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Laut gedacht: Gehasst und geliebt

Längst ist bekannt, dass stundenlanges Starren auf einen Bildschirm den Augen schadet. Die Stimmen werden allerdings lauter, wenn man Displays in seiner Freizeit nutzt.

Von digitaler Augenbelastung ist die Rede. Manche Wissenschaftler sprechen laut der deutschen Tageszeitung „die Welt“ bereits von einer internationalen Seuche. Klingt nach Panikmache. Sicherlich schädigt lange Bildschirmarbeit Körper und Geist. Tun wir uns das aus professionellen Gründen an, nehmen wir es hin. Da kann man eben nichts gegen machen. Doch, kann man. Zum einen gibt es einige Tipps, wie man Sehstress vermeiden kann. Die richtige Entfernung zum Monitor kann dabei schon helfen. Das Hauptproblem ist jedoch, dass unser Blick zwischen Nah- und Fernsicht wechselt und am Ende immer wieder den Bildschirm scharf stellen muss – und das wird auf Dauer ermüdend. Auch das Blaulicht, das von Displays ausgeht, soll die Augen zu sehr anstrengen. Während man den Blauanteil auf dem Smartphone oder Tablet längst in den Einstellungen reduzieren und den Gelbanteil erhöhen kann, es häufig bereits vorinstallierte Nachtmodi gibt, bleibt das künstliche Licht fester Bestandteil eines jeden Büros. Paradox oder nicht?

Im Büroalltag sind Bildschirm und Blaulicht Pflicht. Wer sich nach acht Stunden abgesessener Arbeitszeit freiwillig dazu entscheidet, noch vorm Fernseher oder PC-Monitor zu sitzen, wird verpönt. Viel anstrengender als Netflix zu gucken oder Videospiele zu spielen ist, meiner Meinung nach, der ständige Blick aufs Handy. Immer wieder zücken wir es, immer wieder lassen wir Facebook und Instagram aufploppen, immer wieder aktualisieren wir die Startseite und bemerken gar nicht, wie viel (Lebens-)Zeit wir damit verprassen. Es ist dieses Unbewusste, wovor man sich in Acht nehmen sollte. Statt pausenlos aufs Smartphone zu glotzen, sollte man sich lieber bewusst für einen guten Film entscheiden. Nach zwei Stunden ist hier Schluss und die Augen haben Ruhe. Das Handy hingegen bleibt der ständige Begleiter. Vorm Schlafengehen halten wir es zuletzt in den Händen. Wenn wir aufwachen, ist der erste Griff der zum Smartphone – sei es auch nur, um die Weckfunktion auszuschalten.

[…]Das Handy hingegen bleibt der ständige Begleiter. Vorm Schlafengehen halten wir es zuletzt in den Händen.

Wer nach Feierabend keine Lust mehr auf digitale Medien hat, kann sich seine Zeit ebenfalls mit einem guten Buch oder Gesellschaftsspiel vertreiben. Als Teil der sogenannten Generation Y (zwischen 1980 und 2000 Geborene) gehöre ich zu der Gruppe, die laut Studien am stärksten von Augenstress betroffen ist. Obwohl ich eine „digital native“ bin, lege ich großen Wert auf analoge Medien und Papier. Ich habe Literatur studiert, besitze kein Kindle, arbeite bei einer Zeitschrift, die wöchentlich als Printausgabe erscheint und benutze ein Notizbuch als Terminkalender, keine App. Ich liebe es, ein echtes Buch in den Händen zu halten und den einzigartigen Duft frischgedruckter Seiten wahrzunehmen.

Dennoch streame und daddle ich gerne – und verstehe diese Kluft zwischen analogen und digitalen Medien nicht, die immer weiter auseinanderzugehen scheint. Warum muss man sich für eines von beiden entscheiden? Warum kann man nicht beidem offen gegenüberstehen und sich das beste aus beiden Sparten herausnehmen? Schließlich ist ein Medium nichts anderes als ein (Hilfs-)Mittel, das der Vermittlung von Information und Bildung dient. Welche Form es dabei annimmt, ist völlig nebensächlich. Es kommt auf den Inhalt an. Dass Monitore von der Öffentlichkeit schlichtweg als „böse“ abgetan werden, geht mir nicht nur auf die Nerven, ich empfinde es auch als heuchlerisch.

Ja, wir sollten die Zeit, in der wir aktiv und passiv auf diverse Displays starren, reduzieren. Aber vielleicht könnte man, würde man von einer veralteten 40-Stunden-Woche absehen und einen schonenden Lesemodus auf Büro-Rechnern einführen, ja ein wenig Freizeit auf dem Monitor verbringen, ohne dass die ganze Welt „mein Gott, nein“ schreit.

Foto: Joachim Kirchner / pixelio.de

Françoise Stoll

Journalistin / Gastronomie

Ressorts: Lifestyle, Multimedia

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Author: Philippe Reuter

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