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Lauf zur Freiheit

Der Äthiopier Yonas Kinde ist das Maß aller Dinge im luxemburgischen Langstreckenlauf. Sein Ziel ist es, in einem Team aus Flüchtlingen beim Olympia-Marathon von Rio teilzunehmen.

Fotos: Isabella Finzi (Editpress)

Die erste Runde verläuft gemächlich. Nach einem Termin beim Physiotherapeuten in der Coque hat sich Yonas Kinde in den Zug gesetzt, um seine Trainingseinheit auf dem Escher Galgenberg zu absolvieren. Eine Runde durch den Wald ist 2,2 Kilometer lang. Kinde läuft eine nach der anderen, 75 Minuten lang – das steht auf dem Programm, das sein Coach Yves Göldi, Trainer der luxemburgischen Mittel- und Langstreckenläufer, mit ihm ausgearbeitet hat. Kinde läuft zuerst gleichmäßig. Erst später erhöht er das Tempo. Es fast spielerisch zu steigern und wieder zurückzunehmen, ist „eine seiner Stärken“, weiß Göldi. Die Tempowechsel der afrikanischen Läufer sind legendär und berüchtigt. Die Stars aus Kenia und Äthiopien, wie der mehrfache Olympiasieger und Weltmeister Kenenisa Bekele, beherrschen diese Taktik, mit der sie ihre Gegner oftmals zur Verzweiflung bringen. „Damit zermürben sie ihre Konkurrenten“, sagt Kinde. Wenn der 36-Jährige über die Läufergrößen spricht, gerät er ins Schwärmen. Äthiopiens Läuferidole wie Abebe Bikila, Mamo Wolde, Moruts Yifter und Haile Gebreselassie sind ihm seit seiner Kindheit und Jugend ein Begriff. Es sind nationale Helden und Vorbilder für Generationen von Langstreckenläufern, die in Äthiopien davon träumen, auf den Spuren ihrer Idole zu wandeln. So auch für Yonas Kinde.

Der am 7. Mai 1980 geborene Äthiopier hat früh begonnen, über lange Strecken zu laufen. „Morgens lief ich acht Kilometer zur Schule und später wieder zurück“, erinnert er sich. „Das war eine gute Vorbereitung.“ Mit 15 Jahren nahm er dann bei Rennen teil, unter anderem über 10.000 Meter und im Crosslauf. Ihm gelang es zwar nicht, ganz zur internationalen Klasse von Bekele und Gebreselassie vorzustoßen. Kinde wurde aber immerhin zwei Mal regionaler Meister und war danach als Trainer und als Physiotherapeut in seiner Heimat Gondar in der nordäthiopischen Region Amhara tätig.

Sein Engagement für die politische Opposition seines Heimatlandes wurde ihm jedoch zum Verhängnis. Laut mehrerer Menschenrechtsorganisationen, unter anderem Amnesty International, wird die Opposition in Äthiopien unterdrückt – einige ihrer Politiker sind inhaftiert. Um diesem Schicksal zu entgehen, entschloss sich Yonas Kinde im Jahr 2012 zur Flucht. „Ich war etwa einen Monat lang unterwegs“, erzählt er. „Zuerst auf einem Lastwagen und dann später mit dem Flugzeug.“ Über die Niederlande gelangte er schließlich nach Luxemburg. „Ich kannte das Land vorher nicht, ich hielt es für einen Teil Deutschlands“, sagt er. Seit März 2012 im Großherzogtum, wohnte er zuerst im Asylbewerberheim in Sassenheim. Er lernte bald Leichtathleten des CA Beles kennen. Für diesen Verein startete er bis Herbst 2014 bei Rennen, bevor er zu Celtic Diekirch wechselte. Yonas Kinde ist seither ein Star in der luxemburgischen Leichtathletikszene und gewinnt ein um das andere Mal.

Kinde ist sein ganzes Leben lang gelaufen, zur Schule und um seine Freiheit. Heute läuft er, um seine Träume zu verwirklichen.

Der Äthiopier büffelte in Kursen Französisch und Luxemburgisch, während er auf die offizielle Anerkennung als Flüchtling wartete. Ende 2013 erhielt er schließlich den offiziellen Flüchtlingsstatus und kann sich seither mit einem Schengen-Visum in Europa frei bewegen. Derweil lief er von einem Sieg zum nächsten. Postlaf, Ouschterlaf, Vollekslaf Walfer, etc. – im Großherzogtum lief er den anderen Teilnehmern davon. Zunehmend suchte er stärkere Konkurrenz, ob beim Silvesterlauf in Trier oder bei der Route du Vin an der Mosel – bei dem Halbmarathon lief er im September 2014 hinter zwei Kenianern auf den dritten Platz und lief dabei seine bisherige persönliche Bestzeit von 63 Minuten und 22 Sekunden. Von den 1.500 Metern in der Halle bis zum Straßenlauf auf verschiedenen Distanzen hat Kinde eine breite Bandbreite an Strecken absolviert. In der Königsdisziplin Marathon lief er mit zwei Stunden, 17 Minuten und 31 Sekunden seine persönliche Bestzeit und kam schlussendlich auf den 29. Platz. Von den Top Ten waren neun aus Äthiopien, Eritrea und Kenia. Eine Phalanx der Afrikaner, in die es selbst für Topläufer wie Kinde schwer ist vorzudringen.

Vom Flüchtlingsheim auf die Siegerstraße: Yonas Kinde ist ein Star der hiesigen Leichtathletik. Für Luxemburg darf er aber noch nicht starten.

Vom Flüchtlingsheim auf die Siegerstraße: Yonas Kinde ist ein Star der hiesigen Leichtathletik. Für Luxemburg darf er aber noch nicht starten.

Kindes Zeit hätte bis vor kurzem nicht für eine Olympiateilnahme gereicht. Doch der Internationale Leichtathletikverband setzte die Norm von 2:17 auf 2:19. Der pensionierte Sportjournalist Pierre Gricius, jahrelang für das „Luxemburger Wort“ tätig, machte ihn darauf aufmerksam. Doch der Äthiopier hat noch keine luxemburgische Staatsbürgerschaft. Diese erhält er, nach der Herabsetzung der Residenzklausel von sieben Jahren im Zuge der jüngsten Reform, frühestens dann, wenn er mindestens fünf Jahre im Großherzogtum gewohnt hat. Doch der Vorschlag des Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Thomas Bach, hat Kindes Hoffnung genährt, doch noch seinen Traum wahrzumachen und bei den Olympischen Sommerspielen zu starten: Bach kündete im Oktober letzten Jahres an, dass im August in Rio de Janeiro ein Team bestehend aus Flüchtlingen starten kann. Die „Refugee Olympic Athlets“ (ROA) sind vor Krieg und Verfolgung aus ihrer Heimat geflohen: unter anderem Läufer aus dem Südsudan, eine Taekwondo-Kämpferin aus dem Iran, eine Schwimmerin aus Syrien, zwei Judokas aus dem Kongo. Das Team wird gesponsert und zusammengestellt vom IOC. Die zusammengewürfelte Schar von Athleten soll bei der Eröffnungsfeier als letzte Mannschaft vor Gastgeber Brasilien ins Stadion kommen. Die ROA werden den gleichen Status haben wie ein Land. Vorgesehen ist eine Teamstärke von nur fünf bis zehn Sportlern. Zur Auswahl stehen insgesamt 43 Athleten.

Die Luxemburger Leichtathletikföderation hat für Yonas Kinde eine Bewerbung eingereicht. Erstmals wird er von dem hiesigen Verband unterstützt. In Rio zu starten, wäre für Kinde die Erfüllung eines Traumes. Dafür trainiert er auch. Sein Coach, der aus der Schweiz stammende Trainer Yves Göldi, hat mit ihm einen Trainingsplan ausgearbeitet. Kinde trifft Göldi einmal pro Woche zum Training. Die restliche Zeit trainiert er allein. So wie dieses Mal auf dem Galgenberg: Hier hat er die Möglichkeit, sich im Stadion Emile Mayrisch umzukleiden und zu duschen; und auf der Bahn seine Runden zu drehen. Die letzte Runde auf seiner Waldstrecke lief er nochmals volles Tempo. Nach den 15 Kilometern ist er zwar schweißgebadet, die Anstrengung sieht man ihm jedoch nicht wirklich an. Die Strecke von der Waldpiste bis zum Stadion hat er mit großen Schritten zurückgelegt, spielerisch und zugleich mit hoher Geschwindigkeit. Im Nu wird sichtbar, wie läuferische Eleganz, große Ausdauer und Anstrengung eine Einheit bilden können. Kinde ist sein ganzes Leben lang gelaufen, zur Schule und um seine Freiheit. Heute läuft er, um seine Träume zu verwirklichen.

Ein Traum, der möglichst bald Wirklichkeit werden soll, ist es auch, seine Familie wiederzusehen. Seine Mutter und seine acht Geschwister leben ebenso noch in Äthiopien wie seine Frau sowie seine Tochter, die achtjährige Megdi. „Ich vermisse mein Land, auf das ich so stolz bin“, sagt er. „Aber am meisten vermisse ich meine Frau und meine Tochter, die ich schon mehr als vier Jahre nicht gesehen habe.“ Gelegentlich telefoniert er mit ihnen, doch hofft er, dass sie im Zuge der Familienzusammenführung nach Luxemburg kommen dürfen. Bis dahin lebt er allein in seiner kleinen Wohnung in Bonneweg, in die er erst vor kurzem gezogen ist, und konzentriert sich ganz auf das Laufen. Die letzten Resultate waren ordentlich. Kürzlich nahm er an einem Halbmarathon in Straßburg teil und wurde dort Achter in einer Zeit von 1:05:07. Coach Yves Göldi ist zufrieden. Auf dem Weg nach Rio liegt auch der Luxemburger ING-Marathon, an dem Kinde als Tempomacher über die Hälfte der Strecke teilnehmen wird. Die Entscheidung, ob er in dem Olympia-Team der Flüchtlinge dabei sein wird, fällt im Juni. Ob in Rio oder anderswo, Yonas Kinde wird laufen.

Tempowechsel: Kinde läuft unter anderem auf dem Escher Gaalgebierg, hier zusammen mit revue-Journalist Stefan Kunzmann.

Tempowechsel: Kinde läuft unter anderem auf dem Escher Gaalgebierg, hier zusammen mit revue-Journalist Stefan Kunzmann.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Philippe Reuter

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