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Mit dem Herzen dabei

Vor zweieinhalb Jahren entschied sich Kamil Rychlicki für eine Profikarriere. Seitdem wird der Volleyballspieler immer besser. Für die Qualifikation zur Europameisterschaft mit dem Nationalteam hat es trotzdem nicht gereicht.

Fotos: Georges Noesen

Diese 2,04 Meter sind schon beeindruckend, wenn sie vor einem stehen. Durch den Zopf, den Kamil Rychlicki neuerdings trägt, kommen sogar noch ein paar Zentimeter oben drauf. Die winzig kleinen Locken wippen bei jeder Bewegung. „Von meinen Eltern habe ich die Locken sicherlich nicht“, erklärt er und lacht. „Eher von meiner Oma.“

Kamil Rychlicki ist gerade 22 geworden. Seit einem halben Jahr lebt er in Italien. Der Porto Robur Costa Ravenna hat ihn für zwei Jahre als Diagonalspieler verpflichtet, in der laufenden Saison mauserte er sich zum Topscorer der Mannschaft. Wichtige Bälle, mit denen gepunktet werden muss, werden ihm zugespielt. Wenn er am Netz zum Angriff springt, geht ihm die 2,43 Meter hohe Kante bis zum Bauchnabel. Dort oben hat er die freie Wahl, wohin er den Ball schlägt: in den Drei-Meter-Raum, gerade oder diagonal in den Rückraum. Diese Wahl hat nicht jeder. Viele Volleyballer sind froh, wenn sie den Ball in eine Richtung gut schlagen können. „Kamil ist wirklich ein Ausnahmetalent“, sagt Torsten Schoof, technischer Direktor des luxemburgischen Volleyballverbandes. „So einen findet man in Luxemburg nicht oft.“

Der Sport sei Kamil Rychlicki in die Wiege gelegt worden, wird häufig über ihn gesagt. Seine Eltern waren beide erfolgreiche Volleyballspieler, mit der polnischen Nationalmannschaft feierte Vater Jacek 1983 die Europavizemeisterschaft, und auch sein zehn Jahre älterer Bruder Damian war aktiver Volleyballer, bevor er sich zum internationalen Schiedsrichter weiterbildete. „Natürlich war Volleyball immer ein Thema in unserer Familie“, erzählt Kamil. „Doch den Wunsch, diesen Sport professionell zu betreiben, bekam ich ganz alleine. Meine Eltern hatten damit nichts zu tun.“

Nachdem er lange für seinen Heimatverein Strassen gespielt hatte, nutzte er vor zweieinhalb Jahren die Chance, Profi zu werden. Für zwei Saisons ging er zu Nliko Maaseik, einem belgischen Spitzenverein. Als er dann im Sommer nach Ravenna wechselte, hatte er gerade mit seinem Team die belgische Meisterschaft gewonnen. Doch der Entschluss, nach Italien zu wechseln, stand da schon längst fest. Es soll die beste Liga der Welt sein. „Ich will keine halben Sachen machen. Wenn ich schon Profi werde, dann will ich auch möglichst viel erreichen“, sagt Kamil.

Seitdem er als Profi spielt, habe sich Kamil Rychlicki verändert, meint Torsten Schoof. Nicht nur spielerisch und physisch sei er viel stärker geworden, auch sein Verhalten beim Training und auf dem Feld sei ein anderes. „Er macht sich anders warm, er geht anders mit seinem Körper um, er ist irgendwie ruhiger geworden.“ Manchmal muss er das Training der luxemburgischen Nationalmannschaft absagen, wie einen Teil der Vorbereitung auf das EM-Qualifikationsspiel gegen Aserbaidschan am vergangenen Wochenende. Er brauchte ein paar Tage Ruhe, das letzte Spiel mit Ravenna hatte erst am 30. Dezember stattgefunden.

„Ich weiß gar nicht, was ich ohne Volleyball machen würde.“ Kamil Rychlicki

Die halbe Saison ist in Italien gespielt, ob Ravenna in den Play-offs dabei ist, wird sich noch zeigen, bislang steht das Team im guten Mittelfeld. „Das Tolle an der italienischen Liga ist, dass es nicht nur zwei, drei Mannschaften gibt, die wirklich gut sind, sondern alle. Natürlich sind die an der Tabellenspitze vielleicht etwas besser, aber der Unterschied zu den anderen ist nicht so groß“, sagt Rychlicki. Dass schon andere Vereine bei ihm angeklopft haben, will er weder bestätigen noch verneinen. Doch darum kümmert sich sein Manager, den er seit vergangenem Jahr hat. „Eigentlich wollte ich immer alles eigenständig machen, habe mich dann aber dafür entschieden, jemanden anzustellen, der die Leute und den Markt besser kennt.“ Seine Erklärung klingt fast wie eine Entschuldigung, als müsse er sich erst noch selbst daran gewöhnen.

Das Profigeschäft im Volleyball ist mit dem von Fuß- oder Basketball nicht zu vergleichen. Astronomische Summen gibt es hier nicht zu verdienen. Doch Kamil Rychlicki kommt gut aus. Und wenn er sieht, was einige der Topspieler der Liga verdienen, dann weiß er, dass man auch als Profi-Volleyballer ein angenehmes Leben haben kann. „Ich habe ja noch Zeit.“ Bis Mitte, Ende Dreißig sind viele Profis aktiv. „Ich bin schon ziemlich weit gekommen, aber es ist erst der Anfang. Natürlich kann es immer in beide Richtungen gehen, weiter nach oben, aber auch wieder nach unten. Das ist die Unsicherheit im Sport: Man weiß nie, wie lange man das mitmachen kann und ob man die Form hält.“ Was nach seiner Volleyball-Karriere kommt, hat er noch nicht geplant. Ein begonnenes Fernstudium habe er abgebrochen, weil er es zeitlich nicht hinbekam, zu den Prüfungen anzureisen, erzählt er. Sich jetzt aber überhaupt für eine Richtung zu entscheiden, falle ihm schwer. „Ich weiß gar nicht, was ich ohne Volleyball machen würde.“

Dass er im luxemburgischen Nationalteam seine Kameraden spielerisch längst überholt hat, ist ihm bewusst. An einen Wechsel zur polnischen Nationalmannschaft denkt er trotzdem nicht. Für Luxemburg zu spielen, bedeutet für ihn auch Heimat. Schließlich ist er schon seit mehreren Jahren fester Stammspieler. Die Chancen des Teams, einmal an großen Turnieren teilzunehmen, schätzt er eher gering ein. „Aber wer weiß? Wenn wir die zwei Spiele noch gut machen, könnten wir zur EM fahren.“

Für Luxemburg zu spielen, bedeutet für ihn auch Heimat.

Eins dieser beiden Qualifikationsspiele ist bislang gelaufen, es fand vergangenen Samstag in Baku gegen Aserbaidschan statt. Im Hinspiel in der Coque hatten die Luxemburger knapp mit 2:3 verloren. Vor heimischem Publikum trumpften die Aserbaidschaner dann richtig auf und besiegten unsere Jungs mit 3:1. Das letzte Spiel gegen Griechenland heute Abend können die Luxemburger also locker angehen, zu verlieren haben sie nichts, aber ein gutes Spiel kann allemal daraus werden.

Wenn man Kamil Rychlicki fragt, was er jungen Volleyballern raten würde, die ähnliche Ambitionen haben wie er, überlegt er kurz und sagt: „Ich kann nur sagen, dass man das, was man mag, mit dem Herzen tun muss. Volleyball hat mir immer Spaß gemacht, ich habe schon früh mein Herz auf dem Feld gelassen und mich für eine Profikarriere entschieden. Mir wurde oft gesagt, dass es nicht möglich sei, von Luxemburg einen professionellen Weg zu, sich hier also genügend auszubilden, um international erfolgreich zu sein. Deshalb bin ich stolz darauf, zu zeigen, dass es doch geht.“

Mit dem belgischen Verein Noliko Maaseik gewann Kamil Rychlicki im vergangenen Jahr die Meisterschaft.

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

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Author: Martine Decker

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