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M-m-m-my Corona…

Quarantäne. Was für ein Wort! Als hätten wir die Pest. Aber dieses SARS-CoV-2 scheint ja so etwas Ähnliches zu sein. Beim Volleyball vor zwei Wochen hatte mein Mann Kontakt zu einem Infizierten. Seitdem sitzen wir hier fest, knappe 80 Kilometer von meinem Arbeitsort entfernt, auf der anderen Seite der Mosel. Ich habe kein Problem damit. Ich stehe auf Home-Office. So wie andere Leute sich in ihrem nine-to-five-Büro-Job wohlfühlen, bin ich zeitlich und räumlich gerne flexibel, mit Laptop im Garten oder im Bett.

Vieles wird sich hinterher ändern, lauten Prophezeiungen. Home-Office, Klimapolitik, Solidarität – wird alles normal. Weil man sieht, dass es funktioniert, wenn es funktionieren muss. Ich habe meine Zweifel. So einfach lässt sich eine eingefahrene Welt nicht revolutionieren. Auch nicht durch Corona. Sie ist der Störfaktor, den keiner will. Und den man, ist er erst einmal behoben, möglichst schnell vergessen möchte. Muss ja irgendwie weitergehen. Am besten so wie vorher.

Ich klinge deprimiert? Ein bisschen. Vielleicht steckt mir aber in den mittlerweile etwas älteren Knochen auch noch die Corona-Party, die wir gestern spontan veranstaltet haben, mein Mann, meine Tochter und ich. Drei Stunden haben wir zu lauter Musik getanzt, vielleicht waren es auch vier. Es war schön und befreiend. Doch zwischendurch habe ich immer wieder gedacht, dass gleich die Polizei vor der Tür steht und uns sagt, es wäre verboten, was wir da tun.

Ausgangssperren, Kontaktverbote, Grenzschließungen. Bislang hat sich noch niemand beim Bundesverfassungsgericht über diesen eklatanten Eingriff in die Menschenrechte beschwert. Auch nicht beim Obersten Gerichtshof in Luxemburg, soviel ich weiß. Dabei haben wir alle innerhalb weniger Tage fast alles verloren, was unsere Freiheit eigentlich ausmacht. In Frankreich dürfen Beamte in Uniform von ihren Mitmenschen Bußgelder kassieren, wenn diese ohne Passierschein unterwegs sind. Mir wird schlecht bei diesem Gedanken.

Natürlich – ist ja alles nur vorübergehend. Und wie schon ein altes Sprichwort sagt, heiligt der Zweck die Mittel. Hoffen wir mal, die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Wenn Home-Office und Solidaritätsbekundungen nicht von Dauer sind, werden es die ganzen Verbote ebenfalls nicht sein. Alles wird ganz gewiss wieder so, wie es war. Außer vielleicht für diejenigen, die dann ihre Jobs verloren haben, die ihre Häuser nicht mehr abbezahlen können, deren Existenz bedroht ist. Mich wundert, dass wir das alle so hinnehmen. Wir laufen einfach mit wie die Lemminge. Es gibt sogar Virologen, die den Sinn dieser rigiden Maßnahmen anzweifeln.

Vor ein paar Tagen hat in Saarburg ein junger Mann Menschen bedroht. Mit einer Schutzmaske vor Mund und Nase kam er in eine Tankstelle und erzählte, er sei gerade positiv getestet worden. Dann hustete er in Richtung der Anwesenden, bevor er mit seinem Auto davonraste. Anhand seiner Autonummer – es gibt ja Überwachungskameras – konnte er ausfindig gemacht werden. Jetzt wird er wegen versuchter Körperverletzung angeklagt.
Ich habe Verständnis für diesen Kerl. Natürlich ist diese Aktion bekloppt, aber wissen wir, was er gerade durchmacht? Er ist 19. Vielleicht wollte er diese Woche sein Abi feiern – in Rheinland-Pfalz wird das Abitur immer im März gemacht, dieses Jahr wurden alle Abi-Bälle abgesagt –, vielleicht wollte er in zwei Wochen auf große Reise gehen, Südamerika, Afrika oder Australien. Vielleicht war es eine idiotische Übersprungshandlung und irgendein Ärger musste raus, weil es kaum zu ertragen ist, wenn Pläne und Träume zerplatzen in einer Zeit, in der nichts mehr erlaubt ist.

„Freiheit besteht darin, dass man alles tun kann, was einem anderen nicht schadet.“ Dieser Satz stammt von Matthias Claudius. Im Moment wird er gerne zitiert. Weil er so wahr ist. Doch er impliziert nicht, dass wir uns gegenseitig kontrollieren und reglementieren müssen, sondern dass wir den Respekt voreinander nicht verlieren dürfen. Ich möchte in keiner Welt leben, in der Polizisten meinen Ausgang überwachen und in der ich vielleicht angezeigt werde, weil ich im Keller meines Hauses tanze.

Seit ein paar Tagen bin ich etwas erkältet. Husten, Halsweh, Kopfschmerzen. Weder beim Gesundheitsamt noch bei meiner Hausärztin kann man mir sagen, was ich tun soll. Ob ich getestet werden sollte. Ich war weder mit einem Infizierten in Kontakt noch in einem Risikogebiet. Mein Mann könnte Überträger sein, hatte aber selbst
keine Symptome. Ich warte jetzt einfach ab, was passiert, und bleibe weiter zu Hause. Solange Strom und Internet noch funktionieren, kriege ich das hin.

In unserem Haus gehen wir uns nicht auf den Keks, wir haben genug Platz, jeder kann in Ruhe arbeiten. Das ist ein Privileg, das nicht alle haben. Auch meinem Mann scheint das Home-Office zu gefallen, obwohl er prinzipiell lieber im Büro arbeitet. Er sitzt von morgens bis abends in irgendwelchen Meetings, zwischendurch läuft er herum und singt: „M-m-m-my Corona“, in Abwandlung des Songs „My Sharona“ der amerikanischen Band mit dem unglaublichen Namen „The Knack“ aus dem Jahre 1979. Im Netz kursiert ein Video von findigen Musikern, die auf dieselbe Idee kamen. Es soll längst viral sein.

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

Author: Martine Decker

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