Home » Home » Magie der Stille

Magie der Stille

Mit „Nested“ widmet das Mudam der Luxemburger Künstlerin Su-Mei Tse eine wundervolle Spielwiese, auf der sich tonnenschwere Steine, keimende Keramikkartoffeln und eine fast unberührte Schneelandschaft zu einem sehr sinnlichen Universum vereinen.

Fotos: Philippe Reuter, Hervé Montaigu (1) (Editpress)

Was ist Kunst? Konzeptkünstler Marcel Duchamp bewies im vorigen Jahrhundert: eigentlich alles. Wer macht Kunst? Joseph Beuys, der anscheinend fest davon überzeugt war, dass von der Kunst Heilkräfte ausgehen würden, wenn man sie nur inständig genug betrachtete, ließ erahnen: möglicherweise alle. Wo ist Kunst? Seit dem Eroberungszug des Internet wird (fast) unisono behauptet: überall. Bleibt also nur noch die Frage, ob Kunst als Lebensform und Ideenquelle noch von Bedeutung ist. Meine Antwort: Schauen Sie sich Su-Mei Tses Ausstellung „Nested“ an und Sie werden darüber staunen, wie humorvoll und engagiert zeitgenössische Kunst sein kann. Und mit welcher Leichtigkeit die Künstlerin tiefgründige Themen in ihren Werken umsetzt.

Bei der „Stone Collection“ im Grand Hall, die ihre Inspiration aus der chinesischen Tradition der „Gelehrtensteine“ bezieht, handelt es sich um eine Gruppe von Steinen, die aufgrund der Einzigartigkeit ihrer Formen oder ihrer Oberfläche ausgewählt wurden, um den Betrachter auf die Schönheit des Seins aufmerksam zu machen. Su-Mei Tse nennt es die „Kunst des Findens“, die Faszination für das bereits Existierende. Am Hof der Kaiser von China wurden derartige Steine zunächst in Gärten aufgestellt, bevor sie ab dem 7. Jahrhundert in kleinerem Maßstab auch in den Arbeitszimmern ihren Platz fanden und ab dem 14. Jahrhundert schließlich auf kleine kostbare Sockel montiert wurden – genau wie im Mudam. Allerdings spiegeln sich auf den Oberflächen dieser sehr ambitionierten Installation keine Grotten, Berge oder Wellen wider, sondern spannende Wolkenlandschaften.

Mit sehr unterschiedlichen Medien wie Skulptur, Video, Fotografie und Installation schafft Su-Mei Tse stets Übergänge zwischen geistigem Raum und sinnlicher Erfahrung.

Es geht in „Nested“ um Fantasie. Su-Mei Tse ist keine Künstlerin, die in einer Art Blase lebt und keine Verantwortung für ihr Schaffen tragen will. Dass sie sich beim Pressetermin beim früheren Mudam-Direktor Enrico Lunghi dafür bedankte, dass er ihre Ausstellung möglich gemacht hat, zeugt von ihrer Geradlinigkeit. Und wäre Marie-Claude Beaud anwesend gewesen, wäre auch sie erwähnt worden. Ihr hat die mittlerweile 44-jährige Preisträgerin des Goldenen Löwen für den besten Länderpavillon bei der Internationalen Kunstbiennale in Venedig nämlich die Einladung in die Lagunenstadt zu verdanken. Mit der neuen Museumsleiterin Suzanne Cotter hat Su-Mei Tse gemein, dass sie Zeichen setzen will und in ihrer Arbeit eine totale Freiheit genießen möchte.

Zurück zur Ausstellung: Die Zeit, Erinnerungen und Musik spielen eine wichtige Rolle in den Werken der zwischen Luxemburg und Berlin pendelnden Künstlerin. In dem Video „Pays de neige“, das während eines Stipendienaufenthalts an der Académie de France in Rom, in den Gärten der Villa Medici aufgenommen wurde, zeigt Su-Mei Tse sich selbst beim Glattstreichen – mit Hilfe eines Schleppnetzes – einer fiktiven Schneelandschaft. Zu deuten ist diese Bewegung sowohl als symbolischer Versuch, die Spuren ihrer Vorgänger wegzuwischen, um der eigenen Kreativität Raum zum Atmen zu verschaffen, als auch als Rückkehr zum Ursprünglichen. „White Noise“ stellt derweil eine visuelle Übersetzung des Knisterns dar, das kurz vor dem Einsetzen von Musik zu hören ist, und bietet dem Betrachter einen Moment aufgehobener Zeit.

Kurator Christophe Gallois weist in diesem Zusammenhang gern darauf zurück, dass Su-Mei Tses Kunst eine Aufforderung sei, sich Zeit zu nehmen. Vor allem fürs Schauen. Man soll sich von der eigenen Intuition leiten lassen, nicht immer alles kontrollieren und verstehen wollen, sondern sich stattdessen in Kontemplation üben. Von den zahlreichen Werken der Ausstellung, die im kommenden Jahr in die Schweiz und anschließend nach Schanghai und Taipei reisen wird, beschreibt „Le coup scellé“ Su-Mei Tses künstlerische Vorgehensweise am treffendsten. Die Installation knüpft an das Brettspiel Go an, das im alten China zu einer der vier klassischen Künste gehörte, die ein Gelehrter zu beherrschen hatte, und das trotz einfacher Regeln viel mit Strategie zu tun hat. Inspiriert durch die Beschreibung eines historischen Spiels im Roman „Meijin“ von Kawabata, bei dem ein alter Meister einem jungen Herausforderer in einer sechs Monate dauernden Partie gegenüberstand, stellt Su-Mei Tse einen bestimmten Moment des Spiels dar: den der Unterbrechung durch den „versiegelten Zug“. Der geplante Spielzug wird notiert und in einem versiegelten Umschlag verwahrt, der erst bei der Fortsetzung der Partie geöffnet wird – eine Metapher fürs Durchatmen.

Die eigens für die Grand Hall des Mudam geschaffene „Stone Collection“ bezieht ihre Inspiration aus der chinesischen Tradition der Gelehrtensteine.

Zum Innehalten lädt ebenfalls „Mistelpartition“ ein. Ausgangspunkt für dieses Video war Su-Mei Tses Blick auf Mistelkugeln in entblätterten Bäumen. Sie hätte sich sogleich an eine musikalische Partitur erinnert. Mit Taktstrichen und Noten. Und dadurch, dass sie diese Erfahrung mit dem 1. Cellokonzert von Dimitro Schostakowitsch verbindet, verbindet sie gleichzeitig die Welt des Sehens mit der der Musik. Darüber hinaus stellt dieses Werk eine Hommage für die 2011 verstorbene Luxemburger Cellistin Françoise Groben dar.

Der Titel der Ausstellung und die 2017 entstandene Installation „Nested“ verweist erneut auf die „Gelehrtensteine“, auch „gongshi“, Erdknochen oder Wolkenwurzel genannt: kleine Felsen von ungewöhnlicher Form, welche den Gelehrten zur Inspiration dienten. Indem Su-Mei Tse kleine und größere farbige Steinkugeln in die Löcher und Wölbungen von bizarren Kalksteinen legt, unterstreicht sie ihren Wunsch, gefundene Formen zu respektieren und lediglich durch das Hinzufügen weiterer Elemente zu besonderer Geltung zu verhelfen.

Mit all den ineinander verflochtenen Thematiken bietet die monografische Schau, die übrigens nach dem Vorbild eines Notizbuches aufgebaut ist, das alltägliche visuelle und klangliche Eindrücke und Erinnerungen versammelt, einen höchst umfassenden und zugleich grandios inszenierten Einblick in das Schaffen einer Künstlerin, die offen für alles zu sein scheint, was um sie herum ist, sich selbst nicht allzu ernst nimmt und der Meinung ist, dass Humor eine wichtige Eigenschaft für Künstler ist. Das Eintauchen in ihre Welt macht jedenfalls Spaß, und eigentlich kann man sich gar nicht vorstellen, dass Su-Mei Tse auch mal wütend werden kann. Kann sie jedoch sehr wohl. Immerhin laden ihre Werke nicht nur zur Kontemplation ein, sondern hinterfragen die Beziehungen des Menschen zur Vergangenheit sowie zum Gefangensein im Jetzt.

Bis zum 8. April 2018 im Mudam, www.mudam.lu

Rahmenprogramm

• 30. November: Begegnung mit Su-Mei Tse, die sich mit Christophe Gallois und Katrin Weilenmann über die Ausstellung unterhält (F).
• 11. November – 31. Dezember: Es war einmal… Märchen für Kinder, die mittels der ausgestellten Werke illustriert werden
Anmeldung erforderlich: workshop@mudam.lu, Tel.: 453785-531.
• 7. Februar, 19-20 Uhr: Mudam Akademie mit Nadine Erpelding (F): Su-Mei Tse entre l’orient et l’occident, kostenlose Teilnahme.
Regelmäßige Führungen für Einzelbesucher und kleine Gruppen (Max. 5 Personen): samstags, sonntags und mittwochs
Infos: visites@mudam.lu
Mudamini Workshops: Haïku/Kintsugi, keine besonderen Vorkenntnisse erfordelich, Material vor Ort vorhanden
Anmeldung eforderlich: workshop@mudam.lu

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressorts: Kultur, Kunst, Land & Leute

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook
Author: Martine Decker

Login

Lost your password?