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Meditieren mit Ton

Nachhaltigkeit und soziales Handeln, kreative Arbeit und Austausch, Entspannung und Workshops – das alles bietet das offene Keramikstudio, das die Luxemburgerin Anouk Siedler in Wien mitgegründet hat.

Wahrscheinlich ist es Liebe auf den ersten Blick gewesen. Als Anouk Siedler 2011 zum Studium der Menschenrechte nach Wien zieht, verliert sie ihr Herz an die Stadt an der Donau. Allerdings dauert es noch ein Weilchen, bis die sozial engagierte Luxemburgerin die Entscheidung trifft, nicht in ihre Heimat zurückzukehren, sondern in der österreichischen Hauptstadt zu bleiben und sich dort einen lang gehegten Traum zu erfüllen: die Eröffnung eines offenen Keramikstudios. „Ech wollt en Atelier grënnen, an deem ee fräi un eegene Projeten schaffe kann. Ouni musse Coursen ze huelen.“

„Wir haben in der Arbeit mit Ton etwas Meditatives gefunden. Sie bringt eine gewisse Erdung mit sich.“ 
Anouk Siedler

Anfang Juni war es schließlich soweit: Das „rami“ lud zur Einweihungsparty am Volkertmarkt. „Ech schmäissen dat Ganzt awer net eleng“, so Anouk Siedler. In Kate Thompson und Teresa Dolezal, mit denen sie sich an der Uni angefreundet hat, hat sie Gleichgesinnte gefunden. Mit ihrem Background in Kultur- und Sozialanthropologie sowie Psychologie und Sozialpädagogik geht es dem Gründerinnentrio nicht allein darum, Hobbykünstlern einen Ort zum kreativen Arbeiten zu bieten und gleichzeitig die Wiener Keramik-Community zu unterstützen. Die Philosophie ihrer Werkstatt basiert zudem auf gemeinschaftlichen und nachhaltigen Grundgedanken. Ungebrannter Ton wird recycelt und wiederverwertet. Müll soll möglichst vermieden, der Wasserverbrauch auf niedrigstem Niveau gehalten werden. LED-Glühbirnen helfen beim Ökostromsparen.

Zudem sind Anouk Siedler und ihre Partnerinnen der Meinung, dass bereits die Auseinandersetzung mit handgemachter Keramik Teil einer Entwicklung zu einer nachhaltigeren Gesellschaft sei. Denn allein dadurch, dass Dinge vor Ort hergestellt werden, werden Frachtkosten für fossile Brennstoffe reduziert. Darüber hinaus könnte der Trend zum Selbstgemachten die Einstellung zu Konsum und Materialismus verändern. Produkte, mit denen man eigene Erfahrungen und Erinnerungen sowie langwierige Prozesse verbindet, würden weniger schnell ausgetauscht. Aber kauft man deshalb weniger?

So vorbildlich das Anliegen des „rami“-Teams auch ist, Gutes für die Erde und die Gemeinschaft zu tun, das Töpfern steht schon im Vordergrund des Projekts. Im Keramikshop werden Keramikbedarf und Keramikkunst aus verschiedenen Regionen der Welt angeboten. Es gibt themenspezifische Workshops für Anfängerinnen und Fortgeschrittene sowie Kinder- und Intensivkurse. Das Kennenlernen des Studios und der freien kreativen Arbeit ist mit einem Tagespass möglich. „Feste“ Arbeitsplätze für persönliche Projekte mit Ton werden vermietet. „Mir organiséieren och reegelméisseg Events, fir datt d’Leit aus dem Quartier der Aarbécht mat Toun méi no kommen.“

Dazu kommt die soziale Komponente. Geplant sind beispielsweise Projekte mit diversen marginalisierten Gesellschaftsgruppen. Die therapeutischen Effekte bei der Keramikherstellung hätten nämlich durchaus positive Auswirkungen und könnten vielen Menschen mit besonderen Bedürfnissen oder in Konfliktsituationen helfen. Die „rami“-Gründerinnen selbst vergleichen das Formen und Brennen von Ton mit Meditation und Yoga. Das Töpfern bringe eine gewisse Erdung mit sich. Weil man sich mit dem Körper, den Gedanken und der Umgebung auseinandersetzt, in einem Prozess mit Erde, Wasser, Luft und Feuer etwas Persönliches ausdrückt und am Ende ein greifbares Produkt in der Hand hält. Klingt gleichermaßen einleuchtend und esoterisch.

Kunsttherapie ist zwar eine relativ junge therapeutische Disziplin, aber bereits im 18. Jahrhundert setzte Francisco de Goya Tiere der Nacht in Szene, um der Dämonen und Ungeheuer Herr zu werden, die sein Inneres beherrschten. Im Europa des 20. Jahrhunderts war der Psychiater Leo Navratil einer der ersten, der seine Patienten zu künstlerischer Tätigkeit anregte. 1981 gründete er auf dem Gelände des Gugginger Krankenhauses bei Wien das Haus der Künstler als Zentrum für Kunst- und Psychotherapie. Dass Anouk Siedler und ihre Kolleginnen aus ähnlichen Beweggründen einen Ort in der Hauptstadt Österreichs geschaffen haben, an dem man entweder allein oder mit anderen zusammen kreativ arbeiten (und entspannen) kann, ist selbstverständlich reiner Zufall.

Dass die Herstellung von Gefäßen, Skulpturen und anderen Werkstücken aus Keramik eine lange kunst- und kulturgeschichtliche Entwicklung hat, die bis circa 6.000 Jahre vor Christus zurückreicht, spielt indes eine konkrete Rolle für die Gründerinnen von „rami“. Tradition und Handwerkskunst sind ihnen genauso wichtig wie die vielfältige Formensprache der modernen Keramikkunst. Was beides vereint, ist die Feststellung, dass die Herstellung von Tonwaren seit ihren Anfängen auch für die dekorative Gestaltung des Ambientes des Menschen bestimmt war. Wie etabliert Keramik im Kunstbetrieb mittlerweile ist, bezeugt sowohl die Zahl von privaten und öffentlichen Keramiksammlungen und Keramikmuseen als auch die Fülle von Zeitschriften, die die Entwicklungen der aktuellen Keramikszene verfolgen und analysieren – ein weites Feld.

„Unser Co-making-Studio ist die optimale Lösung für alle, die sich intensiv mit Ton und Keramik befassen möchten, aber kein eigenes Atelier haben und nicht zu Hause arbeiten können.“
Anouk Siedler

Teresa Dolezal, Anouk Siedler, Kate Thompson

Noch sind Anouk Siedler, Kate Thompson und Teresa Dolezal vor allem damit beschäftigt, ihre Co-making-Werkstatt bekannt zu machen, aber die Förderung des Verständnisses traditioneller Töpferkunst als Beitrag zur globalen Keramikkultur soll keine Zukunftsmusik bleiben. „Mir wäerten eis beméien, och op manner bekannt Keramiken aus ganz verschiddene Länner opmierksam ze maachen.“ Es gäbe noch vieles in diesem Bereich zu entdecken. Entdeckenswert ist natürlich auch das „rami“-Studio. „Mir hunn zu Wien laang no esou engem Atelier gesicht, mee well mir näischt fonnt hunn, hu mir selwer eppes op d’Been bruecht.“ Gleichzeitig haben sie das „rami Artistic Advisory Board“ gegründet, das erfahrene Keramikkünstler aus der ganzen Welt vereint, die ihnen in kreativen Fragen zur Seite stehen und Kurse anbieten.

Ob das Trio noch Zeit für andere Dinge des Lebens hat? „Mir hunn nach souvill wëlles“, lacht Anouk Siedler. Die Liste ihrer Pläne für die Zukunft ist tatsächlich lang. Doch momentan genießt sie auch ein bisschen die Freude darüber, dass ein Traum von ihr Wirklichkeit geworden ist.

Fotos: Mani Froh, rami-Team, Zsofia Karsai, Melanie Van der Donk

www.rami-ceramics.com

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

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Author: Martine Decker

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