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Mens Sana in Campari Soda

Die nationale Stock-Car-Föderation FLSC feiert ihr 50-jähriges Bestehen. Als sie 1969 aus der Taufe gehoben wird, haben die Luxemburger ihr blau qualmendes Wunder bereits längst hinter sich und den ersten Schreck unbeschadet überstanden, denn bereits am 27. Juni 1954 fand das allererste Stock-Car-Rennen auf dem Limpertsberg statt. (Aufmacherfoto: Bettborn 1964)

Das Tageblatt vom 26. Juni 1954 fiebert im Vorfeld bereits heftig mit und wittert „sensationelle Konsequenzen“, werden doch vermutlich „alle Verkehrsvorschriften über den Haufen“ gefahren. Das Gerangel zwischen den Strohballen wird im Bild festgehalten und sofort nachgereicht, nach dem Motto „Seeing is believing“.

Die Resonanz in den Medien könnte unterschiedlich nicht ausfallen. Das Tageblatt schlägt zwar auch nicht gerade Purzelbäume der grenzenlosen Bewunderung, äußert sich dennoch merklich amüsiert über das proletarische Spektakel. Die Krawallorgie, so erzählt man sich hinter vorgehaltener Hand, soll aus Texas kommen. Woher sonst. Das Luxemburger Wort, auf der anderen Seite der ideologischen Barrikaden verschanzt, hüllt sich in vornehmes Schweigen. Das Bistumsblatt wirft nicht den ersten Stein, erwähnt dieses ambulante Sodom und Gomorrah allerdings auch mit keiner Silbe. Interessant ist die Reaktion im Lëtzbuerger Land. Das dem besser verdienenden Kulturbürger verpflichtete Premiumblatt entrüstet sich mit Hingabe und schlägt die von endlosen Voltaire-Bänden geschundenen Akademikerpranken über der in Falten gelegten Denkerstirn zusammen. So geht der Kolumnist (damals freilich noch nicht ahnend, dass sein eigener Sohn einmal mit Gusto und Fachwissen eine langlebige Kolumne über klassische Automobile in der „autorevue“ schreiben würde) sehr hart mit dem unwürdigen Spektakel auf dem Limpertsberg ins Gericht: „Was uns doch Amerika nicht alles gebracht hat!“, fängt die leicht weinerliche Litanei an, und stellt „regelrechte Autorennen“ diesen „neuartigen Rennen“ gegenüber. Letztere kitzelten doch lediglich die Nerven einer schaulustigen Menge (was die „Regelrechten“ demgegenüber im Schilde führen, sagt er nicht), so wie „Catch, Damen-Catch, Rollschuh-Catch, Schlamm-Catch“ (es klingt fast wie ein Fetisch) und der Herr Professor muss mit warnendem Zeigefinger schlussfolgern: „Ein Großteil der Menschheit ist so abgestumpft, daß sie nur noch auf stärkste Reize reagieren. Man kann von einer regelrechten Reizsucht sprechen. Wie der Opiumsüchtige einer immer stärkeren Giftmenge bedarf, um schwebend die Welt als rosigen Traum zu erleben (…).“ Ja, so sind sie nun einmal diese Stock-Car-Fahrer, die tun wirklich alles Erdenkliche, nur um die Welt als rosigen Traum zu erleben. Man merkt, von Opium hat der Mann keinen blassen Schimmer. Über einen Exkurs zu Juvenal schließt sein Exkurs mit der damals schon abgedroschenen Formel vom Brot und von den Spielen. Es wird beileibe nicht das letzte Mal sein, dass „panem et circenses“ würden herhalten müssen.

„Was uns doch Amerika nicht alles gebracht hat!“

Am 27. Juni 1954 findet das allererste Stock-Car-Rennen in Luxemburg statt. Das Tageblatt fiebert im Vorfeld bereits heftig mit und wittert „sensationelle Konsequenzen“, werden auf dem Limpertsberg doch womöglich „alle Verkehrsvorschriften über den Haufen“ gefahren. Das Gerangel zwischen den Strohballen wird im Bild festgehalten
und sofort nachgereicht, nach dem Motto „Seeing is believing“.

Fakt ist, dass zwei ambitionierte und überaus umtriebige Schießbudenfiguren im Paris der Nachkriegszeit das Spektakel in Blech aus den Vereinigten Staaten importieren und ab 1953, also nur ein Jahr ehe die Chose nach Luxemburg herüber schwappt, die Attraktion salonfähig und vor allem lukrativ machen. „Charley Michaelis und Andy Dickson hatten in Chicago im Stau stehend davon Wind bekommen, ließen sich zu einem Rennen fahren und beschlossen, die Disziplin in Europa zu promoten“, erzählt Freund Sloggy, so eine Art Gralshüter des inoffiziellen Luxemburger Stock-Car-Archivs bei sich zu Hause, während wir auf seinem Sofa sitzen und uns verwackelte und meist unscharfe Super-8-Filme über Rennen der 70er Jahre anschauen, die er eigenhändig mit zeitgemäßer Musik gewürzt hat. Vor uns auf dem zum Cocktailtisch umfrisierten Flipper stehen zwei Bier und dazu noch einige DVD mit „Archivmaterial“. Die zwei „Event Manager“ Michaelis und Dickson, sollten mit dem Palais des Sports im virtuellen Hintergrund, wo sie Radrennen, Boxkämpfe, Rodeos (mit Pferden) und die Harlem Globetrotters auflaufen ließen (es gibt ein Foto, das Michaelis mit den Basketballern und Papst Pius XII. bei der Audienz 1951 im Vatikan zeigt), den Stock-Car-Zirkus erst in Paris und dann, nachdem die 15.000 Zuschauer fassende Arena des „Buffalo“ in Montrouge, südlich von Paris, die Schotten 1955 dicht macht, weiter draußen in der so genannten „Banlieue“ etabliert. Dazu gehörte offensichtlich auch bereits Luxemburg.

Niederkorn 1968

Die Startaufstellung der ersten Rennen belegt, dass es sich um eine Art franko-belgischen Wanderzirkus handelte, unter dessen Line-up sich zusehends Lokalmatadoren aus Luxemburg mischten. Seinen größten Kracher landet Michaelis, der im Weltkrieg als Spion für das OSS hinter den Linien tätig gewesen war und später ein Wildwest-Rodeo nach Frankreich brachte – der Gen-Pool der frei gelassenen Pferde ist bis heute in der Camargue nachweisbar – allerdings mit einer völlig anderen, viel sanfteren Show landen: Holiday on Ice. 1984 stirbt der Daniel Düsentrieb des transatlantischen Showgeschäfts in Frankreich, zu dem Zeitpunkt, als auch die V8-Ära im Luxemburger Stock-Car zu Ende geht.

Die Föderation
Im Jahr 1968 bestehen nur noch fünf der vielen Stock-Car-Clubs, die meist in recht kurzlebiger Reihenfolge kometenhaft erschienen und auch wieder schnell verglüht waren. Da ergreift der Club aus Schifflingen die Initiative, die letzten fünf Mohikaner unter einem Dach zu versammeln. Beim Rennen in Brandburg verteilt man Flugblätter, auf denen alle Interessenten dazu eingeladen werden, sich bei einem Dämmerschoppen im November im hauptstädtischen Buffet de la Gare einzufinden, um mögliche sportliche Verflechtungen auszuloten. Es kommt anders als erwartet. Anstatt der Handvoll schräger Vögel, auf die man sich eingestellt hatte, kommen über hundert Leute aus allen Ecken des Landes, eine Delegation ist sogar aus Krautscheid in der Eifel angereist, trotz Schnee und Eisglätte. Die FLSC wird gegründet, ein gewisser Robert Poos zu ihrem ersten Präsidenten erkoren. Im Frühjahr 1969 war es dann so weit: es konnte ganz offiziell und jetzt auch formell und verbrieft losgehen.

Im Frühjahr 1969 war es dann so weit: es konnte ganz offiziell und jetzt auch formell und verbrieft losgehen.

Niederkorn 1979

Im ersten Gründungsjahr organisiert das 1968 gegründete Golden Racing Team vor heimischem Publikum den ersten „Grand Prix de la Ville de Schifflange“ unter dem offiziellen Protektorat der Gemeindeverwaltung. Das Gelände wurde von der Arbed zur Verfügung gestellt, die Piste von den Mannschaften des Stahlkonzerns und eines Escher Unternehmers (Wagner) präpariert. Das Event ist mit 60.000 Franken für die Zeit äußerst gut dotiert – liegt der Eintrittspreis doch bei lediglich 10 Franken pro Kopf und Plautze. Es mussten also mindestens 6.000 Zuschauer auftauchen, nur um das Preisgeld zu erwirtschaften. Es kommen unendlich viele mehr. Bereits 1971, zu einer Zeit, als viele Familien noch überhaupt kein Automobil besaßen, appellieren die Organisatoren des Schifflinger Grand Prix an die Zuschauer, doch bitte der Beschilderung im Dorf zu folgen, um den „1.000 Autos“ fassenden Parkplatz vor Ort zu finden. Das klingt heute nach nicht viel, ist damals aber eine nach Oktoberfest anmutende Dimension. Nicht nur, dass die Unterhaltungsdisziplin – als Sportart wage ich es nicht zu bezeichnen – Publikumsscharen anzieht, von denen der Fußball schon damals nur träumen kann, und Stock-Car auch winzige, verschlafene Nester aus dem ländlichen Raum auf die Landkarte projiziert, es scheint auch sehr wertbeständig. Das Eintrittsgeld für das Rennen in Bruch 1965 (das Kaff hatte zeitweilig zwei eigene Stock-Car-Clubs) war mit 10 Franken ebenso hoch, wie 1969 in Schifflingen. Und Heinz Lagodny gewann auch in Bruch vor 10.000 Zuschauern. Eat that, F91!

Karten werden zu Hunderten bereits im Vorverkauf abgesetzt.

Der Rummel treibt auch die Pressefritzen zu Höchstleistungen ihrerseits an. Nach dem Rennen in Brouch 1965 urteilt ein Journalist im auto-journal: „Gebe Merkur, der Gott des Geldes, daß sie alle bezahlt haben. Welch ein Segen wird sich da über den Veranstalter ergießen.“ Ein paar Stunden später dann die Erleichterung: Die Kasse stimmt und das Auto des Siegers trägt seine Blessuren mit Stolz: „Die Karre sieht aus wie durch die Mangel gedreht.“ Wo man hobelt, fallen bekanntlich Späne, nicht nur beim Material. Beim 68er Rennen in Hosingen fliegt ein Kontrahent von der Strecke in die Menge. Acht Menschen werden verletzt, zwei holländische Touristen dabei schwer.

Esch-Alzette 1973

Karten werden zu Hunderten bereits im Vorverkauf abgesetzt. Man muss sich das nur mal vorstellen. 1962 wird das Rennen im Tageblatt angekündigt. Die guten Nachrichten sind: „Lokalcrack“ Nicolas Koob ist mit von der Partie, und der Vorverkauf lief blendend. Weniger überzeugend hingegen, nach Einschätzung des Schreibers: In Ettelbrück fährt nicht nur der Südafrikaner mit der Nr. 51, Crasy (sic) Pearce, sondern auch (Zitat:) „Bibi Tramonti (Italiener)“. Aber keine Bange, der Verrückte Pearce hat angekündigt, mit seinem „Fordwagen ohne weiteren Schutz eine brennende Benzinlache zu durchfahren“. Das ist, wenn Sie mich fragen, ein wirklich starkes Stück. „Panem et circenses“ vielleicht, aber noch viel mehr „Mens sana in Campari soda“.

Plakat des Christnacher Clubs 1986

Fotos: Collection Carlo Dries, Archiv Tageblatt, Théo Mey, Remo Raffaelli, Jochen Herling (dreimal Photothèque de la Ville de Luxembourg), Archives nationales de Luxembourg

Eric Netgen

Chefredakteur autorevue

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Author: Philippe Reuter

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