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Lokal(es) auf Zeit

Ein städtischer Bauernhof, mitten in Hollerich? So bezeichnet sich „The Farm“ zumindest. Das Lokal, streng genommen ein Restaurant, versucht über die Grenzen eines solchen hinauszuwachsen. Was steckt hinter dem Konzept?

Fotos: Leslie Schmit

Die Immobilienpreise steigen unaufhörlich. Eine erschwingliche Wohnung oder ein Haus zu finden, ist für Privatleute nahezu unmöglich. Unternehmern geht es nicht anders. Insbesondere Restaurants benötigen eine gewisse Fläche für Speiseraum, Küche, Kühlzellen, Lagermöglichkeiten – und die kostet Geld, von Investitionen für ein professionelles Equipment ganz abgesehen. Kein Wunder, dass das Pop-up-Prinzip in Luxemburg immer beliebter wird. Wer auf Zeit mietet, hat die Möglichkeit zu testen, wie ein bestimmtes Konzept bei der Kundschaft ankommt, ob es sich lohnt, weiterzumachen oder sich einem neuen Projekt zu widmen. François Dickes und Rotislava Petkova sind nicht die ersten hierzulande, die sich entschieden haben, ihr Restaurant in einem baufälligen Gebäude einzurichten. Einerseits gehen sie damit gegen den Leerstand vor, andererseits können sie einiges an Miete einsparen. Ihre „Farm“ befindet sich in einer ehemaligen Lagerhalle und Produktionsstätte eines Catering-Betriebs. Das Objekt soll es in anderthalb Jahren nicht mehr geben, die Idee weiterleben.

„Als wir das Atelier übernommen haben, befand es sich in einem wüsten Zustand“, gibt Geschäftsführer François Dickes zu, „wir haben jede Fliese einzeln geschrubbt“. Er lacht. Nach der Tiefenreinigung ging es daran, das Beste aus den Räumlichkeiten rauszuholen. Die Kühlzellen wurden alle, bis auf eine, zu Weinkellern umfunktioniert. Aus der alten Bäckerei und Konditorei wurde eine Küche, aus der ehemaligen Küche das Herzstück des Etablissements. Tische und Stühle befinden sich unter riesigen Dunstabzugshauben. Doch niemand stört sich daran, im Gegenteil: Die Überbleibsel des Catering-Unternehmens verleihen dem Ganzen einen industriellen Look. Dieser wird durch eine rustikale Note, mit alten Bauerntischen, olivgrünen Stühlen, Holzschränken, Standuhren und einem Kamin, ergänzt. Urban Upcylcing heißt das Stichwort.

Dickes hat ein Händchen für Inneneinrichtung. Vor Jahren habe er einen Secondhand Shop im Grund betrieben, doch die Zeit sei noch nicht reif dafür gewesen. Danach war er bei einem Innenarchitekten tätig, hat als „production designer“ in (Historien-)Filmen mitgewirkt. Und auch in der Gastronomie, ist er kein Neuling. „Mit 24 habe ich schon einmal ein eigenes Restaurant in Hollerich besessen“, gesteht er, „jetzt heißt es wohl: zurück zu den Wurzeln“. Seitdem hat sich vieles verändert. „Franz“ hat Erfahrung gesammelt, aus alten Fehlern gelernt. „Damals hatten wir sieben Tage die Woche geöffnet. Irgendwann konnte ich nicht mehr, die Lebensqualität blieb dabei völlig auf der Strecke“, weiß er. 2014 gründete er eine Weinbar im Grund, gemeinsam mit seiner Geschäftspartnerin Rotislava Petkova, ließ das Ganze etwas ruhiger angehen.

Warum also ein zweites Lokal? „Wir hatten schon seit längerem den Wunsch, uns zu
vergrößern, eine umfassendere Küche anzubieten. Aber im ‚Vins Fins‘ fehlte uns der nötige Platz“, sagt Petkova. Das Pop-up-Restaurant sei die perfekte Ergänzung. In der „Farm“ gibt es keine klassische Karte, nur eine Tafel. Das überschaubare Angebot, das aus zwei Vorspeisen, zwei Hauptgerichten und zwei vegetarischen Alternativen besteht, wechselt täglich. Wenn etwas aus ist, ist es aus. „Wir arbeiten mit kleinen Herstellern aus dem Großherzogtum und der Großregion. Das ist die Kernidee unseres Projekts“, erklärt Petkova und nennt dabei „Les paniers de Sandrine“, den Bioladen „Jeekelshaff“, das Weingut Mathis Bastian und viele andere. Ausschließlich mit lokalen und saisonalen Produkten zu arbeiten bedeutet jedoch auch, Abstriche zu machen: „In Luxemburg wird beispielsweise keine Foie Gras hergestellt, deshalb wird es keine auf unserem Menü geben. Stattdessen fokussieren wir uns auf Boudin und andere fantastische Spezialitäten“, meint Dickes begeistert.

Weine nehmen selbstverständlich ebenfalls einen hohen Stellenwert in den vier Wänden der ehemaligen Lagerhalle ein. „Wir bieten nur luxemburgische Weißweine an“, betont Petkova. Beim Rotwein werde vor allem auf BIO gesetzt. In der Branche kennen sich beide bestens aus. Immerhin war es ihre Liebe zum Wein, die die Gastronomen dazu brachte, ein erstes gemeinsames Lokal zu eröffnen. Inspiration und Energie für weitere Projekte haben sie noch jede Menge. Wie es weitergehen wird, wenn es die „Farm“ in ihrer physischen Form nicht mehr gibt, wollen sie zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht verraten.

Françoise Stoll

Journalistin / Gastronomie

Ressorts: Lifestyle, Multimedia

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Author: alommel

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