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Mehr Bio auf Luxemburgs Feldern

Aufklärung bei der Feldbegehung: Vor Ort werden Produzenten wie Konsumenten über den biologischen Landbau aufgeklärt. (Foto: Bio Lëtzebuerg)

Aufklärung bei der Feldbegehung: Vor Ort werden Produzenten wie Konsumenten über den biologischen Landbau aufgeklärt. (Foto: Bio Lëtzebuerg)

Text: Renée Ries

Die Nachfrage der Konsumenten nach Bioprodukten ist hoch. Dennoch arbeiten nur drei Prozent der heimischen Produzenten nach ökologischen Kriterien. Das „Institut fir biologesche Landbau an Agrarkultur“ will die Attraktivität des Biolandbaus deutlich machen – mit Beratung, Förderung und Forschung. Fotos: Ute Metzger, IBLA, Bio Lëtzebuerg

Landwirt Johny Bertrand hat den Traktor eigens für die Fotoaufnahmen aus seiner Scheune in Uebersyren geholt. Unbekümmert klettern die jungen Wissenschaftlerinnen auf das PS-starke Fahrzeug, machen sich an seinen wuchtigen Reifen die Hände schmutzig. Aber das stört keinen, am wenigsten sie selbst. Sie sind den Umgang mit landwirtschaftlichem Gerät gewohnt, mit Ackerpflanzen und grober Erde. Die Umweltwissenschaftlerin Evelyne Stoll, die Agraringenieurinnen Steffi Zimmer und Dr. Hanna Heidt sowie Praktikantin Michelle Schaltz sind verantwortlich für die Forschungsprojekte des IBLA, des „Institut fir biologesch Landwirtschaft an Agrarkultur“.

Auf den ersten Blick erscheint das Forschungsteam klein, doch das sei sein Wirkungsfeld Luxemburg schließlich auch, meint IBLA-Direktor Raymond Aendekerk schmunzelnd. Dennoch sei die Gründung des Institutes für die heimische Bio-Landwirtschaft sehr wichtig gewesen. „Davor gab nur die 1988 gegründeten Bio-Vereine Demeter und Bio-LABEL Lëtzebuerg, die damals wie heute die politischen Interessenvertreter der Biobauern sind. Im Gegensatz zum Ausland gab es jedoch kein Institut, das sich wissenschaftlich mit dem Thema beschäftigt hat, das Forschung betreibt, Beratung anbietet und eine neutrale, nichtpolitische Dokumentation anstrebt.“

„Die Biobauern haben bereits vor 20 Jahren gewusst, dass Wasserschutz und Ökolandwirtschaft eng miteinander verbunden sind“ Raymond Aendekerk, IBLA-Direktor

2007 haben die beiden Vereine, Bioproduzenten sowie mehrere Privatpersonen sich zusammengetan und das IBLA gegründet. Starke Unterstützung haben sie vom Schweizer Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FIBL) erfahren, das an ähnlichen Institutsgründungen in Österreich, Deutschland, Tschechien, Slowenien und anderen Ländern beteiligt war und mit dem die Luxemburger noch heute eng zusammenarbeiten. Nach der Gründung sei „ein Jahr lang erst mal nichts passiert“, wie der 54-jährige Agraringenieur Aendekerk berichtet. Dann aber kam der Stein ins Rollen. Ein dreiköpfiges Beraterteam für die Bereiche Bio-Ackerbau, -Tierhaltung und -Weinbau wurde engagiert, eine Mitarbeiterin führte einen ersten Feldversuch durch. 2010 stieß Steffi Zimmer zum Forschungsteam, 2013 folgte Evelyne Stoll, 2014 Dr. Hanna Heidt.

Die Versuche mit neuem Saatgut nehmen viel Zeit in Anspruch. Drei Jahre lang wird jede Sorte auf den beiden Versuchsfeldern in Colmar-Berg und Hüpperdingen auf Widerstandfähigkeit und Ertrag getestet, bei jährlich wechselnden klimatischen Bedingungen, erklärt die 28-jährige Evelyne Stoll. Dann werden die Empfehlungen des IBLA an die Biolandwirte geschickt. Ebenso intensiv werden Leguminosen studiert, das Fachgebiet von Steffi Zimmer, die ihre Doktorarbeit darüber schreibt. Hülsenfrüchtler, z.B. Erbsen, Bohnen, Soja oder Klee, binden den Stickstoff in der Luft und geben ihn in den Boden ab. Die Pflanze hat dadurch ausreichend Nährstoffe und muss nicht gedüngt werden.

Zahlen zum biologischen Landbau

  • 154,6 Euro haben die Luxemburger im Jahr 2013 durchschnittlich für Biolebensmittel gezahlt. Weltweit geben nur die Dänen (163,3 Euro) und die Schweizer (206,2) mehr für Öko-Produkte aus.
  • 2014 zählt die heimische Bio-Landwirtschaft 119 Produzenten, darunter 60 Landwirte, 14 Gemüsebauern, 12 Winzer, 9 Obstbauern und 18 Bienenzüchter.
  • 4.200,9 Hektar werden in Luxemburg nach ökologischen Kriterien bewirtschaftet. Das sind gerade mal 3,21 Prozent der landwirtschaftlichen Gesamtfläche.

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Nach der Ernte findet auch die Folgeaussaat, z.B. Weizen, sehr gute Bedingungen vor. „Außer Kleegras wurden hierzulande kaum noch Leguminosen als Futter- oder Düngepflanzen angebaut, denn der Preis für konventionellen mineralischen Dünger war niedrig, ebenso der Sojapreis. 80% des in Europa benötigten Futtersojas wird daher importiert, aus Argentinien, Brasilien oder den USA, was außer dem Abholzen des Regenwaldes auch andere negative Konsequenzen hat. In Europa möchte man die ,Eiweißlücke’ wieder schließen und vermehrt Leguminosen anbauen.“

Die meisten Versuche mit Pflanzen und Anbaumethoden wurden im Ausland zwar bereits durchgeführt, oft sei es aber notwenig, sie speziell für den Standort Luxemburg zu wiederholen, schildert die 29-jährige Steffi Zimmer die IBLA-Forschungsagenda. Denn oft sei es so, dass selbst unumstößliche Ergebnisse sowohl von den Produzenten wie von der Politik nur dann als „wahr“ akzeptiert würden. Wie beim Thema Wasserschutz, das seit letztem Herbst in aller Munde ist: weil er so schlecht ist, der Staat die Wasserrahmenrichtlinien und EU-Verordnungen nicht einhalten kann und deshalb Strafe zahlen muss. „Die Biobauern haben bereits vor 20 Jahren gewusst, dass Wasserschutz und Ökolandwirtschaft eng miteinander verbunden sind“, mahnt Raymond Aendekerk. „Im Ausland wird das schon lange so gehandhabt: München ist ein Vorreiter, und in Dresden und in Leipzig sind sie ebenfalls sehr weit. Doch erst nachdem nun herausgekommen ist, wie viele Schadstoffe sich tatsächlich im Luxemburger Wasser befinden, ist mehr Bewegung in die Diskussion gekommen. So langsam reift die Erkenntnis, dass Prävention in Kombination mit biologischer Landwirtschaft tatsächlich etwas bringt.“

Das IBLA ist daher in Zusammenarbeit mit dem Wasserwirtschaftsamt mit einem Projekt beschäftigt, wie man den ökologischen Landbau nutzen kann, um die heimische Wasserqualität zu verbessern. „Das geschieht dadurch, dass keine Pestizide eingesetzt werden und sehr viel weniger gedüngt wird“, erklärt Dr. Hanna Heidt. „Biologische Landwirtschaft hat ohnehin positivere Auswirkungen – nicht nur auf das Wasser, sondern auch auf die Artenvielfalt, den Klimaschutz, die Bodenerosion“, fügt die 31-Jährige hinzu.

Ein wenig enttäuscht ist man im IBLA über den stagnierenden Zuwachs an Bioproduzenten. Waren es 1988 zwölf Betriebe, die auf biologischen Landbau umgestellt hatten, konnte die Anzahl im Lauf von fast dreißig Jahren nur auf 73 gesteigert werden. In Luxemburg wird demnach lediglich auf 3,21% aller landwirtschaftlichen Flächen mit biologischen Methoden gearbeitet. „Betrachtet man Länder wie Österreich, das 20% Biobetriebe zählt, oder Dänemark, das sogar rund 30% hat, sieht man, dass dort ganz klar eine ganz andere Politik verfolgt wurde. Da stimmen die Subventionierung, die Vermarktung und die Konsumentenaufklärung“, meint Raymond Aendekerk. Dabei sei die Nachfrage bei Luxemburger Konsumenten sehr hoch, wirft Steffi Zimmer ein. „Bei den Pro-Kopf-Ausgaben für Bioprodukte steht Luxemburg in der EU an dritter Stelle. Bei den Produzenten rangieren wir dagegen im letzten Drittel.“ Das Resultat: 80% aller hier verkauften Bioprodukte müssen importiert werden.

80 Prozent aller hier verkauften Bioprodukte müssen importiert werden.

Als einen der Gründe, weshalb Luxemburger Produzenten Bedenken bei der Umstellung haben, sieht Raymond Aendekerk im Subventionierungssystem: „In unserer Vergleichstudie haben wir gezeigt, dass die Biobetriebe finanziell deutlich benachteiligt wurden. Sie haben weniger Erträge, dafür aber mehr Aufwand und müssen daher gefördert werden, um mit den konventionellen Betrieben wenigstens auf einer Höhe zu sein. Ihre außerordentlichen Umweltleistungen – z.B. Artenvielfalt, Umweltschutz oder Energieeinsparungen – kommen schlussendlich der Gesamtgesellschaft zugute, und das sollte finanziell entsprechend gewürdigt werden.“

Dieser Wunsch scheint nun in Erfüllung zu gehen. Wie das Landwirtschaftsministerium hofft, soll der neue Aktionsplan für ökologischen Land- und Weinbau dessen Attraktivität erhöhen. Ist das neue Agrargesetz erst einmal in Kraft getreten, fallen für die Bioproduzenten die Subventionen erheblich höher aus als bisher. Ein Schritt in die richtige Richtung.

Das IBLA-Forschungsteam: Evelyne Stoll, Dr. Hanna Heidt, Steffi Zimmer, Michelle Schaltz und Direktor Raymond Aendekerk. (Foto: Ute Metzger)

Das IBLA-Forschungsteam: Evelyne Stoll, Dr. Hanna Heidt, Steffi Zimmer, Michelle Schaltz und Direktor Raymond Aendekerk. (Foto: Ute Metzger)

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Author: Philippe Reuter

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