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Leben heißt lernen

Eigentlich sollte es ein Interview über die Chancen und Möglichkeiten von Weiterbildungen im Alter werden. Doch wer mit Simon Groß, dem Direktor des RBS –Center fir Altersfroen spricht, kommt leicht vom Weg ab. Und landet plötzlich bei viel grundsätzlicheren Themen.

Sollte man sich im Alter weiterbilden?
Dazu muss man erst einmal den Begriff „Alter“ klären. Der wird nämlich sehr undifferenziert verwendet. Die meisten Leute machen sich nicht klar, dass es um eine Zeitspanne von fünfzig Jahren geht. Kein Mensch würde auf die Idee kommen, einen Fünfzehnjährigen zusammen mit einem Fünfunddreißigjährigen in eine Ferienfreizeit zu schicken. Aber wenn es um das Thema Alter geht, wird oft alles in einen Topf geworfen.

Was ist dann das Alter?
Das ist sehr unterschiedlich. Rein rechnerisch liegt die Mitte des Lebens bei Mitte Vierzig, gefühlt jedoch erst bei Fünfundfünfzig, manche Siebzigjährigen sagen, sie seien jetzt erst dort angekommen. Wir altern im Durchschnitt zehn Jahre später als noch vor zwanzig Jahren. Wir erleben quasi eine biologische Revolution, derer die meisten sich nicht bewusst sind.

Hat sich durch die steigende Lebenserwartung etwas verändert?
Ja, doch die Frage ist, was hat sich verändert? Ist es das hohe Alter, welches einfach nur zehn Jahre länger dauert? Oder hat sich die Mitte des Lebens verlängert? Ich sage, die Mitte des Lebens hat sich verändert. Es ist ein Abschnitt in den menschlichen Lebenslauf hineingeschoben worden. Deshalb müssen wir unseren Lebensrhythmus verändern.

Ist also eine neue Phase hinzugekommen, die es früher so nicht gab?
Genau. Das sieht man vor allem an den Fünfzig- bis Siebzigjährigen. Das kennen wir so nicht von früher, dass Leute mit Fünfzig noch einmal völlig neu anfangen und ihr Leben umkrempeln. Doch es gibt viele, die genau das tun. Heutzutage haben wir im Alter ganz andere Möglichkeiten.

„ Menschen geht es gut, wenn sie sinnvolle Aufgaben haben und sich dadurch bewegen.“ Simon Groß

Werden die auch genutzt?
Von einigen schon, doch oft sind unsere Vorstellungen anders. Sie werden beeinflusst durch die Festlegung des Renteneintrittsalters. Bei uns geht es oft um die Zeit vor der Rente und die Zeit danach. Viele meinen doch, das Leben fängt mit der Rente erst richtig an. „Dann kauf‘ ich mir einen Camper und mache eine Weltreise“, heißt es. Die Realität sieht aber meist völlig anders aus. Nach drei Monaten wird der Urlaub plötzlich lang und man merkt, dass es die Arbeit war, die Struktur gegeben hat.

Träumt nicht jeder davon, immer ausschlafen zu können?
Sicher, aber wir unterschätzen maßlos, dass unser soziales Leben sehr viel von unserem Beruf abhängt. Wir beide zum Beispiel. Wir sprechen miteinander, weil ich eine bestimmte Rolle habe, weil ich Direktor bin. Sie wären sonst nie auf die Idee gekommen, Simon Groß anzurufen, wieso auch? Sobald man in Rente geht, hört das alles auf. Und wenn dann auch noch die letzten Kinder aus dem Haus sind, ist nichts mehr da, das Struktur gibt. Da kann es vorkommen, dass man erstmal gar nichts mehr hinbekommt. Selbst im Haushalt, den man früher nebenbei gemacht hat, bleibt alles liegen.

Kann man da nicht vorbeugen? Sich Hobbys suchen? Vereine?
Viele Männer haben sich jahrelang über ihren Beruf definiert. Sie wussten immer, wer sie waren, welche Rolle sie hatten und welchen Status. Wenn sie dann in Rente gehen, wissen sie zunächst nicht, was sie eigentlich machen sollen und welche Rolle sie jetzt spielen. Sie müssen erstmal lernen, sich sich selbst eine neue Rolle zu suchen und wieder Struktur in ihren Alltag zu bringen.

Wäre es es für einen Club Senior oder RBS nicht sinnvoll, spezielle Angebote genau für diese Männer anzubieten?
Es ist schwierig, Männer zu motivieren. Sie kommen nicht so gerne zu Kursen, nur um zu einem Kurs zu gehen. Ich habe mal auf einem Kongress einen dänischen Kollegen kennengelernt. Den habe ich gefragt, welches Programm er für Männer anbietet. Da hat er gesagt: „Ganz einfach. Wir sind Dänen. Ich habe ein altes Schiff gekauft und den Männern gesagt, sie sollen das flott machen. Dann haben sie monatelang daran rumgeschraubt und als es fertig war, habe ich es verkauft und ein neues altes gekauft, was sie dann restaurieren konnten. Die Männer waren glücklich.“ Das Beispiel zeigt doch, dass, wenn man über lebenslanges Lernen nachdenkt, man automatisch über die Verschiedenheit
der Menschen nachdenken muss.

Leben (3)

Foto: Guido Sobbe

Wie ist das mit den Frauen?
Frauen haben Männern gegenüber einen Vorteil. Als die Kinder klein waren, haben sie schon andere Mütter kennengelernt. Sie sind es gewöhnt, unterwegs zu sein und Kontakte zu knüpfen. Frauen haben daher eine höhere Bereitschaft, sich zu bewegen und Neues zu unternehmen. Männer gehen arbeiten und für das Soziale sorgt die Frau. Deshalb sind ja gerade die Männer so gefährdet. Vor allem, wenn dann noch eine Scheidung kommt.

Brauchen wir spezielle Angebote für Alte?
Ich bin der Meinung, dass wir einen Arbeitsmarkt für Menschen über Sechzig schaffen sollten. Es ist nämlich nicht einzusehen, warum wir im Alter zwischen Dreißig und Siebenundfünfzig extrem viel arbeiten müssen. Und dann sind wir in Rente und müssen Kurse oder andere Lernangebote besuchen, damit uns nicht die Decke auf den Kopf fällt. Warum kann man nicht je nach Bedarf und Gesundheitslage bis Siebzig oder sogar Fünfundsiebzig arbeiten, aber dafür mit mehr Flexibilität. Man braucht auch nicht immer gleich viel Geld.

Freuen Sie sich nicht auf ein Leben ohne Arbeit?
Ich will nicht in die Rente gehen, wenn ich in einem bestimmten Alter bin. Das kommt mir künstlich vor. Wir haben sehr viel Kontakt zu amerikanischen Trainern und wenn die herkommen, fragen die uns immer, warum hier die älteren Menschen nicht mehr arbeiten. Die verstehen das gar nicht. Bei denen ist das nicht vorgesehen. Da gibt es viele, die auch mit Achtzig noch arbeiten. Ich will nicht sagen, dass wir unsere Absicherungen und die Rente abschaffen sollen. Es geht mir ums Leben. Menschen geht es gut, wenn sie sinnvolle Aufgaben haben und sich dadurch bewegen.

„ Ich bin der Meinung, dass wir einen Arbeitsmarkt für Menschen über Sechzig schaffen sollen.“ Simon Groß

Das sehen nicht alle Menschen so.
Es ist vor allem schwierig, mit denjenigen darüber zu reden, die noch nicht in Rente sind. Die sehen das nämlich nicht aus Altersgesichtspunkten. Für sie ist das eher eine Frage der Gerechtigkeit. Das hat man in Deutschland gesehen. Da war es schon ganz normal, dass man allgemein davon ausging, man müsste bis Siebenundsechzig arbeiten. Dann kam die Rente mit Dreiundsechzig auf und viele haben gesagt: „Warum nicht? Wenn mein Nachbar das kann, kann ich das auch.“ Und da sehen Sie, wie der Mensch funktioniert. Die Menschen denken nicht gerontologisch. Die denken eher so, als hätte das Alter mit ihnen nichts zu tun.

Leben (1)

Aber sollte man älteren Menschen noch ein großes Arbeitspensum zumuten?
Wenn wir länger arbeiten, müssen wir auch die altersbedingten Veränderungen einkalkulieren und die Arbeitsbedingungen anpassen. Fälle von Burnout nehmen bekanntlich überall zu. Ich sage, dass ein Teil dieser Burnout-Fälle einfach durch nicht angemessen behandeltes Alter entsteht. Wenn wir in der Mitte des Lebens stehen, ändert sich ja nicht nichts. Mit der Zeit fällt es den meisten immer schwerer, mehrere Dinge auf einmal zu tun. Dafür gibt es aber bestimmte Stärken, die diese Menschen im Vergleich zu Jüngeren haben. Untersuchungen haben gezeigt, dass Ältere ihre Aufgaben konstant erfüllen, während jüngere Arbeitnehmer Schwankungen in ihren Leistungen aufweisen, je nach Tagesform.

Um auf die Weiterbildung oder „Longlife Learning“ zurückzukommen. Wozu ist das wichtig?
Es gibt sicherlich viele Komponenten, aber einer der Hauptgründe ist, etwas zu tun, was man immer schon machen wollte. Manche brauchen auch eine neue Perspektive. Die suchen Arbeit und wollen damit Geld verdienen. Andere wollen sich mit ihren neuen Kenntnissen für die Gesellschaft engagieren, sehr häufig ehrenamtlich. Allerdings nicht immer. Aber es gibt noch einen ganz anderen Grund: Lernen, um gut alt zu werden.

Wie definieren Sie „gut alt werden“?
Da geht es um Gesundheitsprävention, Sport, Bewegung, geistige Flexibilität und ähnliches. Aber nicht nur: Gut alt werden, heißt vor allem, sozial integriert zu sein. Die soziale Integration ist schnell gefährdet, wenn man in Rente ist. Wenn man aber einen Kurs besucht, gibt das wieder Struktur, man schlüpft wieder in eine Rolle, trifft auf andere. Deshalb sind klassische Angebote so wichtig. Wie Sprachkurse beispielsweise. Es geht nicht darum, eine Sprache fließend zu beherrschen, sondern darum, mit anderen zusammen zu sein.

Was bedeutet für Sie „lernen“?
Es muss am Ende nicht immer etwas dabei herauskommen, es ist ja auch gut, wenn ich zu einem Englischkurs gehe und dort soziale Kontakte knüpfe, selbst wenn ich dadurch nicht viel besser Englisch sprechen kann. Wir sehen den Lernbegriff sehr breit gefächert. Nämlich so, wie er ursprünglich konzipiert wurde: Alles ist lernen.

Neben dem RBS – Center fir Altersfroen bieten auch die siebzehn regionalen Clubs Senior interessante Kurse und Vorträge für Senioren an. Neben Klassikern wie Sport-, Mal- und Sprachkursen werden regelmäßig auch neue Themen angeboten. So findet beim RBS bald ein Gesprächskreis zum Thema „Kriegskinder“ statt und es gibt neuerdings einen Internet-Blog, in dem Interessierte Anekdoten, Erinnerungen und Geschichten aus ihrem Leben in Luxemburg mit anderen teilen können.Zudem gibt RBS mehrmals im Jahr ein Fachblatt für die professionelle Altenhilfe und die Zeitschrift „Aktiv am Liewen“ heraus, die über seniorenrelevante Themen und Angebote informiert. Soeben ist auch die dritte Ausgabe des neuen Magazins „Mid-Life“ erschienen, das sich vorwiegend an Menschen in der Lebensmitte richtet.
Kontakt: RBS – Center fir Altersfroen, 20, rue de Contern, L-5955 Itzig, Tel: 36 04 78-1, www.rbs.lu

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

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Author: Philippe Reuter

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