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Lovetoys statt Tupperware

Das Geschäft mit Sextoy-Partys boomt. In lustigen Frauengruppen werden Vibratoren, Handschellen und Liebeskugeln auf dem heimischen Sofa ganz ohne Tabu zum Kauf angeboten.

Fotos: Anne Lommel, Au Moulin Rose

Schockierend? Nein, zeitgemäß! Lovetoys sind seit einigen Jahren ein fester Bestandteil des Liebeslebens. Besonders Frauen wollen mit ihnen neuen Schwung in ihr Sexualleben bringen. Und das ganz ohne Tabu. Allein in Deutschland besitzen, laut einer Studie aus dem Jahre 2005, 21 Prozent der Frauen ein Sextoy. Bei den Männern sind es nur 16 Prozent. Auch bei unseren französischen Nachbarn ergibt eine aktuelle Studie, dass 49 Prozent der Frauen mindestens ein Mal ein Sextoy zum Aufpeppen ihres Liebeslebens benutzt haben. Tendenz steigend.

„Frauen haben genauso viele sexuelle Bedürfnisse wie Männer. Auch sie wollen Spaß haben. Vor allem stehen sie dazu“, erklärt Norbert Feher, der seit 28 Jahren Geschäftsführer eines Sexshops im hauptstädtischen Bahnhofsviertel ist. Kein Wunder also, dass das Geschäft mit Dildos und anderem Sexzubehör boomt. Ob im Internet, in Sexshops oder sogar in Supermärkten – Spielzeuge für Erwachsene gehören mittlerweile zum Mainstream. „In den letzten fünf Jahren gab es eine bedeutende Entwicklung“, verrät Herr Feher. „Früher kamen nur selten Frauen zu uns“, weiß er. „Heute stellen sie 30 Prozent unserer Kundschaft dar.“

Im Trend sind vor allem Sextoy-Partys. Früher begeisterten sich Hausfrauen für bunte Plastikschüsseln, heute interessieren sie sich eher für Handschellen, Vibratoren und sexy Reizwäsche. Aber jetzt mal langsam: Nicht dass hier etwas missverstanden wird. Vergessen Sie das düstere Erscheinungsbild verschiedener Sexualpraktiken, die nur selten der Realität entsprechen. „Wir reden nicht nur über Sex während unserer Versammlung“, möchte Christelle Maujean, regionale Koordinatorin bei „Au Moulin Rose“, klarstellen. Seit zehn Jahren veranstaltet sie regelmäßig Sextoy-Partys. „Die Leute sind nicht da, um über ihr Privatleben zu reden. Wir sprechen über die Selbstverwirklichung der Frau, das Erblühen des Paars, über das Wohlbefinden.“ Maujean fügt hinzu: „Wir geben auch Ratschläge in Sachen Sexologie. Ich möchte allerdings betonen, dass wir keine Sexologen sind.“

„ Frauen haben genauso viele sexuelle Bedürfnisse wie Männer. Auch sie wollen Spaß haben. Vor allem stehen sie dazu.“ – Norbert Feher, seit 28 Jahren Geschäftsführer eines Sexshops

Ein Gläschen Champagner, Finger-Food und ein paar gute Freundinnen gehören zu der perfekten Lovetoy-Party dazu. Die Partys sind kostenlos und es gibt keinerlei Kaufzwang oder Mindestumsatz. Modern und komplexfrei soll der Abend ablaufen. Offen über Sexualität zu reden, ist mittlerweile in den meisten Gesellschaftsschichten akzeptiert. Der Vorteil von Heimpräsentation zum Internet ist, dass sich die Kundinnen die Ware ganz bequem anschauen können. Dazu gibt es dann auch noch Erklärungen zur Funktionsweise des Sex-Spielzeuges von der Sextoy-Beraterin. „Die Produkte werden zur Schau gestellt als handele es sich um eine Tupperware-Party. Nur, dass es hier eben um Sextoys geht“, erklärt die 56-jährige Monique* ganz begeistert. „Man hat sofort ein gutes Feeling. Die Beraterin redet nicht anders mit dir, als wenn sie dir im Supermarkt ein Kilo Bananen verkaufen wolle. Es wird nicht lange um den Brei geredet. Alles läuft locker über die Bühne. Von Vulgarität keine Spur. Als ich jung war, gab es keine Dildo-Partys. Ich hätte mir damals so etwas nicht einmal vorstellen können.“

Nicht dass Monique etwa auf ungewöhnliche Lusterlebnisse steht. Nein, sie wollte sich einen lustigen Abend mit Freundinnen machen. Eine Abwechslung zu den alltäglichen Restaurant -und Barbesuchen. Ausschlaggebend war allerdings ein von Millionen Frauen heißbegehrter kleiner Hase. „Der Anlass war der ‚Rabbit‘ aus der Serie ‚Sex and the City‘“, verrät Monique. „Meine Freundin hat damals keine Folge dieser Fernsehserie verpasst. Ich kannte sie nicht. Der Hase war das Highlight des Abends. Vier Stück wurden an dem Abend verkauft.“

„ Es gibt Frauen, die immer noch Angst haben, ein Sextoy mit nach Hause zu bringen. Sie fürchten die Reaktion ihres Ehepartners.“ – Christelle Maujean, regionale Koordinatorin bei „Au Moulin Rose“

Ein einziger Auftritt in der Kult-Serie „Sex and the City“ hat in nur wenigen Wochen, aus dem Rabbit-Vibrator den Star des Sexzubehörs gemacht. Und in der Branche sind die meisten sich einig. Der Wandel der Erotik-Branche liegt vor allem an „Sex and the City“. Bei Carrie, Samantha, Charlotte und Miranda aus New York City drehte sich nämlich vieles um Tabu-Themen. Eine Art sexuelle Revolution des Fernsehens. Eines ist sicher: Seit „Sex and the City“ ist Sex für viele Frauen kein Tabuthema mehr. Ganz im Gegenteil.

„Ich denke, die Leute identifizieren sich mit diesen fiktiven Figuren“, meint Christelle Maujean. „Die Serie ‚Sex and the City‘ war eine Art Aha-Erlebnis. Die Frauen wurden sich bewusst, dass man mit Toys Spaß haben kann. Und mit ‚Fifty Shades of Grey‘ gab es dann noch einmal ein zunehmendes Interesse.“ Mehr als 70 Millionen Mal wurde der weltweit bekannte Roman verkauft. Der dazugehörige Film hat über 400 Millionen Dollar eingespielt. Kaum zu glauben, dass dies der Anreiz für eine gewisse Emanzipation der Frau sein soll.
„Es gibt Frauen, die immer noch Angst haben, ein Sextoy mit nach Hause zu bringen. Sie fürchten die Reaktion ihres Ehepartners“, verrät die Beraterin. Die Frau von heute sei selbstbewusst, eigenständig, emanzipiert und engagiert, heißt es doch so oft. Und doch wurden erst jetzt die letzten Tabuschranken überwunden.
Maujean ist Zeugin dieser Entwicklung. Als sie vor zehn Jahren ihren Job als Sextoy-Beraterin begann, kam das nicht so gut an. „Am Anfang wollte meine Mutter nichts davon wissen. Mein Sohn, der damals schon 18 war, wollte auf keinen Fall, dass seine Freunde es erfahren. Mein Mann und meine Tochter haben mich hingegen viel unterstützt.“

Was am Anfang nur ein Nebenjob war, ist mittlerweile ein Fulltime-Job. Das Geschäft läuft sehr gut. Im Durchschnitt geben ihre Kundinnen bis zu 120 Euro an einem Abend aus. Die Bestellung der Produkte erfolgt immer ganz diskret in einem separaten Raum.

„Es gibt keinen typischen Kunden. Ich habe mit Studentinnen, mit Frauen über 50, mit Büroangestellten, aber auch mit Arbeiterinnen zu tun“, verrät Christelle. „Das ist das interessante an diesem Job.“ Sextoy-Partys für Männer gibt es nur selten. „Männer sind allgemein nicht besonders an Hausverkäufen interessiert“, betont die Sextoy-Beraterin.

Jérôme Beck

Journalist

Ressorts: Wissen, Lifestyle

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Author: alommel

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