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Marx reloaded

„Er ist wieder da“ titelte „Die Zeit“ vor gut einem Jahr und meinte Karl Marx. Allerdings müsste es heißen: „Er war nie weg.“ Denn die Kritik des deutschen Philosophen am Kapitalismus ist bis heute gültig und aktueller denn je. Allerdings wurden ihm die Verbreitung seiner Lehren, angefangen von seinem Freund und Mitarbeiter Friedrich Engels, der behauptete, dank Marx sei der Sozialismus keine Utopie mehr, sondern eine Wissenschaft, nicht immer gerecht.

Die Russische Revolution von 1917, der Aufstieg der kommunistischen Parteien, die Befreiungsbewegungen in China, Vietnam und anderswo, ob in Afrika oder Lateinamerika, sie wurden von Marx‘ Lehren inspiriert und waren „marxistisch“. Diese verordnete Form des Marxismus wurde im Kalten Krieg aus Sicht des Westens gleichgesetzt mit Säuberungen, Schauprozessen und totalitären Staaten. Marx wurde von den Einen verehrt und von den Anderen verurteilt. Nach dem Ende des Sowjetkommunismus galt er als mausetot.

„Das, was man gemeinhin als Marxismus bezeichnete, beruhte von Anfang an auf einer zweifellos selektiven Ansicht darüber, was als Theorie zu gelten hatte, nicht nur im Hinblick auf mögliche Häretiker, sondern auch in Bezug auf Marx selbst“, schreibt der britische Historiker Gareth Stedman Jones in seiner kürzlich erschienenen Marx-Biographie.

Marx zum Propheten zu verklären, war sicherlich verkehrt. Ihn neu zu lesen, ihn gegen den Strich zu lesen, empfiehlt der Münchner Philosoph und Politikwissenschaftler Florian Roth in seinem Beitrag in dieser revue-Ausgabe. Darin zeigt sich, wie aktuell Marx‘ Analyse des Kapitalismus in Zeiten der Globalisierung ist. Ein Jahrzehnt nach dem Ausbruch der weltweiten Finanzkrise, in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Ungleichheit, stellen sich die Fragen, wie diese verschärfte Polarisierung überwunden werden und ob das Wachstum ewig währen kann. Ferner aber auch die Frage nach der Zukunft der Arbeit unter den Vorzeichen der digitalen Revolution.

Nicht mit der Revolution, aber mit dem politischen Alltag haben die Gewerkschaften zu tun, wenn sie den Arbeitnehmern „in ihren Kämpfen mit den Unternehmen als Schutzwehr dienen“, wie es Marx in seiner Schrift „Das Elend der Philosophie“ ausdrückte. Die Gewerkschaften von heute sind ein Zahnrad im Räderwerk des Sozialstaats. Sie kämpfen, wie es OGBL-Präsident André Roeltgen zum 1. Mai formulierte, gegen Lohndumping, fordern eine starke öffentliche Investitionspolitik, eine Umsetzung der sozialen Rechte in europäische und nationale Rechte, sind gegen strukturelle Reformen, die arbeitnehmerfeindlich sind, und treten für eine Stärkung von gewerkschaftlicher Mitbestimmung und Tarifautonomie ein.

Globale Unternehmen wie der Satellitenbetreiber SES, von dem die aktuelle Coverstory handelt, stehen für das kapitalistische Erfolgsmodell. Die Gewerkschaften funktionieren im Rahmen des kapitalistischen Systems. Dass Gerechtigkeit innerhalb des Kapitalismus möglich sei, meint Thomas Piketty. Sein Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“, in dem der die Einkommens- und Vermögensungleichheit thematisiert, lässt an Marx denken. Doch anders als dieser sieht der französische Ökonom zum Kapitalismus keine Alternative.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Philippe Reuter

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