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Magic moments

Was vor vier Jahren als Kammerchor mit 35 Sängern begann, hat sich mit jedem Konzertprojekt entwickelt, und nun wird – dank der Vision von Antonio Grosu – aus dem mittlerweile 70 Mitglieder starken Ensemble der erste Chœur Philharmonique de Luxembourg.

Fotos: Mircea Restea

Es gibt Leute, die sich mit wenig zufrieden geben und dem Zufall vertrauen. Und es gibt zum Glück auch andere, die sich ständig weiterentwickeln wollen und trotz einer gewissen Reife der Meinung sind, nie ausgelernt zu haben. Antonio Grosu, der musikalische Leiter des 2014 gegründeten Chœur de Chambre de Luxembourg (CCL), gehört definitiv der zweiten Kategorie Mensch an. Er hat nicht nur eine ganz außergewöhnliche Gabe im Umgang mit Musik, er hat auch ein sehr tiefgreifendes Verständnis von der Musik, die er dirigiert. In Proben und Konzerten sind er und die Musiker, die mit ihm auf der Bühne stehen, stets auf der Suche nach dem „magischen Moment“, der verzaubert und die Menschen sich selbst und die Welt vergessen lässt. In der gleichen Art versteht es der Dirigent, den Sängern und Sängerinnen seines Chors Musik zugänglich zu machen – nicht mit großen Gesten und einstudierten Interpretationen, sondern mit einem tiefen Blick in das musikalische Geschehen, in sich selbst und in das Glück, Musik zusammen zu gestalten und zu „empfinden“.

Bücher werden geschrieben, Geschichten abgeschlossen. Ein Ölgemälde ist auch irgendwann fertig, die Interpretation von Musik allerdings nie. „Il faut toujours voir grand“, gesteht der gebürtige Rumäne. „Puis trouver les moyens pour réussir.“ Darauf, dass er es geschafft hat, innerhalb von nur vier Jahren aus einem Kammerchor einen Philharmonischen Chor zu machen, darf Antonio Grosu stolz sein. Aber er gibt sich bescheiden, steht nicht gern allein im Mittelpunkt. Denn nicht ihm sei der grandiose Erfolg und die Tatsache zu verdanken, dass fast jedes Konzert des CCL bislang ausverkauft gewesen ist, sondern den Sängern und Sängerinnen aus über 23 Nationen, die – genau wie er – hart arbeiten. „C’est une équipe formidable“, schwärmt der 37-jährige Dirigent. „En fait, ils n’ont plus besoin de moi. Je ne suis que décoration.“ Humor hat er ebenfalls.

Le travail d’ensemble régulier et rigoureux, les qualités musicales des membres du chœur ainsi que l’apport enrichissant des différents espaces culturels qu’ils réunissent contribuent à faire mûrir son nom, son son et sa renommée.

Wenn am kommenden Wochenende mit dem CCL, der Académie pour Jeunes Voix, dem Orchestre de Chambre du Luxembourg, der Militärmusik und den Solisten Elizabeth Wiles, Algirdas Drevinskas und Karsten Mewes rund 200 Sänger und Musiker auf der Bühne der Philharmonie stehen, um Carl Orffs „Carmina Burana“ und Tschaikowskys „L’année 1812“ aufzuführen, wird die Verwandlung des Kammerchors in den Chœur Philharmonique de Luxembourg (CPL) perfekt sein. Nach nur drei Spielzeiten hat sich die Mitgliederzahl des Chors verdoppelt. Was heißt, dass man nun ein ganz anderes Repertoire angehen kann. Und dass die Begeisterung, die der Chorleiter ausstrahlt, wie ein Virus agiert.

Von einer Beethoven- oder Brahmssymphonie wird behauptet, dass sie eine unheimlich starke universelle Kraft habe, weil sie die Richtung vorgibt und weil man weiß, dass der jeweilige Komponist auf einen absoluten Höhepunkt zusteuert. Dasselbe gilt für das neu geborene CPL. Alle wollen nach vorne eilen, ihr Bestes geben, das Publikum für sich gewinnen. Was angesichts der großen musikalischen Qualitäten der Chormitglieder sowie deren Anforderungen an sich selbst und der Professionalität, mit welcher gearbeitet wird, außer Frage steht. Die Freude am Singen und am Teilen ist mit der eines jeden Chors zu vergleichen, die Intensität, nach welcher Antonio Grosu sucht und die bei jedem Auftritt zum Ausdruck kommt, hingegen nicht. Der Leiter des Ensembles weiß nämlich ganz genau, was er will: so gut wie nur möglich in jedem Bereich sein. Vom Konzertprogrammheft über die Aufführung bis hin zu den CD-Aufnahmen.

Auf die Frage, wie man einen Chor leitet, in dem ein Dutzend verschiedene Sprachen gesprochen werden, lächelt der Dirigent. Es funktioniert. Vielleicht weil Musik ein wunderbarer Freund ist, vielleicht aber auch, weil die Chormitglieder dem Zufall genauso wenig überlassen wie ihr Chef. Zusammen gearbeitet wird jede Woche in den Gebäuden der Fondation Pescatore in Luxemburg-Stadt. „J’aime ce bâtiment historique.“ Was er sonst noch liebt: Mozarts „Great Mass“, die das CCL im vergangenen Jahr live im hauptstädtischen Musikkonservatorium aufgenommen hat. „On en devient accro.“ Dann erzählt er von der tragischen Entstehungsgeschichte dieser einzigartigen Komposition, die Mozarts einziges Werk ist, das er ohne Auftrag geschrieben hat, und von den Emotionen, die der Gesang frei setzt. In jedem von uns, so Antonio Grosu.

Er hat Recht. Während des Schreibens dieser Reportage habe ich das Album in einer Endlosschleife gehört. Und nun bin auch ich davon überzeugt, dass die Musik die Fähigkeit hat, uns in jedem Moment anders zu berühren. Musik kann wachsen. Genau wie der Mensch und ein Chor, der von Antonio Grosu geleitet wird. „L’ensemble reste toujours ouvert à connaître de nouvelles voix et pour tous ceux qui voudraient participer sous une forme ou une autre dans nos projets. “ Und zukünftige Projekte gibt es bereits genug.

Weitere Konzertdaten:
– 2. März: A Midsummer Night’s Dream im Kinneksbond in Mamer, mit dem OCL unter der Leitung von Florian Krumpöck
– 22. März: Mozart Great Mass im Trifolion in Echternach
– 23. März: Mozart Great Mass in der Kathedrale in Metz
– 25. März: Mozart Great Mass in der Philharmonie in Luxemburg
– 13. & 14. April: Ciné-Concert Amadeus in der Philharmonie in Luxemburg

Jahrgang 1980, arbeitet nach seinem Studium an der Universität George Enescu mit verschiedenen Ensembles zusammen. Zwischen 2005 und 2013 leitet er die Chöre der Kathedrale in Luxemburg und dirigiert viele außergewöhnliche Events. 2012 übernimmt er die gesamte musikalische Organisation der Hochzeit von Erbgroßherzog Guillaume mit der damaligen Gräfin Stéphanie de Lannoy. Seit 2014 ist Antonio Grosu musikalischer und künstlerscher Leiter des Chœur de Chambre de Luxembourg, aus dem nun der Chœur philharmoique de Luxembourg geboren wurde. Er ist mit einer Luxemburgerin verheiratet und Vater von fünf Kindern.

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

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Author: alommel

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