Ausstellung
Nicht wegschauen!
15.02.2012, 12:05 –
Wer bettelt, stiehlt. Wer stiehlt, gehört ins Gefängnis. Mit solchen Leuten will man nichts zu tun haben. Europäisches Volk, fremdes Volk zeigt, wie sehr man sich in Vorurteilen über die Roma täuschen kann.
Die Geschichte des Alten Kontinents ist durch Migrationen geprägt. Bereits vor einem Jahrtausend haben die Roma ihre nordindische Heimat verlassen, um über Kleinasien nach Osteuropa und von dort nahezu überallhin zu gelangen. Fast genauso lang ist die ethnische Minderheit Vorurteilen und zahlreichen Formen der Diskriminierung ausgesetzt. Mal untersagt man ihnen das Umherziehen und sperrt sie in Lager, mal werden sie kurzerhand verjagt. In Rumänien gelten sie bis 1856 als Sklaven. Zur Zeit des Nationalsozialismus wird eine unbekannte sechsstellige Zahl von „Zigeunern“ Opfer eines Völkermordes. Weil sie intellektuell minderwertige Menschen sind, tödliche Krankheiten übertragen, am liebsten Kinder entführen und daher eine Gefahr für die Gesellschaft darstellen – so die gängigen Vorurteile. Auch heute noch sind viele Roma unerwünschte Parasiten. Im vergangenen November gingen in Petingen aufgebrachte Bürger auf die Straße, um ihren Unmut darüber auszudrücken, dass vorwiegend serbische Flüchtlingsfamilien in der Nähe einer Schule untergebracht werden sollen. Für die fremdenfeindlichen Äußerungen, die in diesem Zusammenhang gemacht worden sind, haben sich viele – nicht alle – im Nachhinein furchtbar geschämt, doch die Skepsis und die Angst vor dem Fremden sind geblieben. Zum Teil aus Unwissenheit, zum Teil aber aus Selbstgefälligkeit. Wissen Sie eigentlich Genaues über die rund 2.000 Menschen, die 2011 in Luxemburg Asyl beantragt haben? Und würden Sie freiwillig in überfüllten Schlafräumen mit Dutzenden von Betten übernachten? Ohne Trennwände, ohne Privatsphäre, ohne den geringsten Komfort. „Es ist immer noch besser als bei uns im Kosovo“, meint ein Betroffener.
„Wir leben im Überfluss und haben vergessen, was Lachen ist. Diese Leute […] besitzen nichts. Trotz ihres Elends zeigen sie Freude am Leben.“ Besitzer eines Hotels, in dem Asylbewerber untergebracht sind
Patrick Galbats ist nach Serbien gereist, um die dort in einer Art Ghetto lebenden Roma zu fotografieren. Er hat ebenfalls das „Wohnwagenviertel“ in Mont Saint Martin bei Longwy besucht, die verschiedenen Einrichtungen in Luxemburg kennt er schon länger. Seine Bilder beschönigen nichts. Sie zeigen Kinder beim Spielen in trostlosen Räumen. Eine Mutter beim Wäscheaufhängen. Vater und Sohn zwischen leeren Etagenbetten. Festlich gekleidete Männer auf einem Schotterplatz. Die einen schauen traurig, andere lachen. Es sind Menschen wie Sie und ich. Nur, dass sie keine Arbeit haben, kein Haus, nicht viel Geld und von blühender Zukunft kann kaum die Rede sein. Daran sind allerdings nicht die Roma schuld, sondern politische Zusammenhänge. Der Soziologe Jean-Pierre Liègeois behauptet sogar, dass es „die Staaten sind, die eine allgemeine Politik der Ausgrenzung betreiben“, weil sie sich nicht an die internationalen Abkommen halten, die ratifiziert wurden.
Ohne die europäische Sozialcharta und die Rechtslage in Luxemburg allzu offensiv an den Pranger zu stellen, bezieht die Ausstellung „Europäisches Volk, fremdes Volk – Luxemburg und die Roma“ dennoch klar Stellung. Und zwar gegen das Vorurteil: „Sie sind alle gleich!“ Was heißen soll, dass jeder Roma bettelt (was seit 2008 kein Straftatbestand mehr ist) und stiehlt, damit der Bandenchef sich einen Mercedes leisten kann. Tatsache ist, dass die Aussagen von Ladeninhabern, dass es seit der Ankunft der Roma vermehrt zu Diebstählen gekommen sei, von der Polizei widerlegt wurden.
Zum Glück gibt es auch Vereinigungen und Politiker wie Serge de Carli, die sich gegen Intoleranz stark machen. „Die Roma kommen, um überleben zu können. Ihre Lebensweise erregt sicherlich Anstoß, aber da sie keine Arbeit bekommen können, müssen sie halt betteln. Es sind Menschen. Man sollte ihnen mit Menschlichkeit begegnen und als Gastland die nötigen Bedingungen schaffen, um sie aufzuneh-men“, so der Bürgermeister von Mont Saint Martin. In Luxemburg sind Roma weniger willkommen. Besonders schockierend ist der Chatauszug einer offenen Facebookgruppe im Dezember 2011:
A: Sollen wir sie [die Roma] nicht gleich am verkaufsoffenen Sonntag mit zu Bram nehmen und von Kopf bis Fuß neu einkleiden !?!?
B: Spende 10 Liter Diesel.
A: Lieber Benzin, brennt besser, und ich spende das Feuerzeug.
C: Wenn du etwas nie wiedersehen willst, musst du es in Benzin schwimmen lassen.
Derartige Äußerungen erfordern Reaktionen. Wohin Frustrationen führen können, die sich auf eine ethnische Minderheit konzentrieren, ist schließlich gewusst. „Daher gilt es, sehr wachsam zu sein.“ Fast könnte man Monique Schmoetten und Museumsleiter Frank Schroeder, die die Begleittexte zur thematischen Ausstellung verfasst haben, zu viel Engagement vor- werfen. Aber eigentlich ist zu viel in diesem Zusammenhang nie genug. z
Bis zum 3. Juni im Escher Musée national de la Résistance. Geöffnet von Mi. bis So. von 14-18 Uhr.



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