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Luxemburger Batman

In „De Jas“ haben Marc Angel und Jean-Louis Schlesser eine luxemburgische Sagenfigur aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges zum Helden der ersten Luxemburgischen Graphic Novel gemacht.

Anfang des 17. Jahrhunderts im Ösling: Ein Geist wütet durch den Norden des Landes und verbreitet Angst und Schrecken: Das Jasemännchen tobt als Rächer und fegt jeden hinweg. Keiner ist vor ihm sicher. Doch obwohl es einst als Knecht diente, hatte es – was zu seiner Zeit selten war – Lesen und Schreiben gelernt. In einem alten Schriftstück soll es von einem vergrabenen Schatz gelesen und von Geldgier gepackt, den Schatz dann selbst ausgegraben haben. Das sollte ihm zum Verhängnis werden.

Der Philologe Nicolaus Gredt hat die Geschichte des Jasemännchens niedergeschrieben, die man in ähnlich überlieferter Form auch schon im Sagenschatz des Luxemburger Landes findet. Der Drehbuchautor Jean-Louis Schlesser und der Graphiker Marc Angel haben die alte Sage aufgegriffen und daraus die erste luxemburgische Graphic Novel gestrickt: „De Jas“. „Es ist eine archetypische Figur, die im Laufe der Geschichte immer typisierter wurde“ sagt Jean-Louis Schlesser über den Helden der graphischen Kurzgeschichte „De Jas“, deren französische Fassung bereits vorab im Feuilleton des Jeudi erschienen ist.

Bereits das Vorspiel bezieht sich auf die alte Luxemburgische Sage. „Deswegen ist es der Prolog, weil es die Legende ziemlich gut wiedergibt. So wurde das Jasemännchen immer wieder dargestellt – als ein Monster, das unverhofft auftaucht und niedermacht, was ihm im Weg steht“, sagt Angel. Es war seine Idee, die einzelnen Elemente der Geschichte historisch zu situieren – etwas eher Untypisches für Legenden, die das Genre der „Graphic Novel“ durchaus zulässt.

So ist eine Geschichte entstanden, die weit über die kursierenden Sagenvarianten des Jasemännchens hinausgeht.

Die seit den 1980ern in den USA übernommene Bezeichnung für Comics in Buchformat richtet sich in ihrer erzählerischen Komplexität eher an eine erwachsene Zielgruppe. Eine eindeutige Definition einer „Graphic Novel“ gibt es jedoch nicht. Dem Zeichner „Mangro“ alias Marc Angel war schnell klar, dass er die Geschichte rund um den Jas auf eine dramatische und expressionistische Art und Weise zeichnen würde. Angel war es auch wichtig, den geschichtlichen Kontext herzustellen, damit die Leute sich auch wirklich angesprochen fühlen. „Wenn es irgendeine Fantasy-Geschichte ist, die sich in einer Fantasy-Welt abspielt, dann betrifft es eigentlich niemanden.“

Dass die Vorlage Schlessers ursprünglich als Filmskript gedacht war, erwies sich dabei als Vorteil: „Bei der Gestaltung und Entwicklung war sehr viel Improvisation drin. Dafür braucht man eine gewisse Freiheit. Die hat man bei einem traditionellen Comic nicht. Das ist sehr viel kodierter und standardisierter, und bei einer Graphic Novel hat man viel mehr Gestaltungsspielraum“ meint Angel.

Bei der Zusammenarbeit ihres ersten gemeinsamen Projekts sei man schnell auf einen Nenner gekommen, berichtet Schlesser. „Auch, weil wir ein ähnliches Weltbild haben, haben wir uns sehr schnell gefunden: Es war fast schon wie eine Synopsis, die wir wie in einer Art Ping-Pong-Spiel weiterentwickelt haben. Er hat sie mir zugespielt und ich ihm. So haben wir stetig aufeinander reagiert, und dadurch konnten wir auch viel Aktuelles einfließen lassen“, erzählt Angel. So ist eine Geschichte entstanden, die weit über die kursierenden Sagenvarianten des Jasemännchens hinausgeht. In der Graphic Novel erfährt man etwa, wie der Jas zu einem gottlosen und geldsüchtigen Wesen und anarchistischen Missetäter wurde. Denn Angel zeichnet Etappen seiner Kindheit und Jugend nach. Durch die Ungerechtigkeiten, die der Jas erleidet, wie die Vergewaltigung seiner Schwester oder die Einkerkerung seiner Mutter als Hexe, die unter den Haftbedingungen zu Grunde geht, wird seine Entwicklung verständlich und ein Stück weit nachvollziehbar, wie seine Wut auf die Gesellschaft entsteht und er zu eben jenem rachsüchtigen Wesen wurde.

Geradezu ikonographisch wirkt seine Figur des Jas mit einem langen schwarzen Mantel und einer Kapuze. Irgendetwas zwischen Superman, Mönch und Darth Vader. „Es gibt ein paar Anlehnungen. Ein Teil davon gehört zu diesen typischen Comic-Superhelden wie Batman, und irgendwie habe ich mir einen Spaß daraus gemacht, das zu ironisieren“ sagt der Zeichner über die Entstehung seiner Figur. Das Motiv selbst hat Angel einem Bild von Pieter Bruegel entnommen. Auf den von Menschen wimmelnden Gemälden Bruegels hat er einen Pilger entdeckt, der einen langen Mantel mit Kapuze trägt und dem das Motiv entlehnt ist. So legte er seinem Jas ein ähnliches Kostüm an.

„De Jas“ ist kein seichter Unterhaltungsroman, sondern birgt – wie jeder gute Comic oder Kinderbücher – durchaus Subversives.

Hatte schon lange die Figur vom Jas im Kopf und hat den Freiraum beim Zeichnen genossen: der Graphiker Marc Angel (l.). - Im Grund ist Film sein Medium: der Tausendsassa Jean-Louis Schlesser (r.).

Hatte schon lange die Figur vom Jas im Kopf und hat den Freiraum beim Zeichnen genossen: der Graphiker Marc Angel (l.). – Im Grund ist Film sein Medium: der Tausendsassa Jean-Louis Schlesser (r.).

Etwas düster wirkt der knapp 120 Seiten umfassende in schwarz-weiß gezeichnete graphische Roman mitunter. Und doch faszinieren einen die präzisen Zeichnungen Angels, bleibt man lange an einzelnen Bildern hängen. Die Reduktion von Farben ergab sich letztlich beim künstlerischen Prozess. „Bevor ich angefangen habe mit dem Zeichnen, hatte ich sehr viel Vorbereitungsarbeit, anfangs mehr im traditionellen Comicstil und mit Farbe, und nachher wurde es immer weniger, bis ich gemerkt habe, hier kannst Du auch drauf verzichten“, erzählt der Graphiker, der glaubt, dass dies dem Charakter der Geschichte entspricht. In die Nähe von Mangas will sich Angel aber nicht gerückt sehen. Inspirierend für ihn sind vor allem Comic-Zeichner wie Hugo Pratt oder Alberto Breccia.

„De Jas“ ist kein seichter Unterhaltungsroman, sondern birgt – wie jeder gute Comic oder Kinderbücher – durchaus Subversives. Dies wird schon allein daran klar, dass die Hauptfigur vielschichtig angelegt ist. Er ist Held und Antiheld in einem, eine schizophrene Gestalt, die in ihrer Zerrissenheit und dem Zorn auf die Gesellschaft durchaus einen universellen Anspruch erheben kann. Ein Pater („Thinnes“) bildete den Jas einst aus und lehrte ihn lesen und die Kunst des Fechtens. Derselbe Pater wird ihn später bezwingen und ihm ein Gewand aus Blei anlegen, das schwer genug ist, sodass er in der Hölle bleibt.

Steckt in dem graphischen Roman Angels und Schlessers auch Religions-Kritik? Die Antwort der beiden Herausgeber ist eindeutig: „Es ist ja eine geschichtliche Tatsache, dass die Kirche zu den Unterdrückungsinstrumentarien der Herrschenden gehört hat, also hauptsächlich der Aristokraten“, meint Schlesser. „Die Gerechtigkeit ist eine Sache der Menschen, Gott hat damit nichts zu tun“, heißt es in einer Passage des Buchs folgerichtig. Für den Zeichner Angel ist dies der Schlüsselsatz der Geschichte, durch die der Leser auf die Frage gestoßen wird, was wichtiger ist: Gerechtigkeit oder Ordnung? „Und hier ist ganz klar: Die Ordnung soll auf Kosten der Gerechtigkeit herrschen. Jedenfalls in den Augen der Herrschenden“, meint auch Schlesser.

Als moralische oder gar pädagogische Geschichte möchten die beiden Herausgeber des Bandes ihre Graphic Novel jedoch nicht begriffen wissen. „Wenn es eine Moral wäre, dann wäre sie sehr bitter. Es gibt immer wieder dieses Auflehnungsmoment, das nicht befriedigt wird und die Rebellion, die hochkommt und immer wieder unterdrückt wird“, meint Angel, der in seinem Jas einen Archetyp sieht und eine Allegorie der unterdrückten Wut. Letztlich gäbe es diese Jasemännchen-Geschichten ja nicht nur an einem Ort, so Schlesser. Sie wurden überall im Land erzählt, und es gibt auch eine Reihe Varianten bei den Untaten und Missetaten des Jasemännchens. Zu Beginn wie gegen Ende des Bilder-Romans wird suggeriert, dass der Jas Jahrhunderte später Menschen vor Schergen rettet, so befreit er einen Kriegsflüchtling vor seinen Verfolgern. Als „Robin Hood“ will Schlesser ihn aber nicht verstanden wissen. Und doch ist es eine grenzüberschreitende Geschichte, die im Éislek, den Luxemburger Ardennen spielt. Ist „De Jas“ auch eine Parabel auf Luxemburg? „Ja, das könnte man so sehen. Wir sind ja auch so. Wir klauen ja auch dem ganzen Planeten Geld, das wir dann fein säuberlich verteilen“, gibt Schlesser lachend zu bedenken. Zeichner Marc Angel sieht in dem Schatz dagegen nicht unbedingt materiellen Reichtum, sondern eher ein Befreiungsinstrument.

de-jas-cover-LDer Jas habe diesen Schatz gewollt, um sich aus der Knechtschaft zu befreien. Und dieser Schatz stellt sich als Illusion heraus: Es ist nur mit Gold überzogenes Blei. So kann die Geschichte als politische Parabel gedeutet werden, angelegt war sie als solche aber nicht. Das macht eben den Unterschied zwischen dem Jas als geldgierigen Ungeheuer aus, wie das Jasemännchen in den Sagen dargestellt wird und dem, was Angel und Schlesser daraus gemacht haben. So wird „De Jas“ gewiss nicht an die Beliebtheit eines Superjhemp herankommen, Kult-Potenzial hat die schillernde Figur der Luxemburgischen Graphic Novel aber allemal.

De Jas – Eng Éisleker Legend, © Jean-Louis Schlesser – Marc Angel, Insitu Creation Edition.

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

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Author: Philippe Reuter

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