Jeder Mensch wird anders alt. Was jedoch (fast) alle Senioren verbindet: die Angst vor Abhängigkeit. Genau davon handelt Andy Bauschs gleichermaßen vergnügliche wie nachdenklich stimmende Komödie „Rusty Boys“, in der eine Handvoll Altersheimbewohner den Aufstand üben und es noch einmal wissen wollen. Der Tod kann warten. Das Leben nicht.
Fotos: Ricarda Vaz Palma, Joel Nepper & Severeine Peiffer (lanternemagique)

Nicolas „Nuckes“ Heinen ist ein Schlitzohr. Dass er sich während seiner Arbeitszeit heimlich Cowboy-Filme mit John Wayne anschaut, ist ein eher harmloses Vergehen, aber dass er den Altersheimbewohner, auf die er eigentlich aufpassen soll, heimlich Zigaretten besorgt, setzt die Nachsicht der Heimleiterin auf eine weitaus härtere Probe. Und an dem Abend, an dem der Sicherheitsmann eine Striptease-Tänzerin einschleust, um einem älteren Herrn zum Geburtstag eine kleine Freude zu bereiten, ist endgültig Schluss mit lustig. Der Störenfried muss gehen, und mit ihm würden auch seine Freunde am liebsten ihre Siebensachen packen und abhauen. Doch wohin?
Nelly (Josiane Peiffer) hat ihr Haus längst an ihre Tochter übertragen, mit der sie sich nur bedingt gut versteht. Fons (Marco Lorenzini) könnte zwar vorübergehend zu seiner mit zwei Kindern, einem unzuverlässigen Ehemann und einem Haufen Schulden total überforderten Maisy ziehen, aber eine dauerhafte Lösung sieht anders aus. Lull (Pol Greisch), der ehemalige Zahnarzt, würde ebenfalls auf der Straße landen, käme er ernsthaft auf den Gedanken, Reißaus zu nehmen. Lediglich Jängi (Fernand Fox) ist ein „freier“ Mann. Der leidenschaftliche Kleingärtner, Brieftaubenzüchtern und Dirigent der Schifflinger Harmonie hat sich in seinem Schrebergarten häuslich eingerichtet, lädt seine alten Bekannten regelmäßig zum Grillen ein, und obwohl er schon seit Jahren nicht mehr wirklich zurechtkommt, kommt er mehr oder weniger gut zurecht.
Den Rest ihres Lebens sinn-, gedanken- und sprachlos in einem Seniorenheim zu verbummeln, kommt für die „Rusty Boys“ nicht in Frage.
Auch Nuckes Heinen (André Jung), der Youngster, hat kein Zuhause mehr, seit seine Frau Henriette ihn verdächtigt, ein Verhältnis mit einer Jüngeren zu haben. Und so wird prompt die Idee geboren, eine autonome Wohngemeinschaft zu gründen. Eine Art Hippie-Kommune, in der es keine Zwänge, keine Kontrolle und vor allem keine Vorschriften mehr gibt. Ein Paradies, in dem man wieder das Gefühl haben darf, ein Leben führen zu können, das einen erfüllt, umgeben von Menschen, die die eigene Einstellung teilen. Klingt doch wunderbar, oder? Der Haken? Um ein solches Unterfangen in Luxemburg in Angriff zu nehmen, braucht man erstens reichlich Kapital, zweitens viel Geduld bei der Beantragung der nötigen Papiere, und drittens eine Immobilie, die jedem gefällt.



Einerseits übt Andy Bausch auf recht charmante Art und Weise Kritik an der Behandlung älterer Menschen in Seniorenheimen aus, andererseits macht er sich auch über alle Grauhaarigen lustig, die mit Computern genau so wenig anzufangen wissen wie mit moderner Musik oder portugiesischen Nachbarn. Klingt nach Klischee, ist tatsächlich Klischee, aber dennoch sehr witzig dargestellt. Es sind einzelne Szenen und wie nebenbei geäußerte Bemerkungen (Genre: „En Altersheim iwwert der Concorde oder der Belle Etoile wäer ideal“), die „Rusty Boys“ zu einem überdurchschnittlich guten Film über das keineswegs angenehme Älterwerden im vermeintlichen Schlaraffenland Luxemburg machen. Die Darstellung des Heims, in dem es nahezu wie in einem Gefängnis zugeht, ist selbstverständlich übertrieben, und die Verantwortlichen von Servior, dem hierzulande größten Betreiber von Wohnstrukturen für ältere Menschen, werden wahrscheinlich entsetzt sein darüber, dass man Heimleiter mit Tyrannen vergleicht, die ihre Schutzbefohlenen am liebsten schön brav im Aufenthaltszimmer beim Karten- oder Bingo-Spiel zusammensitzen sieht.









