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Lord of the things

Mit der Ausstellung, die Michel Medinger und seinem Schaffen gewidmet ist, setzt das CNA sein Bestreben fort, das fotografische Kulturerbe Luxemburgs in den Fokus zu setzen. Eine wunderbare Initiative.

Erstaunt und ein wenig erschrocken mustert ein Affe in hockender Stellung einen menschlichen Schädel, der auf dem Griff einer über Kopf gestellten Zange steckt. Der Schädel ist die korrekte Nachbildung eines echten und grinst bedrohlich, der Affe ist indes eine Figur aus einem Souvenirladen. Das fotografische Bild trägt den Titel „About Darwin“, lässt unzählige Assoziationen zu und ist in jeder Hinsicht beispielhaft für das Werk von Michel Medinger. Es ist entworfen und komponiert, eingerichtet und beleuchtet, schließlich fotografiert und entwickelt worden. Dabei hat der Zufall nicht die geringste Rolle gespielt.

Réflexion sur Darwin, 2013

Bevor sich der 1941 in Neudorf geborene Künstler der inszenierten Fotografie zuwendet, zeichnet er sich mit Bildern im dokumentarischen Stil der amerikanischen „New Color Photography“ aus. Haustüren, Bauwagen und Tanksäulen sowie ausrangierte und überflüssig gewordene Objekte sind damals seine Lieblingsmotive. Noch zuvor macht Michel Medinger als Mittelstreckenläufer auf sich aufmerksam, nimmt 1964 an den olympischen Spielen in Tokio teil. „Mäi Papp war och e leidenschaftlechen Liichtathlet. Hien ass 1936 zu Berlin d‘5.000 Meter-Streck gelaf.“ Von seinem Vater, einem Sonntagsmaler und Musikliebhaber, bekommt er jedoch nicht nur die Begeisterung für den Sport vererbt, sondern ebenfalls das Interesse für Malerei. Doch obwohl Michel Medinger in einem sehr kunstaffinen Elternhaus aufwächst, absolviert er ein technisches Studium und wird Chemiker. Und hätte ein Schulfreund ihm nicht eines Tages eine Leica gezeigt, wäre er vielleicht nicht dieser begnadete Fotokünstler geworden, der er heute ist.

Retracer l’évolution de toute une œuvre photographique et de son créateur est une aventure excitante et passionnante. Marguy Conzémius, Kuratorin

Als junger Maler kopiert er Stillleben von Cézanne und Gemälde von Rembrandt, aber dieses Nachmalen ist nicht wirklich sein Ding. Er will etwas Eigenes schaffen. Auf den Reisen zu Sportereignissen beginnt er zu fotografieren. Vor allem für die Zeitschrift des Leichtathletikverbandes. Um sich weiterzuentwickeln, kauft er Bücher und Fachmagazine, schreibt sich im Fotoclub Camera Luxembourg ein, nimmt an Diskussionsabenden über Fotografie teil und ist begeistert. Nicht so sehr von den Motiven der Aufnahmen der Fotoklubmitglieder – Landschaften, klassische Porträts, Tiere… –, eher von der Technik.

Les voyeurs, 1994

Was Michel Medinger von Anfang an als Fotograf interessiert, ist alles scheinbar Unpassende. Er fotografiert Handwerkzeuge und Flaschen, sammelt auf Flohmärkten Kuriositäten, die er sorgfältig in Szene setzt, lässt sich von Arbeitskollegen Tier- und Fisch-skelette sowie ausgestopfte Vögel schenken. Er studiert deren Knochenbau und filigrane Morphologie, die ihn an die Modellflugzeuge erinnern, die er einst zusammenbaute. Nach und nach entsteht ein eigenwilliges Universum, das in keine der vorhandenen Schubladen der künstlerischen Fotografie passt. Viele bezeichnen seine Bilder als melancholisch-morbid, andere sehen Parallelen zur Fantasy-Welt, noch andere sind fasziniert von der Vieldeutigkeit der Inszenierungen. Bei den aufgegriffenen Themen handelt es sich meist um Tabu-Themen wie Sexualität, Tod oder Religion, allerdings vermeidet der Künstler jegliche Art von Anstößigkeit. „Jideree soll meng Biller op seng Manéier liesen an interpretéieren.“

Als Betrachter fühlt man sich förmlich verführt, in die Bilder zu fassen, um eines der Objekte herauszunehmen. Klaus Honnef (in seinem Beitrag im Ausstellungskatalog)

Wie ein Bild zustande kommt, ist gleichermaßen komplex und einfach. Sieht oder findet Michel Medinger zufällig einen Gegenstand, der ihn anspricht und gedanklich nicht mehr loslässt, entwickelt er Schritt für Schritt und Stück für Stück eine Szenerie. Weitere Objekte nehmen Statistenrollen ein, es kann aber auch vorkommen, dass der „Hauptdarsteller“ wechselt oder sogar ganz aus dem Geschehen verschwindet. Dieser Schaffensprozess kann Tage und Wochen dauern und wird erst in dem Moment abgeschlossen sein, in dem Michel Medinger mit dem Resultat zufrieden ist. Romain Girtgen, Hausfotograf des CNA, hat das Glück gehabt, dem Künstler in seinem Atelier über die Schulter schauen zu dürfen. Und da ihn die Welt, in der sich der experimentierfreudige Autodidakt bewegt, derart fasziniert hat, ist die verhältnismäßig kleine Werkstatt im Display 02 (fotografisch) nachgebaut worden – eine grandiose Idee, denn nun kann sich der Besucher der Ausstellung vor Ort ein konkretes Bild davon machen, wie Michel Medinger arbeitet.

Auf Regalen, an den Wänden, in Kisten „warten“ überall ehemalige und zukünftige Protagonisten auf ihren Einsatz: getrocknete Frösche aus China, die gemahlen als Hautbalsam verwendet werden, kitschige Jesus-Büsten, alte Puppenköpfe und Boxhandschuhe, die eigenen Laufschuhe, jede Menge scheinbarer Krempel… Und in der Mitte steht ein Tisch, umgeben von Scheinwerfern. Das Licht spielt eine sehr wesentliche Rolle in der Kunst des Technikverliebten. Michel Medinger spielt gern mit dem Effekt des Gegenlichts, um eine besondere Tiefe in seinen Bildern zu erlangen und die plastische Eigenheit des Dargestellten hervorzuheben. Um glatte Oberflächen aufzuwerten, auf den nicht perfekten Charakter der Objekte hinzuweisen und dem Betrachter das Gefühl zu geben, dass er die Gegenstände jederzeit berühren könnte.

Dass die surrealistischen Stillleben seit Jahren ausschließlich schwarzweiß sind, ist auf diese Vorliebe von Kontrasten zurückzuführen: Licht und Schatten, Vergangenheit und Moderne, Schönheit und Vergänglichkeit. Dazu kommt die Dominanz von vertikalen und horizontalen Linien. Darüber hinaus sei er – so Michel Medinger – zu seiner „großen Liebe“, der Schwarzweiß-Fotografie, zurückgekehrt, weil es für ihn schwierig wäre, die dunkle Stimmung in seinem Verhältnis zur Welt in der Farbe zu finden. Dabei hat er durchaus Humor. Wenn auch ein ziemlich schwarzer und schräger. „Et kënnt vir, datt Leit vu menge Biller a menger Zort Humor schockéiert sinn, mee et ass keng Absicht.“ Warum er die Passepartouts für seine Bilder selbst schneidet und nur wenige seiner Arbeiten über einen Rahmen verfügen, hat hingegen einen Grund: Perfektion.

Mit der ihm gewidmeten und von Marguy Conzémius kuratierten Ausstellung dürfte er demnach zufrieden sein, denn sie ist perfekt gestaltet und bietet einen einzigartigen Einblick in das 40-jährige Schaffen des Künstlers. Sehr zu empfehlen ist ebenfalls der Ausstellungskatalog (für 38 Euro im CNA erhältlich).

Fotos: Michel Medinger, Romain Girtgen, CNA

Rahmenprogramm

22. September, 19.30 Uhr, CinéStarlight: Künstlernachlässe erfolgreich verwalten. Der Vortrag beleuchtet die heutigen Strukturen beispielhafter Nachlassverwaltungen von Künstlern und zeigt auf, wie Künstler bereits zu Lebzeiten ihr Werk auf die Arbeit nach ihrem Tod vorbereiten können.
29. November, 19.30 Uhr, CinéStarlight: Vortrag von Klaus Honnef über das fotografische Werk von Michel Medinger.
16. Dezember, 15 Uhr, Display01: Finissage der Ausstellung in Anwesenheit des Künstlers und Signierstunde des Ausstellungskataloges „Les univers photographiques de Michel Medinger“.

Bis zum 16. Dezember im CNA in Düdelingen, geöffnet von dienstags bis sonntags von 10-22 Uhr, www.cna.lu, www.medinger.lu

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

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Author: Philippe Reuter

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