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Leben wie Mustangs

Stellen Sie sich vor: Nach einem harten Arbeitstag besteht Ihr Heim lediglich aus einem winzigen Raum mit eingeschränkter Sicht und fehlender Beschäftigung. Was auf den Menschen übertragen wie eine Horrorvorstellung klingt, ist für viele Pferde Alltag. Ein an das Leben der Wildpferde angelehntes Offenstallkonzept aus den USA soll diese Zustände verbessern.

Text: Leslie Schmit (stagiaire@revue.lu) / Fotos: Leslie Schmit, BioBaltes (2)

Anfang der 80er Jahre beschäftigte sich der amerikanische Hufschmied Jaime Jackson mit den auffallend gesunden Hufen und dem Alltagsleben der Wildpferde im Great Basin. Zu diesem Zweck folgte er über mehrere Jahre hinweg den frei lebenden Mustangherden bei ihren Wanderungen durch die Wüstensteppen Nevadas und stellte fasziniert fest, dass die Pferde auf der Suche nach Futter immer wieder die gleichen Pfade nutzten und so den ganzen Tag langsam von einer Futterstelle zur nächsten zogen. Bei diesen Wanderungen passierten sie Schlaf – und Wälzplätze, Wasserstellen, Schatten – alles, was sie zum Leben brauchen. Aktivitäten wie Rennen, Spielen, Paarung oder Tiefschlaf nahmen im Vergleich nur sehr wenig Zeit in Anspruch.

Seine Erkenntnisse übertrug Jackson auf die Haltung von Hauspferden und schlussfolgerte, dass auch diese nur dann sowohl körperlich als geistig gesund sein können, wenn ihnen eine möglichst naturnahe Lebensweise ermöglicht wird – das heißt, wenn sie ständig in Bewegung sein können. Überzeugt, dass Reitpferde durch die übliche Haltung in Boxen und auf Weiden faul, verhaltensgestört und anfällig für Gesundheitsprobleme werden, schuf er daraufhin eine völlig neue, kompromisslose Haltungsart über die er 2006 erstmals ein Buch veröffentlichte: Paddock Paradise.

Praktisch 80 Prozent aller Pferde sind verhaltensgestört.

In Europa ist das Konzept unter der Bezeichnung „Paddock Trail“ bekannt. Mit Hilfe von zweireihigen Zäunen werden sogenannte Trails um die Weideflächen herum angelegt. Diese simulieren die Wanderwege von Wildpferden. Dabei sollten die Pfade nicht zu breit angelegt sein, da sie sonst den Eindruck einer Koppel erwecken und ihren Zweck, Bewegung zu fördern, verfehlen. Es geht also nicht mehr darum, eine möglichst große Weidefläche zu schaffen, sondern einen geschlossenen Kreis, der „unendliche Wege“ und somit die Wanderrouten nachahmt, die ein Pferd in freier Wildbahn zurücklegen würde.

Entlang der gesamten Wegstrecke verteilen sich unterschiedliche Stationen: Tränken, Heuraufen, Wälzplätze, Lecksteine, Wasserstellen, Unterstände und mehr. Der Fantasie des Pferdebesitzers sind bei der Gestaltung der Trails kaum Grenzen gesetzt. „Paddock Trail findet man ganz luxuriös oder auch ganz einfach, das heißt jeder der hinter dem Haus zwei Pferde stehen hat, kann es umsetzen“, erklärt Myriam Baltes-Alt vom Biohof Baltes. „Man sagt den Tieren sozusagen, sie müssen sich wieder so bewegen wie es früher gedacht war.“ Ausschlaggebend in einer solchen Einrichtung ist das stetige Hin und Her von einer Station zur nächsten. Auch das natürliche Bedürfnis, über den ganzen Tag verteilt ständig kleine Futtermengen zu sich zu nehmen, kann auf diese Weise problemlos gestillt werden.

Was ebenfalls sein muss: innerhalb der Trails die Art des Untergrundes zu variieren und mit unterschiedlichen Arten von Böden zu arbeiten. Diese Abwechslung sorgt somit im Gegensatz zur Pferdebox, in der das Tier stundenlang ohne Möglichkeit zur Bewegung im nassen Schmutz herumsteht, für gesunde und kräftige Hufe. Myriam Baltes-Alt weiß: „Die Fußgesundheit bessert sich durch das Laufen auf Unebenheiten und auch die Qualität der Hufe bessert sich deutlich, wenn sie nicht in nasser Einstreu stehen.“ Steigungen, Gefälle und Aussichtsplattformen bieten eine gesunde Abwechslung und gymnastizieren die Pferde überdies besser, als etwa das Longieren auf einem flachen Zirkel.
Vergleicht man diese Form der Unterbringung mit der herkömmlichen Boxenhaltung, so ist es nicht verwunderlich, dass sich das Verhalten der Tiere, die in einen Trail integriert werden, fast immer zum Positiven bessert. Durch langes, gezwungenes Stehen angestaute Energie sowie Einzelhaft fallen weg und damit Stress und Langeweile. An deren Stelle kommt die Möglichkeit, sich nach Belieben zu bewegen, kombiniert mit der Zugehörigkeit zu einer Herde. Die dadurch gebotene Abwechslung und das neue Familiengefühl führen in vielen Fällen zu einer enormen Selbstbewusstseinsstärkung der Pferde und dies wiederum zu einem entspannteren, ausgeglicheneren Wesen.

Myriam Baltes-Alt weiß aus Erfahrung: „Man merkt wahnsinnig schnell, wie sie ihr Verhalten ändern. Praktisch 80 Prozent aller Pferde sind verhaltensgestört. Wir sehen es oft nicht, weil es seit langer Zeit als normal gilt. Es fehlt das Hinterfragen, was wir eigentlich mit diesem Fluchttier gemacht haben. Die Pferde finden in ihrem Familienverbund nach anfänglichen Raufereien ihren Platz. Dieser Platz gibt Sicherheit, das gibt Selbstbewusstsein und das wiederum Ruhe. Paddock Trail erlaubt den Tieren, sich ihren Instinkten entsprechend und natürlich zu benehmen. Auch unter dem Sattel ist dies zu spüren.“

Beeindruckend für die Pferdebesitzer ist bei der Umstellung, dass die Abhängigkeit zum Menschen deutlich zurückgeht und die Tiere dies auch zeigen. „Das Pferd zeigt auf einmal, dass nicht mehr der Mensch das Wichtigste ist, sondern die Familie. Das verletzt natürlich. Man ist nicht mehr der einzige Lebensinhalt. Da ist es dann an der Größe des Menschen, eher an das Wohl des Tieres zu denken als daran, dass einem sein Pferd auf der Weide freudig entgegengaloppiert“, sagt Myriam Baltes-Alt.

Wer sich von dem Konzept des Paddock Trail angesprochen fühlt, muss ein paar Dinge im Vorfeld bedenken. Neben dem nötigen Kleingeld zur Umsetzung muss man sich im Klaren sein, dass auch viel Zeit und Arbeit investiert werden müssen – mehr als bei der herkömmlichen Haltung. Die Fütterung von Kraftfutter kann sich als ziemlich aufwendig erweisen, genau wie Reinigung und Instandhaltung der Anlage.

Ebenfalls wichtig ist die Zusammensetzung der Herde. Zur Vermeidung von Stress ist es wichtig, genau aufzupassen wenn man Neuankömmlinge integriert und sich bewusst zu sein, dass es eventuell nicht funktioniert. In manchen Fällen sind die Pferde dermaßen verhaltensgestört, dass die Integration in eine solche Herde nicht möglich ist. Besonders betroffen sind Tiere, die durch Menschenhand oder langjährige Einzelunterbringung ihr Sozialverhalten verlernt und schlechte Angewohnheiten entwickelt haben. In solchen Fällen muss man erkennen, wenn Probleme entstehen und eingreifen, bevor die gesamte Herde unter Stress steht. „Nicht jedes Pferd lernt beim Aufwachsen seine eigene Sprache“, meint Myriam Baltes-Alt. Zur Umsetzung eines eigenen Trails müssen sich Pferdefreunde also gut vorbereiten. Doch was ist schon etwas mehr Arbeit, wenn letztendlich beide Seiten davon profitieren?

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Author: alommel

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