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Meister & Gentleman

Karatekämpfer Jordan Neves hat sich kontinuierlich gesteigert. Sein Trainer, der aus Syrien geflohene Ex-Champion Suheil Zein El Abedin, bereitet ihn auf die Junioren-WM in Jakarta vor.

Fotos: Georges Noesen

Jordan Neves verbeugt sich kurz, als er die Matte betritt. Er richtet seinen Blick auf den Gegner und beginnt leicht zu tänzeln. Die beiden jungen Männer in ihren weißen Karateanzügen belauern einander. Um sie herum sitzen die anderen Karateka am Mattenrand. Yannick Charlé attackiert Jordan mit einem schnellen Hieb, doch dieser kann den Angriff seines Sparringpartners abwehren und holt im Bruchteil einer Sekunde mit seinem linken Bein aus. Der Tritt sitzt. Treffer.

Die Bewegungen des jungen schlaksigen Mannes aus Niederkorn wirken leichtfüßig, doch in jeder steckt volle Konzentration. „Das ist seine Stärke, neben seiner Größe und seiner Schnelligkeit“, sagt Fred Charlé, Yannicks Vater und Präsident des Differdinger Karateclubs. „Jordan ist äußerst motiviert und diszipliniert. Sein Wille ist beeindruckend. Er kann beißen und gibt nicht auf.“

„Er kann Champion werden.“ Suheil Zein El Abedin über Jordan Neves

Charlé steht am Rand der Matte im Dojo, dem Trainingszentrum in Oberkorn. „Das konsequente Training hat sich bezahlt gemacht. Vor ein paar Jahren galt Jordan noch nicht als großes Talent. Andere verlieren in der Zwischenzeit die Lust am Karate, geben auf und widmen sich anderen Dingen, wenn sie in die Pubertät kommen. Aber er hat sich kontinuierlich verbessert und hochgearbeitet.“

Zwei Mal in der Woche trainiert Jordan in Differdingen, zwei Mal im Nationalkader unter den Trainern Michael Lecaplain und Tamara Schuh, hinzu kommen die Trainingseinheiten unter den beiden Coaches im Sportlycée, das er im fünften Jahr besucht und das dem Schüler der 3ème Science économique die optimalen Voraussetzungen biete, wie er sagt. Und das, ohne dass seine Schulleistungen darunter zu leiden hätten, bemerkt sein Vater Nelson Neves stolz. Als Fünfjähriger hat Jordan mit Karate angefangen. In wenigen Tagen wird er 17. Erst in den vergangenen Jahren erntet er allmählich die Früchte seines Trainings. Mittlerweile zählt Jordan zu den jungen Hoffnungsträgern unter den Luxemburger Karateka.

Von den etwa 15 Turnieren, an denen er pro Jahr teilnimmt, sind mehr und mehr Wettbewerbe im Ausland – in Deutschland, Italien, Österreich und der Schweiz belegte er vordere Plätze, einige davon auf dem Podium. Zwei Tage vor unserem Treffen ist er im tschechischen Pilsen in seiner Gewichtsklasse bis 61 Kilogramm Zweiter geworden. Er traf auf Gegner, die mehr Erfahrung haben als er.

Auf der internationalen Bühne werde mit harten Attacken gekämpft, die nicht immer Jordans Sache seien, stellt Fred Charlé fest. „Er hat die besten Voraussetzungen, aber manchmal ist er zu fein, zu brav. Er ist eben ein Gentleman.“ Um zu gewinnen, müsse er härter werden. Auch in seinen nächsten Kämpfen in Zypern und dann Anfang November bei der WM der Junioren vom 12. bis 15. November in der indonesischen Hauptstadt Jakarta, wo Jordan als einer von neun Nachwuchskämpfern (siehe Kasten S.32) den wichtigsten Auftritt das Jahres hat.

„Er ist nicht nur ein guter Trainer, sondern auch Pädagoge.“ Jordan Neves über Suheil Zein El Abedin

Erneut setzt das Nachwuchstalent einen Tritt an die richtige Stelle beim Trainingsgegner, begleitet von einem Kiai, einem Kampfschrei. Der leicht untersetzte Mann in unmittelbarer Nähe, der den Fight die ganze Zeit beobachtet hat, geht zwischen die beiden Karateka und unterbricht diese in ihrem Eifer. Suheil Zein El Abedin coacht die Aktiven des Differdinger Vereins, unter denen ebenso Primärschüler wie auch Jugendliche sind, sowohl Jungen als auch Mädchen. „Er ist nicht nur ein guter Trainer“, sagt Jordan über den Syrer, „sondern auch Pädagoge.“ Suheil hat ihn seit September unter seinen Fittichen.

Der Trainer bringt dem jungen Kämpfer bei, was er besser machen muss, um sich auf internationaler Ebene durchzusetzen. Suheil spricht aus Erfahrung. Der 44-Jährige hat eine lange Karriere hinter sich. Er gewann unzählige Wettkämpfe, war Mitglied des syrischen Nationalteams, stand in drei Kontinenten auf der Matte und wurde 1993 Asienmeister. „Karate ist mein Leben“, sagt er und zeigt mit dem Finger auf seine Brust. Der Krieg in Syrien hat sein Leben und das seiner Familie in Gefahr gebracht. Im Jahr 2012 ist er mit seiner Frau und seinen sechs Kindern aus Dara, einer Stadt im Südwesten Syriens, ins benachbarte Jordanien geflohen.

Jordan-Neves-15---008 Als Gegner des Assad-Regimes musste Suheil schon früh unter den Schikanen der Polizei leiden. Er wurde inhaftiert und in Gefangenschaft gefoltert. In Jordanien, wo die Familie zwei Jahre lebte, war sie zwar in Sicherheit, aber es gab dort weder Arbeit noch eine Perspektive für die meisten der rund Dreiviertelmillionen Flüchtlinge aus Syrien, die das Land seit Kriegsbeginn aufgenommen hat. Es war ein echter Glücksfall für die Familie, dass das UN-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) sie zusammen mit den anderen Familien unter tausenden Flüchtlingen auserwählte und ausreisen ließ. Reiseziel: Luxemburg „Wir wussten nichts über das Land“, sagt Suheil. „Aber es konnte nicht schlecht sein. Die Leute hier mussten so sein wie jene in Deutschland oder Frankreich.“

Im April 2014 kam ein Kontingent von vier syrischen Flüchtlingsfamilien ins Großherzogtum. „Als wir auf dem Luxemburger Flughafen eintrafen, wurden wir von Vertretern der Regierung empfangen“, erzählt Suheil. „Wir wurden nicht einfach wie normale Leute empfangen, sondern fast wie Staatsgäste.“ Der Syrer hat noch viele Angehörige in seiner Heimat, darunter zwei Brüder. „Ich telefoniere mit ihnen“, sagt er. „Manchmal rufe ich meine Geschwister und Verwandten an, um zu hören, dass sie noch am Leben sind.“ Ein weiterer Bruder und eine Schwester leben in Jordanien.

Er sei Luxemburg dankbar, sagt der Syrer. Nun wolle er aus Dank dem Land etwas zurückgeben. Unter anderem deshalb trainiert er die jungen Karateka von Differdingen. Mit viel Geduld bringt er den Jugendlichen und Kindern im Dojo von Oberkorn die Techniken und Kniffe der japanischen Kampfkunst bei, die aber ihre Wurzeln in China hat. Seine Schützlinge schauen ihm gebannt zu, wenn er seine Tricks zum Besten gibt, und folgen aufmerksam seinen Worten. Der Syrer, der in einem Kurs Französisch büffelt, spricht im Training vor allem Englisch. Unter seinen Schülern ist sein 13-jähriger Sohn Hassan. „Er soll einmal Champion sein – für Luxemburg“, sagt Suheil und seine Augen leuchten kurz auf. Zuerst will er aber Jordan Neves auf die WM vorbereiten. „Jordan ist sehr gut“, weiß Suheil. „Aber er benötigt noch Zeit.“ Außerdem brauche sein Schützling noch mehr Kraft und müsse aggressiver werden.

Junioren-WM in Indonesien

Weitere Luxemburger Teilnehmer der Fédération Luxembourgeoise des Arts Martiaux (FLAM) bei der Karate-Weltmeisterschaft Cadets und Junioren in Jakarta von 12. bis 15. November:

Kumite
• Allison Berna (Junioren -59kg)
• Philippe Biberich (U21 -67kg)
• Kimberly Nelting (Cadettes -54kg)
• Joe Roob (Junioren +76kg)
• Cassy Schmit (U21 -55kg)
• Laura Zentis (Junioren +59kg)
• Lena Da Narare (Junioren -53kg)

Kata
• Céline Henry

Trainer:
Michael Lecaplain,
Claude Mazzoleni,
Stephanie Bel-Iahsen

Schiedsrichter:
Jean Claude Roob

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„Er kann Champion werden“, sagt der Trainer über Jordan. „In den nächsten Monaten heißt es auch, seine Kondition zu verbessern und seine Schnelligkeit zu steigern.“ Der knapp 17-Jährige schätzt die Trainingsmethoden seines neuen Coaches, der immer wieder den Trainingsfight unterbricht und die beiden Kämpfer zur Seite nimmt, um Detail für Detail zu besprechen. „Das Training ist anders“, sagt sein Sparringpartner Yannick Charlé, der auch sein Konditionstrainer ist. „Es ist härter. Außerdem sind es spezifische Methoden. Es werden verstärkt Kampfsituationen trainiert. Mit allen Tricks, die ein erfahrener Kämpfer wissen muss.“

Jordan ist sich bewusst, dass er „intelligenter“ kämpfen muss. Kürzlich in Tschechien lag er eins zu null vorne und hat dann den Sieg im Finalkampf dennoch aus der Hand gegeben. „Ich muss meine Taktik ändern“, gesteht er. Die Hälfte seiner Gegner, auf die er in Jakarta treffen wird, kenne er bereits. „Ich habe bereits gegen einige gekämpft“, sagt er. Drei Gegner, die er in Indonesien wiedertrifft, hat er in Tschechien besiegt. Beim Karateturnier der kleinen Staaten in Zypern hat er seine gute Form bestätigt und in seiner Gewichtsklasse den ersten Platz belegt. Den Willen zum Sieg hat er. Nun muss er nur noch den „Gentleman“ in sich ablegen. Damit aus ihm ein Champion wird. Mit Hilfe des Altmeisters aus Syrien – und mit Karate im Herzen.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Martine Decker

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