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Liebes Ich

„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“, will die böse Hexe in „Schneewittchen“ der Brüder Grimm wissen. Die Künstler der Ausstellung „Spiegelungen“ setzen sich derweil mit ganz anderen Fragen auseinander.

In der zeitgenössischen Kunst finden sich viele Arbeiten, welche die komplexe und vielschichtige Bedeutung von reflektierenden Spiegelflächen untersuchen. Dabei steht oft nicht nur der symbolische und formal ästhetische Aspekt des Spiegels im Vordergrund, sondern auch der psychologische Blick. Dadurch, dass glänzende Flächen neue Ebenen sichtbar machen und andere Wahrnehmungen erlauben, wird man dazu gezwungen, auf sich selbst und das eigene Umfeld zu schauen. Daher sei der Spiegel ein Medium von Ich-Konstruktionen, so Harald Theiss. Als Kurator der Ausstellung „Spiegelungen“ war es ihm wichtig, dass die Künstler unterschiedliche Positionen zum Ausdruck bringen und den Betrachter über die Konfrontation mit seinem Abbild zum Handeln aufzufordern. Es geht demnach nicht um Inszenierungen, eher um Fragen nach Identität, Geschlechterrollen und Selbstdarstellung.

Mit der Sound-Installation „Glasakt, eine Treppe heruntersteigend“ von Susanne M. Winterling übertritt der Ausstellungsbesucher sogleich am Eingang die Schwelle in eine Welt, in der möglicherweise nichts ist, wie es zu sein scheint. Und genau das ist die Absicht. Narzisstische Spiegelbilder und der darin erkennbare Raum sollen gestört, die Begegnungen mit sich selbst überdacht werden. Bei Niklas Goldbach, der sich in seinen fotografischen und Videoarbeiten gern mit hierarchisch geprägten Systemen beschäftigt, spiegelt er selbst sich derart oft, dass das Original nicht mehr zu erkennen ist.

Als Objekt der Darstellung kommt dem Spiegel seit Jahrhunderten eine große Bedeutung zu.

Ähnlich kritisch setzt sich Alex Lebus mit dem vorgegebenen Thema auseinander. Seine Spiegelungen sind nicht abbildend, sondern sinnbildend. Die mehrteilige Arbeit „Frauen im Krieg“ reflektiert sowohl den neuen Raum als auch den Betrachter, der auf diese Weise zum Komplizen seiner Geschichte wird. Aus Opfern werden Kämpferinnen, während bei den Porträts von u.a. Maria Magdalena und Medea der nach innen gerichtete Blick ausschlaggebend sein soll.

Für Narziss, der so sehr von seiner eigenen Schönheit erfüllt war, dass er sämtliche Verehrerinnen und Verehrer herzlos zurückwies, um sich schließlich in sein Spiegelbild zu verlieben, ohne zu erkennen, dass er sich selbst sah, findet die türkische Künstlerin Nezaket Ekici ein anderes Ende. In „Self Deliverance“ bleibt ihr Ebenbild selbst im zerbrochenen Spiegel erhalten und schön.

Die Luxemburger Bildhauerin Sali Müller hingegen dekonstruiert in „Pro und Kontra“ den Raum und die sich darin reflektierenden Bilder. In Ilona Kálnokys kinetischer Bodeninstallation „sszzzsss II“ präsentieren sich auch die anderen ausgestellten Werke neu. Was vielschichtige Illusionen zur Folge hat.

Am radikalsten geht indes Thomas Rentmeister mit Spiegelflächen um. Er verschmiert sie mit Penatencreme. Der Berliner, der mittlerweile zu den bedeutendsten deutschen Objektkünstlern zählt, liebt die Provokation und scheut sich nicht, mitunter fünf Tonnen Zucker zu verschwenden, Ozeane aus Nutella oder eine gigantische Arktislandschaft aus Zivilisationsschrott zu schaffen, die einen elf mal elf Meter großen Raum in Besitz nimmt. Leider habe ich keine gute Nase. Ansonsten hätte ich die Haut- und Wundschutzsalbe vielleicht riechen und mich an meine Kindheit erinnern können.

Im derzeitigen Selfie-Zeitalter, in dem die Plattform Instagram das Medium der perfekten Selbstinszenierung geworden ist und Stars wie Selena Gomez oder Miley Cyrus wie Ikonen von ihren Followern angebetet werden, bietet eine Ausstellung wie „Spiegelungen“ genug Stoff zum Nachdenken darüber, wie man angesichts der täglichen Flut von Bildern (und Berichten) in den Medien nicht irgendwann untergeht.

Es macht Spaß, in einen abgründigen Raum zu blicken, in dem die Decke zum Boden wird, Oben und Unten an Bedeutung verlieren, und obwohl man sich als Betrachter nicht immer sicher ist, was man gesehen hat und worin sich die gesellschaftliche Befindlichkeit widerspiegelt, das Spiel mit dem Blick „hinter“ den Spiegel macht neugierig auf mehr.

Fotos: Galerie Nosbaum Reding

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

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Author: Martine Decker

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