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Licht und Schatten am Polarkreis

V60 Cross Country: Die Formel steht in Göteborg für die Robustheit des Offroaders im Zusammenspiel mit der Vielseitigkeit des klassischen Kombis. Es sind schicke, wuchtige Menschentransporter mit Stoßfängern rundum und einer lichtdurchfluteten Lederlandschaft im Innern. Gehört so etwas in den Wald? Die autorevue begab sich auf Fährtensuche. 

Die Stärken der Schweden sind hinlänglich bekannt. Seit jeher legen sie Wert auf ein möglichst lückenloses Arsenal an modernsten Sicherheitssystemen und seit einiger Zeit auch darauf, den Kunden ein bewusst schwedisch unterkühltes Interieur mit viel unpoliertem Holz, gebürstetem Aluminium und vornehmlich in hellen Tönen gehaltenem Leder unterzujubeln. Das Cockpit mit dem lederbezogenem Armaturenbrett, die komfortablen Sitze mit Heiz-, Kühl- und Massagefunktion allerdings wenig Seitenhalt, ja, das hat schon etwas. Diese Kombination aus fast urigem Äußeren und schickem Innenleben deutet unmissverständlich an, in was für einem Dschungel sich dieser verkappte Naturbursche in Wirklichkeit am liebsten bewegt. Immerhin verfügte unser Testmodell über einen richtigen Allradantrieb, es gab also Hoffnung.

Die Preisgestaltung beweist: Die Schweden haben definitiv verstanden, wie „Prémium à l’allemande“ funktioniert. Unser V60 CC veranschlagte als extra Schnupperdeal einen Basispreis von 46.753 €, kostete nach dem Streifzug durch die Optionsliste aber 57.253 €. Kein Einzelfall: Im Showroom beim Volvo-Händler schaffte es ein V60 ohne CC von verdächtig vertretbaren 30.920 € (sollte es ein Preis vor Mehrwertsteuer gewesen sein?) auf gar nicht mehr so einleuchtende 64.806 €. Im Handumdrehen hätte sich der Preis demnach mehr als verdoppelt? Irgendein Schreibfehler musste sich wohl eingeschlichen haben. Oder vielleicht doch nicht?

Das äußere Erscheinungsbild ist harmonisch und nicht zu martialisch, der V60 Cross Country ein massiv in der Brandung stehender, formschöner Felsbrocken. In beiden Sitzreihen gibt es eine Menge Platz für Beine und Köpfe, die Sitze sind komfortabel, das Interieur gepflegt. Die Pilotenkanzel wird von einem sehr großen Bildschirm dominiert, doch dazu mehr später. Die Verarbeitung ist gut, die Raumaufteilung auch. Auf den ersten Blick erkennt selbst der Neophyt die Oase der Entspannung. Ablagen, Mitteltunnel, Armaturen… kein Klimbim, keine verspielten Geschmacksentgleisung, kein knarzender Kunststoff. Außen herum gibt es dann aber diese Beplankung aus Hartplastik, darunter etwas mehr Bodenfreiheit und eine noch weichere Dämpfereinstellung als üblich, aber freilich kein ehrlich gemeinter Unterfahrschutz für den wirklich extremen Einsatz. Diese schmeichelhafte Formel, die dem komfortverwöhnten Stadtmenschen bescheinigt, er könne auch ganz anders, sprich in der Wildnis etwas reißen, ist nicht neu.

Und trotzdem, nicht alles ist eitel Sonnenschein unter dem schwedischen Panoramadach. Die mangelnde Harmonie zwischen dem Achtganggetriebe und dem 2-Liter-Diesel, besonders bei langsamer Fahrt in der Innenstadt und auf der Landstraße, wo sich das Getriebe verhedderte, verschaltete und einfach nicht den souveränsten Eindruck machte, trübte die Freude bereits nach kurzer Tour. Der Diesel machte seinem Namen alle Ehre, dieselte vehement vor sich hin, die Lenkung ließe es an Rückmeldung vermissen, obwohl sie nicht wirklich leichtgängig oder gar schlaff war. Das komfortable Fahrwerk schien für ungehemmtes Rollen auf der urbanen Buckelpiste im Land der roten Erde auch nicht optimal gedämpft und so polterte der Schwede beim kleinsten Schlagloch dahin – im Endeffekt unbeeindruckt aber keineswegs diskret. Und dann war da dieser „ESC off Sport Modus“… also mal ganz im Ernst. Zudem wurde die Sicht durch das Heckfenster von extrem breiten C-Säulen und der abgeflachten Heckscheibe beeinträchtigt. Die Rückfahrkamera mit 360°-Anzeige in Vogelperspektive war bei diesem Preis natürlich eine Selbstverständlichkeit…. hätte man annehmen sollten, aber Fehlanzeige, der Volvo piepte und zeigte einen roten Distanzstreifen beim Rangieren. Mehr Unterstützung gab es nicht.

Und noch ein Aspekt ist trotz schönem Innern und viel weniger schönen Antrieb ziemlich enttäuschend. Das bekannte Sensus-Connect-Infotainment, dessen Untermenüs per horizontaler Wischtechnik durchlaufen werden, ist der ganze Stolz von Volvo,. Man fragt sich wirklich warum. Es ist weder sonderlich intuitiv noch übersichtlich, und auch nicht einmal sehr ansehnlich gemacht. Die Spracherkennung ist nicht so modern und clever wie bei einem Audi oder Mercedes, zum Beispiel, sondern sehr konventionell, um nicht zu sagen altbacken, und der Aufbau der Untermenüs scheint planlos im System herumzuliegen, Die Grafik ist trist, die Suche nach der Musik im Mobiltelefon oder den verfügbaren Radiostationen auch nicht überzeugend. Es sind viele Funktionen darin versteckt, aber die muss müssen erst einmal ausfindig gemacht werden. Ehe es so weit kam, war dieser Wunsch in mir bereits erloschen. Vielleicht braucht es hundert Stunden Stau, um sich mit dem System anzufreunden, aber ich wage das zu bezweifeln.

Wie würden die vermeintlichen Konkurrenten eines V60 Cross Country mit einem Zweiliter-Diesel und 190 PS, Automatikgetriebe und Allradantrieb aussehen, könnte man sich fragen und würde die Antwort dann in der autorevue finden. Einen Opel Insignia Country Tourer 2.0 TDI mit 210 PS, Allrad und Achtgangautomatik würde es ab etwa 40.229 € (ohne das 1.835 € teure Exclusive-Paket) geben. Der ist zwar nicht ganz so schwedisch unterkühlt gediegen, doch selbst mit allem Drum und Dran ließe der sich nicht in solch schwindelnde Höhe aufrüsten. Ein großes Panoramadach hat der Opel übrigens auch. Eine andere Alternative, der Peugeot 508 RXH mit Dieselmotor, steht derzeit auf dem provisorischen Abstellgleis, könnte aber bereits Ende des Jahres ein Comeback als Hybrid feiern. Dem Vorgänger war allerdings nicht sonderlich Erfolg beschert.

Einen Audi A4 allroad quattro als 2-Liter-TDI und 190 PS, Allrad und Doppelkupplungsgetriebe, so wie früher, gibt es nicht mehr. Die einzige Motorisierung lautet jetzt 45 TFSI (ein 2-Liter-Benziner) mit 245 PS, Allrad und S tronic (eine Doppelkupplung mit sieben Vorwärtsstufen) und beginnt bei 48.585 €. Der Audi A6 allroad quattro seinerseits wurde aus dem Sortiment genommen da sein Nachfolger zwar in den Startlöchern steht, aber noch nicht verfügbar ist. Nach unseren Informationen soll der Verkaufsstart in der 23. Kalenderwoche und die Markteinführung in der 25. KW stattfinden.

Einen Skoda Octavia Scout (2.0 TDI, DSG7, 184 PS, 4×4) kann man ab 34.445 € haben, einen VW Golf Variant Alltrack 4Motion mit den gleichen Eckdaten ab 34.790 €, einen VW Passat Alltrack mit sechs zusätzlichen Pferdestärken (2.0 TDI, DSG7, 190 PS, 4×4) ab 42.130 €. Ein Mercedes-Benz E 220 d 4Matic All Terrain (194 PS, 9G-Tonic, 4×4) beginnt bei 58.734 €. Den Offroad-Stern mit der Neungangautomatik gibt es auch als Reihensechser-Diesel mit 340 PS (E 400 d), doch dann muss der Kunde bereits 74.763 € aus der Tasche kramen, noch ehe das allererste Optiönchen anvisiert wurde. Last but not least bietet Subaru mit seinem Outback ebenfalls ein Hochsitz-Kombi, allerdings ausschließlich als 2,5-Liter-Benziner mit einer stufenlosen CVT-Automatik, Allradantrieb und 175 PS, das Ganze ab 34.235 €. Der etwas kleinere Levorg, auch ein Kombi aus Stelzen, kommt als 1,6-Liter-Benziner mit CVT, 170 PS und 4×4 ab 34.035 €.

+ Schöne Karosserie mit fließenden Linien
+ Schickes, lichtdurchflutetes Interieur
+ Reichhaltige Sicherheitsausstattung
+ Gute Bremsen, komfortable Federung
+ Geräumiger Langstreckenläufer

Mangelnde Motor-Getriebe-Harmonie
Geräuschvoller Diesel mit wenig Pep
Konfuses Infotainment
Beschränkte Sicht nach hinten
Viel zu teuer nach der Aufrüstung

V60 Cross Country D4 AWD Geartronic

Ab 48.591 € (CC) bzw. 51.250 € (CC Pro)
5,1-5,4 (°5,9-6,6) l/100 km
135-143 g/km

1.969 cm3
140 kW/190 PS @ 4.250 U/min
400 Nm @ 1.700-2.500 U/min
8,2 s 0-100 km/h
210 km/h

° nach WLTP

Eric Netgen

Chefredakteur autorevue

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Author: Eric Netgen

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