Von den etwa 15 Turnieren, an denen er pro Jahr teilnimmt, sind mehr und mehr Wettbewerbe im Ausland – in Deutschland, Italien, Österreich und der Schweiz belegte er vordere Plätze, einige davon auf dem Podium. Zwei Tage vor unserem Treffen ist er im tschechischen Pilsen in seiner Gewichtsklasse bis 61 Kilogramm Zweiter geworden. Er traf auf Gegner, die mehr Erfahrung haben als er.
Auf der internationalen Bühne werde mit harten Attacken gekämpft, die nicht immer Jordans Sache seien, stellt Fred Charlé fest. „Er hat die besten Voraussetzungen, aber manchmal ist er zu fein, zu brav. Er ist eben ein Gentleman.“ Um zu gewinnen, müsse er härter werden. Auch in seinen nächsten Kämpfen in Zypern und dann Anfang November bei der WM der Junioren vom 12. bis 15. November in der indonesischen Hauptstadt Jakarta, wo Jordan als einer von neun Nachwuchskämpfern (siehe Kasten S.32) den wichtigsten Auftritt das Jahres hat.
„Er ist nicht nur ein guter Trainer, sondern auch Pädagoge.“ Jordan Neves über Suheil Zein El Abedin
Erneut setzt das Nachwuchstalent einen Tritt an die richtige Stelle beim Trainingsgegner, begleitet von einem Kiai, einem Kampfschrei. Der leicht untersetzte Mann in unmittelbarer Nähe, der den Fight die ganze Zeit beobachtet hat, geht zwischen die beiden Karateka und unterbricht diese in ihrem Eifer. Suheil Zein El Abedin coacht die Aktiven des Differdinger Vereins, unter denen ebenso Primärschüler wie auch Jugendliche sind, sowohl Jungen als auch Mädchen. „Er ist nicht nur ein guter Trainer“, sagt Jordan über den Syrer, „sondern auch Pädagoge.“ Suheil hat ihn seit September unter seinen Fittichen.
Der Trainer bringt dem jungen Kämpfer bei, was er besser machen muss, um sich auf internationaler Ebene durchzusetzen. Suheil spricht aus Erfahrung. Der 44-Jährige hat eine lange Karriere hinter sich. Er gewann unzählige Wettkämpfe, war Mitglied des syrischen Nationalteams, stand in drei Kontinenten auf der Matte und wurde 1993 Asienmeister. „Karate ist mein Leben“, sagt er und zeigt mit dem Finger auf seine Brust. Der Krieg in Syrien hat sein Leben und das seiner Familie in Gefahr gebracht. Im Jahr 2012 ist er mit seiner Frau und seinen sechs Kindern aus Dara, einer Stadt im Südwesten Syriens, ins benachbarte Jordanien geflohen.
Als Gegner des Assad-Regimes musste Suheil schon früh unter den Schikanen der Polizei leiden. Er wurde inhaftiert und in Gefangenschaft gefoltert. In Jordanien, wo die Familie zwei Jahre lebte, war sie zwar in Sicherheit, aber es gab dort weder Arbeit noch eine Perspektive für die meisten der rund Dreiviertelmillionen Flüchtlinge aus Syrien, die das Land seit Kriegsbeginn aufgenommen hat. Es war ein echter Glücksfall für die Familie, dass das UN-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) sie zusammen mit den anderen Familien unter tausenden Flüchtlingen auserwählte und ausreisen ließ. Reiseziel: Luxemburg „Wir wussten nichts über das Land“, sagt Suheil. „Aber es konnte nicht schlecht sein. Die Leute hier mussten so sein wie jene in Deutschland oder Frankreich.“
Im April 2014 kam ein Kontingent von vier syrischen Flüchtlingsfamilien ins Großherzogtum. „Als wir auf dem Luxemburger Flughafen eintrafen, wurden wir von Vertretern der Regierung empfangen“, erzählt Suheil. „Wir wurden nicht einfach wie normale Leute empfangen, sondern fast wie Staatsgäste.“ Der Syrer hat noch viele Angehörige in seiner Heimat, darunter zwei Brüder. „Ich telefoniere mit ihnen“, sagt er. „Manchmal rufe ich meine Geschwister und Verwandten an, um zu hören, dass sie noch am Leben sind.“ Ein weiterer Bruder und eine Schwester leben in Jordanien.
Er sei Luxemburg dankbar, sagt der Syrer. Nun wolle er aus Dank dem Land etwas zurückgeben. Unter anderem deshalb trainiert er die jungen Karateka von Differdingen. Mit viel Geduld bringt er den Jugendlichen und Kindern im Dojo von Oberkorn die Techniken und Kniffe der japanischen Kampfkunst bei, die aber ihre Wurzeln in China hat. Seine Schützlinge schauen ihm gebannt zu, wenn er seine Tricks zum Besten gibt, und folgen aufmerksam seinen Worten. Der Syrer, der in einem Kurs Französisch büffelt, spricht im Training vor allem Englisch. Unter seinen Schülern ist sein 13-jähriger Sohn Hassan. „Er soll einmal Champion sein – für Luxemburg“, sagt Suheil und seine Augen leuchten kurz auf. Zuerst will er aber Jordan Neves auf die WM vorbereiten. „Jordan ist sehr gut“, weiß Suheil. „Aber er benötigt noch Zeit.“ Außerdem brauche sein Schützling noch mehr Kraft und müsse aggressiver werden.