartungen erfüllen konnte, lag daran, dass dies nicht in einer Amtszeit möglich war. Man sollte mehr Geduld haben und ihm vier weitere Jahre geben. Enttäuschend war, dass er Guantanamo nicht schloss.“

Bakker weiß um die verstärkte Polarisierung in der amerikanischen Gesellschaft. „Es herrscht eine tiefe Kluft, die immer größer geworden ist“, bestätigt John Winter, der seit Jahren in Luxemburg lebt und sich für die Auslands-Demokraten engagiert. Winter meint damit die gewachsene Kluft zwischen Arm und Reich durch Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit, aber auch den ideologischen Spalt zwischen Obama-Fans und den Anhängern der rechtskonservativen „Tea Party“.

Dies kann Sharon March bestätigen: „Mittlerweile wird man von den anderen regelrecht angefeindet, wenn man für eine der beiden Parteien ist“, sagt die Republikanerin, die als „Strategy Guide“ in Luxemburg Unternehmen berät. „So geht es zum Beispiel Afroamerikanern, die bei den Republikanern sind.“ Dabei stünden die Republikaner für Freiheit, betont March. Sie fügt hinzu: „Wer hat die Sklaverei beendet? Lincoln war ein Republikaner.“   Andererseits gilt für liberale Demokraten in den USA der Sozialismus-Verdacht. „Dabei sind die Demokraten alles andere als links“, sagt die Deutsch-Amerikanerin Christiane Burrell, die sich selbst als konservative Demokratin bezeichnet. Über die laut US-Botschaft rund 2.000 in Luxemburg lebenden Amerikaner meint die Juristin, dass diese kaum von der derzeitigen Situation in ihrer Heimat betroffen seien: „Sie sind keine armen Leute. Sie kamen aus beruflichen Gründen hierher und genießen die Vorteile des Luxemburger Sozialsystems.“ Folglich seien viele Republikaner.   Das gilt auch für die Mehrzahl der insgesamt 120 Studenten der privaten Miami University in Differdingen. Anna Wenning glaubt, dass die Frage, ob jemand Demokrat oder Republikaner, also für Obama oder Romney sei, davon abhänge, ob er reiche oder arme Eltern habe, auf welche Schule er gehe und welchen Beruf er habe. Die 21-jährige Marketing- und Theaterstudentin, wie die meisten an der Privatuni aus Ohio, einem der „Swing States“ (siehe Kasten) ist klar für Mitt Romney: „Er steht für den Wechsel“, sagt sie, „und er ist ein guter Redner. Mein Vater war bei einem seiner Auftritte. Romney reichte ihm die Hand.“ Obama habe während seiner Amtszeit wenig getan, seine Gesundheitsreform sei „schrecklich“.   Dagegen erwartet Brandon Patterson, dass Obama in seiner zweiten Amtszeit noch viel mehr umsetzen wird. „Er hat einen sozialen und wirtschaftlichen Plan für die Zukunft, aber dafür sind vier Jahre zu wenig“, sagt der 20-jährige Politikstudent aus Cleveland. „Er war noch zu nett mit dem politischen Gegner.“ Obamas Umweltpolitik, sein Eintreten für die Homo-Ehe, all dies macht den Präsidenten für Brandon sympathisch. Er zeigt auf seinem Laptop ein Foto von einem Wahlkampfauftritt des Präsidenten, bei dem er ihm eine Frage stellen durfte. Für Romney hat Brandon nichts übrig. Der sei doch nur ein „joke“, ein Witz.

Seiner Kommilitonin Bridget Sullivan fällt es schwer, sich für eine Richtung zu entscheiden. „Ich sehe mich eher zwischen den beiden Parteien, das ist schwierig“, sagt die 20-Jährige aus Cincinnati. „Leider hat der Druck der Medien die Polarisierung noch verstärkt.“ Sie sei zwar als Auslandswählerin registriert, habe aber nur einen Teil der TV-Debatten verfolgt.

Ganz im Gegensatz zu Allan M. Winkler: Der Geschichtsprofessor aus Ohio verfolgte die Debatten in den frühen Morgenstunden am Computer, war bei den zwei Diskussionen zwischen Demokraten und Republikanern hierzulande und unterhält sich intensiv mit seinen Kollegen über die Wahlen. Letztere seien von großer Bedeutung für die Zukunft Amerikas. „Es sind zwei unterschiedliche Richtungen, ein echter Kontrast“, sagt Winkler, „dabei ist Obama kein New-Deal-Demokrat, also nicht links. Er ist eher am Konsens orientiert.“ Viele seien enttäuscht, „obwohl er das Land aus der Rezession holte“, sagt der 68-Jährige. „Vielleicht hat man zu viel von ihm erwartet.“

Kein Wunder, dass sich die Begeisterung über den Wahlkampf in Grenzen hält. Ein wenig Stimmung kommt auf, als jemand „Bingo“ ruft. Die zweite Debatte entscheidet Obama für sich, und auch die dritte geht an den Amtsinhaber. Doch Romney hat in den letzten Wochen aufgeholt. Es wird ein knappes Finish.


Das US-Wahlsystem

Die exekutive Gewalt liegt beim Präsidenten. Er ist Staatsoberhaupt, Regierungschef und Oberbefehlshaber der Streitkräfte in einer Person. Er wird alle vier Jahre gewählt. Allerdings ist nur eine Wiederwahl von ein und derselben Person möglich. Die Präsidentschaftswahl ist indirekt: Die rund 230 Millionen Wahlberechtigten wählen – diesmal am 6. November – in jedem Bundesstaat die auf einem Parteitag oder von einem Zentralausschuss bestimmten insgesamt 538 Wahlmänner („electors“). Diese wiederum bilden das Wahlmännergremium („electoral college“), das im Dezember den Präsidenten und seinen Stellvertreter wählt. Die Bundesstaaten mit den meisten Wahlmännern sind Kalifornien (55) und New York (31).

In den meisten Bundesstaaten – außer Maine und Nebraska – gilt das „Winner takes it all“-Prinzip: Die Wahlmänner stimmen alle für den Präsidentschaftskandidaten, der in ihrem Staat die meisten Wählerstimmen erhielt. In den meisten Bundesstaaten steht nahezu fest, für welchen Kandidaten die Wahlmänner dieses Staates stimmen werden. Die anderen sind die umkämpften „Swing States“. Dazu gehören die bevölkerungsreichen Staaten Ohio und Florida.


Die Kandidaten

Barack Obama (Demokratische Partei)
Der amtierende 44. Präsident der USA wurde am 4. August in Honolulu auf Hawaii geboren. Sein Vater stammt aus Kenia. Bis 1979 lebte Obama in Hawaii, wo er auch die Highschool abschloss. Seit 1992 ist er mit Michelle Obama verheiratet, das Paar hat zwei Töchter. Obama studierte unter anderem Jura an der Harvard Law School, wo er 1991 mit „magna cum laude“ promovierte. Danach arbeitete er in Chicago in einer auf Bürgerrechte spezialisierten Anwaltskanzlei. 1996 wurde er in den Senat von Illinois gewählt, 2005 in den US-Senat. Am 4. November 2008 wurde er US-Präsident. 2009 erhielt er den Friedensnobelpreis.

Mitt Romney (Republikaner)
Mitt Romney wurde am 12. März 1947 in Detroit, Michigan, geboren. Das jüngste von vier Kindern wuchs im elitären Bloomfield Hills auf. Sein Vater George, ein Manager in der Autoindustrie, war von 1963 bis 1969 Gouverneur von Michigan und musste sich 1968 in den Vorwahlen der Republikaner Richard Nixon geschlagen geben. 1969 heiratete Romney seine Frau Ann. Das Paar hat fünf erwachsene Söhne. Romney studierte Jura in Stanford und Harvard. Eine Zeit lang war der Mormone Missionar in Südfrankreich. Von 1984 bis 1989 leitete er die Private-Equity-Gesellschaft Bain Capital. Romney sanierte die Organisation der Olympischen Winterspiele in Salt Lake City von 2002. Im gleichen Jahr wurde er Gouverneur des eher liberalen Bundesstaats Massachusetts.

Land & Leute

Bingo auf der Zielgeraden

Ute Metzger

Anna Wenning: „ Romney steht für den Wechsel.“

Ute Metzger

Will Bakker: „ Man sollte mehr Geduld mit Obama haben und ihm vier weitere Jahre geben.“

Ute Metzger

Sharon March: „ Mittlerweile wird man regelrecht angefeindet, wenn man für eine der beiden Parteien ist.“

Ute Metzger

Allan M. Winkler: „ Vielleicht hat man zu viel von Obama erwartet. Obwohl er das Land aus der Rezession zog.“

Ute Metzger

Brandon Patterson: „ Obama hat einen sozialen und wirtschaftlichen Plan für die Zukunft.“

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