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Le Jeudi: Ein Nachruf

Es ist schmerzhaft zu erleben, wie ein gutgemachtes Presseprodukt vom Markt verschwindet. Unseren Berufskollegen von Le Jeudi können wir nur alles Gute für ihre berufliche Zukunft wünschen. Über die Qualität, weiter im Journalismus wertvolle Arbeit zu leisten, verfügen sie alle, ausnahmslos. Die Einstellung Luxemburgs einziger Wochenzeitung in französischer Sprache ruft doch einige Gedanken hervor, die hier kurz beleuchtet sein wollen.

Eine Zeitung lebt von drei Einkommensquellen: dem Lesermarkt, der Werbung, und der Presseförderung. Zum Lesermarkt des Jeudi: Trotz seiner 26.700 treuen Leser, waren es deren gerade mal 1.400, die bereit waren, für hochwertige journalistische Inhalte zu zahlen. Gerade mal 3,20 Euro pro Ausgabe, oder 117 Euro pro Jahr waren denen, die dem Jeudi jetzt nachtrauern dann doch zu viel. Viele der Tränen, die jetzt über die sozialen Netzwerke vergossen werden, sind in Wahrheit nichts anderes als Krokodilstränen. Über 25.000 Leser können sich nun selbst an der Nase fassen. Journalismus zum Nulltarif kann auf Dauer nicht bestehen.

Das zweite Standbein, auf der Zeitungen und Zeitschriften aufgebaut sind, ist der Werbemarkt. Es ist erschreckend zu beobachten, wie immer mehr Unternehmen und Institutionen sich von der Luxemburger Presse abwenden und ihre gesamten Werbeetats an die GAFA (Google, Apple, Facebook, Amazon) überschreiben. Man bedenke: Mit diesem Schritt wird ein Teil des luxemburgischen und des europäischen Vermögens an weltumspannende US-Unternehmen ausgeliefert, die damit ihre Vormachtstellung weiter ausbauen können. Es schadet der nationalen und der europäischen Wirtschaft. Es entzieht unserer Kultur und unseren demokratischen Strukturen, darunter der Presse, die Luft, die sie zum Atmen braucht. Dass sich unter diesen Werbetreibenden staatliche Institutionen, mit Luxemburger Steuergeldern aufgebaute, ausgebaute und gerettete Einrichtungen und Unternehmen befinden, ist umso schmerzhafter.

Dass man den Pressepluralismus nicht ohne Presseförderung gewährleisten kann, haben alle europäischen Länder erkannt. Und das auch die Länder, die einen weitaus größeren Markt anbieten als wir. Die Presseförderung in Luxemburg war jahrzehntelang ein gutes Modell, bis Luxemburgs Demographie explodierte, Wirtschaftskrise und Digitalisierung die bis dahin funktionierenden Geschäftsmodelle der Presse über den Haufen warfen. Ein neues Modell tut Not, besonders wenn der Gesetzgeber am Pressepluralismus festhalten will. Und da reicht es nicht, die bestehende „enveloppe budgétaire“ umzuverteilen, es geht vielmehr um ein Fördermodell, das der Presse erlaubt, in seine Zukunft zu investieren und den Weiterbestand langfristig abzusichern.

Zur Presseförderung gehört auch ein guter gesetzlicher Rahmen, der die wirtschaftlichen Interessen der Presse und der gesamten Kreativindustrie schützt, statt sie zur leichten Beute der Content-Piraten zu machen, die hemmungslos fremde Inhalte nutzen, um ihre eigenen Geschäftsmodelle auszubauen. Der Leser wird’s erraten haben: In erster Linie geiern wieder mal die GAFA. Wie unsäglich war doch da die Position aller Luxemburger Abgeordneten bei der Copyright-Debatte im EU-Parlament! Hätte ihre Position Oberhand bekommen, wäre die gesamte europäische Presse ein Stück weiter in die Gefahrenzone geraten. Aber vielleicht verstehen unsere 6 aus Straßburg ja jetzt, dass die von ihnen unterstützte Gratiskultur nur zur Verarmung der Demokratie beiträgt.

Mit dem Ableben des Jeudi ist ein Unheil getan. Aber vielleicht werden sich jetzt Leser, Werbetreibende und Politik bewusst, dass sie eine hohe gesellschaftliche Verpflichtung haben, die professionelle, unabhängige Presse zu ihrem wahren Wert zu unterstützen. Kultur, Wirtschaft und Demokratie stehen auf dem Spiel.

Text: Nic Nickels  Cover: Le Jeudi

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Author: Philippe Reuter

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