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Literarisches Duett

Zwei Leser, ein Buch: In einem literarischen Chat-Dialog nehmen zwei Literaturbegeisterte Neuerscheinungen unter die Lupe – und streiten sich über Sinn und Unsinn zwischen Buchdeckeln. Der freie Literaturkritiker Jérôme Jaminet und die Journalistin Isabel Spigarelli haben Naomi Aldermans „Die Gabe“ gelesen und sind sich einig. Fast.

Isabel Spigarelli: „Ein atemberaubender Roman, der unsere Art zu denken für immer verändert“, sagt keine geringere als Margaret Atwood über Naomi Aldermans „Die Gabe“. Wirklich bahnbrechend ist das Gedankenspiel, was wäre, wenn Frauen das vermeintlich „stärkere Geschlecht“ wären, nicht. Oder behält die Grande Dame der Weltliteratur, Atwood, doch recht?

Jérôme Jaminet: Wenn jemand wie Margaret Atwood so etwas sagt, kommt das natürlich einem Ritterschlag gleich. Man sollte aber bedenken, dass die Autorinnen befreundet sind. Ich gebe auch wenig auf die Hyperbeln der Verlagswerbung oder die Lobhudeleien eines Obamas, der von dem Buch anscheinend sehr angetan war. Da die New York Times diesen vierten Roman von Alderman zur literarischen Top Ten des Jahres 2017 zählt und andere Medien ihn geradezu hymnisch besprochen haben, bin ich trotzdem neugierig geworden. Nach der Lektüre ist mir der ganze Rummel um diese pädagogische Message-Literatur völlig unverständlich. Denn dem mindestens 100 Seiten zu langen Schmöker liegt eine doch ziemlich banale Einsicht zu Grunde: Frauen sind im Kern nicht besser als Männer. Macht verdirbt, ganz genderunabhängig, den Charakter. Das ist die Moral von der Geschicht’.

IS: Banal trifft es ganz gut. Der Roman ist etwas zu plakativ, um Augen zu öffnen. Er bietet keinen wesentlich neuen Blick auf das Zusammenspiel der Geschlechter. Alderman dreht den Spieß um. Das war’s. Wer Geschlechterrollen generell kritisch gegenüber steht und sich den Kopf über gesellschaftlich festgefahrene Rollenbilder zerbricht, der erlebt bei der Lektüre keinen „Aha“-Moment, wirft das Buch in die Ecke, rennt raus und will deswegen die Welt verändern. Allerdings muss man Alderman zugestehen, dass sie mit ihrem Roman den Puls der Zeit trifft. Letzte Woche noch schlug #menaretrash auf Twitter hohe Wellen. Männer seien Arschlöcher, behauptete eine Twitterin und trat damit eine sexistische Debatten-Lawine los. Aber um zu visualisieren, dass der männerfeindliche Diskurs der Unterdrückung der Frau in wenig nachsteht, eine Gabe zu erfinden – die, dass Frauen elektronisch aufgeladene Hände haben, mit denen sie Schockwellen abgegeben können – ist doch irgendwie skurril und nicht eins zu eins vergleichbar mit der körperlichen Kraft, die den meisten Männern biologisch zukommt, oder?

„Macht verdirbt, ganz genderunabhängig, den Charakter. Das ist die Moral von der Geschicht’.“ Jérôme Jaminet

JJ: Das stimmt schon, aber wir haben es hier mit Science-Fiction zu tun. In diesem Genre ist die Spekulation über eine alternative Wirklichkeit Programm. Der Roman folgt einer empirisch belegbaren Prämisse: Gesellschaftliche Machtverhältnisse sind an physische Kräfteverhältnisse gekoppelt. Der doppeldeutige Originaltitel „The Power“ bringt diesen Gedanken sehr gut zum Ausdruck. Dass es zu einem globalen, revanchistischen Matriarchat kommen könnte, wenn Frauen die Kraft und ergo die Macht dazu hätten, ist durchaus denkbar. Die Idee eines „Strangs“ unter dem Schlüsselbein, einer biologischen Mutation, die zuerst die Hände von Teenagermädchen und dann auch die von erwachsenen Frauen in Elektroimpulswaffen verwandelt, erscheint zwar etwas abwegig, wird aber immerhin im Roman begründet. Und die physische Überlegenheit des Mannes ist ja auch evolutionär bedingt. Mich haben andere, erzählerische Aspekte mehr gestört: der anspruchslose Sprachstil, der durch die maue Übersetzung nicht gerade an Qualität gewonnen hat, der besserwisserische Erzähler, der wirklich alles moralinsauer kommentieren muss und die archetypischen Ideenträger-Figuren ohne wirkliche Tiefe.

IS: Sprachlich hat das Buch auch mich enttäuscht. Von den Charakteren gar nicht zu sprechen. Sie dienen de facto nur als Mittel zum Zweck. Das funktioniert – aber sie haben kein Eigenleben. Sprich: Sie hinterließen keine Spuren bei mir. Und trotzdem hat die Geschichte einen gewissen „Drive“. Sie ist spannend. Ich, die sich zugegebenermaßen selten für Science-Fiction-Romane begeistert, griff dann doch immer wieder zum Buch. Obwohl ich seit der Inszenierung der Autorenfiktion auf der ersten Seite ahnte, wie es endet – und damit Recht behielt – zog Alderman mich in ihren Bann. Trotz konstant erhobenem Zeigefinger, lebloser Charaktere, leicht durchschaubarem Plot und ausbaufähiger Sprache. Darüber wunderte ich mich dann doch.

JJ: Vielleicht liegt es am Tempo – das ist tatsächlich atemberaubend, eine Einladung zum blitzschnellen Binge-Reading. Ich bin mir sicher, dass „Die Gabe“ sehr gut als HBO-Serie funktionieren würde. Das ist aber auch der einzige Punkt, in dem Aldermans Geschichte dem verfilmten SciFi-Klassiker „Der Report der Magd“ ihres Vorbilds Atwood das Wasser reichen kann. Und noch etwas steht für mich fest: Unter den deutschsprachigen Büchern aus der Sparte Belletristik gibt es literarisch wertvollere und intellektuell herausforderndere Kommentare zur #MeToo-Debatte. Etwa Meg Wolitzers feministischer Erweckungsroman „Das weibliche Prinzip“. Oder der von Lina Muzur kürzlich herausgegebene Band „Sagte sie“, mit 17 Erzählungen von Nora Gomringer, Fatma Aydemir, Margarete Stokowski und anderen hervorragenden jungen Autorinnen.

Fotos: Philippe Reuter, Heyne Verlag

Die Autorin
Naomie Alderman ist in London aufgewachsen. Sie ist Professorin für Kreatives Schreiben an der „Bath University“ und stellt bei BBC Radio 4 „Sciences Stories“ vor. Ihre Romane wurden mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. Für das besprochene Werk „Die Gabe“ erhielt sie dem „Baileys Women’s Prize for Fiction“. Die deutsche Ausgabe erschien im Februar 2018, beim Heyne Verlag. Nebenbei konzipiert die Autorin übrigens Online- und Smartphone-Spiele, wie etwa „Zombies, Run!“.

Isabel Spigarelli

Ressorts: Wissen, Kultur

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Author: Martine Decker

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