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Literarisches Duett

Zwei Leser, ein Buch : In einem literatischen Chat-Dialog nehmen zwei Literaturbegeisterte Neuerscheinungen unter die Lupe – und diskutieren über Sinn und Unsinn zwischen Buchdeckeln. Der freie Literaturkritiker Jérôme Jaminet und revue-Journalist Stefan Kunzmann haben Adolf Muschgs „Heimkehr nach Fukushima“ gelesen.

Stefan Kunzmann: Der 84-jährige Adolf Muschg hat mit „Heimkehr nach Fukushima“ ein Buch geschrieben, das für diese Thematik, die Reise in das verstrahlte Gebiet in der Nähe der von der Atomkatastrophe betroffenen Stadt, erstaunlich erfrischend, humorvoll und optimistisch daherkommt. Zugleich schlägt er auch einen Bogen zu seinem ersten Roman „Im Sommer des Hasen“ aus dem Jahr 1965. Wieder ist es eine Reise nach Japan, wieder auch eine Liebesgeschichte. Ist das womöglich typisch für ein sogenanntes Alterswerk?

Jérôme Jaminet: Es ist typisch für das Gesamtwerk des Doyens der Schweizer Literatur. Die Liebe, Japan und Goethe, das sind die Themen, die Leben und Schaffen von Adolf Muschg geprägt haben. Für mich gehören seine Liebesgeschichten zu den besten ihrer Gattung. Jammerschade, dass man diesen fabelhaften Erzähler an unseren Schulen kaum noch liest. Die Eidgenossen haben doch literarisch mehr zu bieten als nur Dürrenmatt und Frisch! Was den Nippon-Bezug anbelangt: Muschgs dritte Ehefrau ist Japanerin, sein Sohn kam in Tokio zur Welt, er selbst war in Japan als Hochschullehrer tätig. Und in den letzten beiden Romanen ging es auch schon um die große Liebe und um Japan, ganz besonders in „Löwenstern“ (2012). In der Erzählung „Der weiße Freitag“ (2017) war dann Goethe wieder an der Reihe. In „Heimkehr nach Fukushima“ spielt ein anderer großer Schriftsteller eine tragende Rolle: Adalbert Stifter.

Fukushima wird zu dem, was der Stadtname eigentlich bedeutet, nämlich zu einer „Insel des Glücks“.
Jérôme Jaminet

SK: Es erschließt sich mir nicht gleich, weshalb er dieses Mal ausgerechnet Stifter als Gewährsmann auswählt. Im Gepäck des Protagonisten Paul Neuhaus befindet sich als Reiselektüre Stifters „Nachkommenschaften“, eine Studie über das Malen, insbesondere das Landschaftsmalen. Dann wird das Buch aber eine Verbindung zu Mitsuko, der Frau seines alten Freundes Ken-Ichi. Während Letzterer in Tokio bleibt, begleitet Mitsuko Paul nach Fukushima. Damit beginnt auch die Liebesgeschichte.

JJ: Man muss dazu sagen, dass diese Mitsuko in der Nähe des havarierten Kernreaktors geboren wurde und im Unterschied zu ihrem Mann das skurrile Anliegen eines Bürgermeisters teilt, in dem teilweise dekontaminierten Gebiet eine internationale Künstlerkolonie aufzubauen. Sinn und Zweck der Aktion ist es, die in Notunterkünften untergebrachten Einwohner zur Rückkehr in ihre alten Häuser zu animieren. Paul, der Architekt und Schriftsteller ist, soll das Projekt begleiten. Mit dem Geigerzähler in der Hand und Mitsuko an seiner Seite begibt er sich also auf eine Inspektionsreise durch die menschenleere Zone, in der es nach wie vor grünt und blüht, als habe es den Störfall nie gegeben. Feinsinnig und genau beschreibt Muschg die idyllische Landschaft und ihre unheimliche Ästhetik. Aber nicht nur hierfür war Stifter, der Naturdichter und Maler, ein Vorbild. Nach meiner Lesart dient die Erzählung „Nachkommenschaften“ geradezu als Palimpsest für die Geschichte von Pauls Japanreise. Die Parallelen auf der Motivebene, die Transtextualität, das ist alles sehr kunstvoll gemacht, aber durchaus keine intellektuelle Formspielerei, sondern sinnerweiternd. Wenn der 62-jährige Paul und die deutlich jüngere Mitsuko schließlich alle Schutzanzüge und Sicherheitsbedenken fallen lassen und sich körperlich näherkommen, ist das nicht bloß eine erotische Altherrenphantasie oder Potenzvergewisserung. An einem solchen Ort wird jeder Liebesakt Symbol für die enge Verwandtschaft von Eros und Thanatos, Liebe und Tod, Natur und Vergänglichkeit. „Das Schöne ist nur des Schrecklichen Anfang“, heißt es an einer anderen Stelle im Roman. Das Umgekehrte gilt ebenso. Am Ende, so viel sei verraten, ist Ken-Ichi tot und Mitsuko schwanger.

SK: Ausgerechnet in dem Gebiet eine Künstlerkolonie anzusiedeln, klingt auf den ersten Eindruck völlig abwegig, hat aber im Kontext des Buches einen bestimmten Sinn. Es gibt der Geschichte eine positive Note. Es ist nicht die einzige optimistische Botschaft, siehe Mitsukos Schwangerschaft. Die Landschaft ist wunderschön, mutet fast schon paradiesisch an, obwohl sie noch zum Teil verseucht ist. Die Kirschbäume blühen. Zugleich schlägt der Geigerzähler immer wieder heftig aus. Ähnlich verhält es sich mit den Liebesszenen. Diese sind freiwillig oder unfreiwillig komisch: Paul und Mitsuko ziehen ihre Schutzanzüge aus und lieben sich auf leidenschaftliche Art und Weise, sehr grotesk und unter teils akrobatischen Verrenkungen, stets darauf achtend, dass sie nicht den Boden berühren. Sie straucheln und fallen. Liebe in Zeiten der Verstrahlung ist möglich. Das Paar hat noch mehrmals Sex. Ich würde nicht sagen, dass es aus Verzweiflung ist, sondern dass sie sich mit der Situation, der sie sich freiwillig aussetzten, abgefunden haben. Das Buch zeigt auch, dass es Leben und Liebe nach dem Super-GAU gibt. Ohne dass der Ernst und die Gefahr der atomaren Verseuchung ganz ausgeklammert werden. Muschg war und ist, nebenbei bemerkt, ein überzeugter Atomkraftgegner.

JJ: Aller Widrigkeiten zum Trotz wird Fukushima für unser Liebespaar zu dem, was der Stadtname eigentlich bedeutet, nämlich zu einer „Insel des Glücks“. Für Paul und Mitsuko liegt dieses Glück im Hier und Jetzt. Denn eines haben sie begriffen: Wer weniger Zukunft als Vergangenheit hat, tut gut daran, die Gegenwart zu schätzen. Obwohl die mystische Überhöhung von Liebe und Literatur zum Impfmittel gegen Radioaktivität ziemlich bizarr anmutet und obwohl der Erzähler bei seinen minutiösen Ausführungen zuweilen in ein traniges Trippeltempo verfällt, habe ich diesen feingesponnenen, altersweisen Roman gerne gelesen.
Fotos: Pixabay, Ekkovon Schwichow

Der Autor

Adolf Muschg ist 1934 geboren und ist einer der bekanntesten Schriftsteller der Schweiz. Der Literaturwissenschaftler, Essayist, Biograf, Dramatiker und vielfach – unter anderem mit dem Georg-Büchner-Preis und dem Hermann-Hesse-Preis – ausgezeichnete Romancier war von 2003 bis 2005 Präsident der Akademie der Künste in Berlin. Zu seinen bekanntesten Werken zählen „Im Sommer des Hasen“ (1965), „Albissers Grund“ (1977), „Der Rote Ritter“ (1993), „Sutters Glück“ (2004) und „Kinderhochzeit“ (2008). Dazu kommen zahlreiche Erzählungen, 2008 in dem Sammelband „Wenn es ein Glück ist“ erschienen, und Essays.

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Author: Martine Decker

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