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Mann, Frau, Kind?

Auf der diesjährigen 57. Kunstbiennale in Venedig beweist Mike Bourscheid mit „Thank you so much for the flowers“, dass Luxemburger durchaus Humor haben. Einige jedenfalls.

Fotos: Andrew Luke Walker, Mike Bourscheid

Mike Bourscheid spielt gern. Am liebsten mit Identitäts- und Rollenwechseln. Mal zieht er ein gelbes handgefertigtes Kostüm an, das aus einem Volantrock und einem in der Leistengegend prallen „Auswuchs“ besteht. Mal imitiert er mit einem selbst gebauten Instrument die Töne kanadischer Gänse und versucht auf diese irritierende Weise, kulturelle Barrieren zu überbrücken. Skurrile Verkleidungen und entfremdete Haushaltsgegenstände spielen in seiner Performance-Kunst eine ebenso wichtige Rolle wie festgeschriebene Verhaltensmuster. Weil sie es ihm erlauben, auf mehr oder weniger amüsante Weise, unterschiedliche Genderfragen aufzuwerfen und sich gegen Unterdrückung auszusprechen.

Mit seinen Kostümen und entfremdeten Haushaltsgegenständen erzählt Mike Bourscheid auf spielerische Weise Geschichten über Geschlechteridentität.

Wer den Luxemburger Pavillon der 57. Kunstbiennale in Venedig besucht, betritt zuerst einen gelb gestrichenen Raum, in dem „The Goldbird Variations“ ausgestellt ist: das bereits erwähnte gelbe Kostüm, das während der Ausstellung als Skulptur zu sehen ist und während einer Performance von Gummihandschuhen und Ledersandalen ergänzt wird. Dabei nimmt Mike Bourscheid zu mitreißenden Technosounds statuenhafte Posen ein – Szenen, die vom Catwalk einer Haute Couture-Schau stammen könnten. Allerdings entsprechen die Maßen des Künstlers nicht unbedingt denen eines Topmodels. Weswegen das Werk ebenso komisch wie fehl am Platz wirkt.

Ein anschließender Raum der Ca‘ del Duca präsentiert die Arbeit „So stelle ich mir die Liebe vor“, in welcher sich der Künstler mit der Lebensgeschichte seiner Eltern und den Entscheidungen beschäftigt, die sie treffen mussten. Vor im Kartoffeldruck gestalteten Wänden hängen zwei Outfits auf aus Prothesen zusammengebastelten Ständern. Zum einen gehört eine rosafarbene Hose mit gepolstertem Latz, das andere ist aus einem silbrig schimmernden Stoff gefertigt, der an Fischhaut erinnert, und trägt eine Rüschenborte. Vervollständigt wird das Kunstwerk durch eine Performance, bei der Mike Bourscheid abwechselnd eins der Kostüme trägt und gleichzeitig eine selbstkomponierte Liebesschnulze aus jeweils männlicher und weiblicher Sicht singt.

Ausstellungsbesucher sind mitunter verunsichert. Weil sie nicht so recht wissen, wie sie des Künstlers Handschrift einordnen sollen. Weil sie eine Serie verzierter Schürzen aus Leder, Stahl, Haaren, Eiern und Blockflöten nicht mit Kunst assoziieren können. Und weil es hin und wieder riskant ist, sich seinen Emotionen ganz einfach hinzugeben und zusammen mit dem Künstler über seine theaterhaft inszenierte Welt zu lachen. Dazu kommt, dass „Thank you so much for the flowers“ zwischen den Performances eine „tote“ Ausstellung ist, denn die Wirkkraft der Kostüme und ihrer Inszenierung ist leider nur bedingt.

Als Jurymitglied Kevin Muhlen gefragt wurde, welche die entscheidenden Faktoren gewesen seien, die zur Wahl von Mike Bourscheid geführt haben, antwortete der künstlerische Leiter des hauptstädtischen Casino – Forum d’art contemporain, dass der Künstler eine Art Energie in sich trägt, die Lust macht, immer mehr von ihm zu sehen. Zudem würde von seinen meist ungreifbaren Arbeiten eine ganz besondere Ästhetik ausgehen. Dass nach Filip Markiewicz, der mit „Paradiso Luxemburgo“ im Jahr 2015 ein recht kritisches und zynisches Porträt des Großherzogtums in der Lagunenstadt präsentierte, erneut ein Performer ausgewählt wurde, der sich auf höchst ironische Weise mit gesellschaftlichen Widersprüchen und der eigenen Identität beschäftigt, ist reiner Zufall.

Bis zum 26. November in der Ca‘ del Duca. Geöffnet von 10-16 Uhr, dienstags geschlossen, www.casino-luxembourg.lu, www.labiennale.org

Die Biennale
Seit mehr als 120 Jahren zählt die Kunstbiennale von Venedig zu den weltweit bedeutendsten Ausstellungen für moderne Kunst – im Wechsel mit der seit 1980 organisierten Biennale für Architektur. Unter dem Motto „Viva Arte Viva“ stellen in diesem Jahr 120 Künstler aus 51 Ländern aus. Neben der von Christine Macel kuratierten Hauptausstellung sind 81 Länder mit eigenen Pavillons in der Lagunenstadt vertreten. Erwartet werden bis Ende November eine halbe Million Besucher.

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

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Author: Martine Decker

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