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Miles Ahead – Furiose Jazzlegende

Miles Ahead erzählt zwei Tage aus dem Leben von Miles Davis und zeigt den Jazzmusiker als zornig-zerbrechliches Talent. Ein Film, der die Leidenschaft für Jazz weckt.

„Um eine Geschichte zu erzählen, braucht es eine Haltung, man!“ raunt Miles Davis anfangs dem Rolling-Stone-Reporter Dave Brill (Ewan McGregor) zu, der dem Star in dem zweistündigen Film nicht mehr von der Seite weichen wird, obwohl er gleich bei ihrer ersten Begegnung eine Faust ins Gesicht bekommt. Und sicher kann man Don Cheadle für sein Regiedebut „Miles Ahead“, indem der Regisseur persönlich die Hauptrolle des Miles Davis spielt, viel vorwerfen, an Haltung fehlt es seinem Biopic jedoch sicher nicht.

„Miles Ahead“ setzt am Tiefpunkt seiner Karriere, Ende der 1970er Jahre an, als die Jazz-Legende sich nach der Trennung seiner Frau und Muse Frances Taylor (Emayatzy Corinealdi) und zahlreichen Drogen-Exzessen in einer Schaffensblockade befindet. Sein Label Columbia wartet auf neue Musikstücke von ihm, um neue Alben herauszubringen, die sich seiner Zeit schon verkauften wie Zunder.

Zwischen Fast-Food-Mülltüten und Plattenbergen hat sich der Star in seiner New Yorker Wohnung verbarrikadiert und schwelgt in teils düsteren, teils romantizierenden Erinnerungen an seine Vergangenheit. Das ist der Ausgangspunkt des Films, der gar nicht den Anspruch erheben will, chronologisch die Stationen der Jazzlegende abzuarbeiten oder sein Leben und Wirken möglichst detailgetreu nachzuzeichnen, sondern eine ganz eigene Geschichte erzählt. Diese wirkt in weiten Teilen eher wie ein Gangsterfilm, ist dafür aber in einem Tempo gedreht, das einen mitreißt. In rauschenden Bildern folgt man Reporter Dave Brill, wie er sich gemeinsam mit Davis auf die Jagd nach seiner letzten Platte begibt. Schlägereien, Verfolgungsjagden und Schießereien pflastern den Weg dieser fiktiven Story, in der man die Jazzlegende bis zuletzt nicht zu fassen bekommt. Schillernd, selbstherrlich und bisweilen auch verdammt emotional und zerbrechlich wirkt Don Cheadle in der Rolle des sich durchboxenden Afro-Amerikaners Davis. Und niemanden wird es wundern, wenn der Star die Beziehung zu seiner Muse Taylor (deren Porträt einige seiner bekanntesten Platten ziert) mit seinen Eifersuchtsattacken und unter Drogen gegen die Wand fährt. Es ist die Geschichte zweier Diven – einer selbstbewussten, schönen Frau, die ihre Kunst (den Tanz) opfert, um dem traditionellen Rollenverständnis von Davis folgend an seiner Seite zu sein. Eine Beziehung, die zum Scheitern verurteilt ist.

Don Cheadle zeichnet und spielt die Kultfigur Davis mit Verve – dickköpfig, selbstverliebt, zornig und größenwahnsinnig. Anfangs noch sensibel und charmant, später zugekokst durchgeknallt bis exaltiert, in bunten Hemden oder Anzügen, mit dicker Sonnenbrille und Afro wie ein neureicher Aufsteiger und trotzdem immer fasziniert, ja geradezu besessen vom Jazz und davon getrieben, neue experimentelle Formen und Konstellationen zu erproben.

Cover

„Don’t call it Jazz“ – call it social music“, wird er zu Beginn des Films sagen, bevor die Bezeichnung „#social music“ auch schon vermarktet wirkt. Und selbst, wenn dies etwas abgeschmackt wirkt und man die Präsenz seines Konkurrenten John Coltrane gänzlich misst, so erfährt man, dass Davis’ weit mehr produziert hat und seine Musik schräger und vielfältiger war, als sein bekanntes Album „Kind of Blue“. Das Drehbuch ist mitreissend und die Handlung verweist gerade durch die vielen Rückblenden und Sprünge auf die Brüche in dem Leben der Jazzlegende. Ohne sich auch nur eine Sekunde zu langweilen, folgt man dem Geschehen und erliegt am Ende vor allem den mitreissenden Varianten des Jazz – und darin liegt die Faszination dieses Films. Denn selbst, wenn er es nicht schafft, das Leben des Musikers nachzuzeichnen, überträgt sich in „Miles Ahead“ die Leidenschaft für den Jazz auf den Zuschauer.

Laufzeiten

Miles Ahead ★★★★
Regie: Don Cheadle / mit Don Cheadle, Ewan McGregor, Emayatzy Corinealdi / USA 2015, 100 Minuten.

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Author: Philippe Reuter

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