Home » Home » Mit Mut und Vertrauen

Mit Mut und Vertrauen

Vor sieben Monaten wurde bei Nicole Quintus ein Tumor in der Brust entdeckt. Wie sie damit umging und wie ihr Leben weitergeht, hat sie der revue erzählt und sich dabei als echte Optimistin gezeigt.

Wenn Nicole Quintus über den Tumor in ihrer rechten Brust spricht, bleibt sie klar und sachlich. Wut, Angst, Sorge, Trauer – nichts davon ist ihr anzumerken. Stattdessen erzählt sie einfach, was war. Und warum sie sich dazu entschied, beide Brüste entfernen zu lassen.

Dass sie überhaupt mit der Presse darüber spricht, liegt daran, dass sie es für nötig hält. In den vergangenen Monaten hat sie gemerkt, dass Krebs noch immer ein Tabu ist, ein Thema, über das kaum einer redet, obwohl so viele Menschen betroffen sind. Die 55-Jährige möchte das ändern, indem sie von ihrer Krankheit erzählt. Sie möchte erzählen, wie es sich anfühlt, von Fremden angestarrt zu werden, wenn man mit Glatze, ohne Augenbrauen und Wimpern einkaufen geht. Oder wie es ist, mit anderen Chemotherapie-Patienten in der Klinik-Cafeteria über die Krankheiten zu sprechen und dabei trotzdem nicht zu verzweifeln.

Doch es geht ihr auch darum, anderen Betroffenen Mut zu machen und ihnen zu sagen: Seht her, Krebs bedeutet nicht gleich Tod, viele Arten können geheilt werden. Und Krebs bedeutet auch nicht, dass das schöne Leben mit der Diagnose vorbei ist. Es verändert sich vielleicht, aber schön bleibt es trotzdem. Genauso hat Nicole es nämlich erlebt.

Nicole Quintus nennt den Tumor ihren Mitbewohner. Sie erinnert sich genau an die Situation, in der sie seine Anwesenheit zum ersten Mal bemerkte. „Es war ein Sonntag im Februar, ich saß mit einem Buch auf dem Sofa, da habe ich die Arme vor der Brust verschränkt und plötzlich einen Knubbel bemerkt, der da nicht hingehörte“, erzählt sie. „Als ich dann zwei Tage später zu meiner Gynäkologin ging, wusste ich sofort, dass es sehr ernst war, ihr erschrockener Gesichtsausdruck war nicht zu übersehen.“

Ich wollte ihnen keine Märchen erzählen, das hätten die doch ohnehin sofort gemerkt. Nicole Quintus

Auf zweieinhalb Zentimeter war der Tumor bereits angewachsen, eine Größe, die Ärzte als kritisch ansehen, da Tumore ab einem Zentimeter schon Metastasen streuen können, wodurch die Therapie härter und die Heilungschancen geringer werden. Doch Nicole hatte Glück. Bei der wenige Tage später erfolgten Biopsie kam zwar heraus, dass der Tumor schnell wachsend und sehr aggressiv war, die Entnahme der Lymphknoten in der Achselhöhle zeigte aber, dass er noch nicht gestreut hatte.

Was folgte, war die übliche Prozedur: eine Chemotherapie, um den Tumor zu verkleinern, damit er großzügig entfernt werden konnte. Und anschließend die Operation mit der Entnahme des Gewächses. Nach dem ersten Tag mit stundenlangen Infusionen dachte sie, sie müsse sterben, erzählt sie. Die Wirkstoffe hauten sie völlig um. Zwei Tage nach der Behandlung wurde sie schwach und müde, ihr Mund war wund und rot, sie konnte nichts essen, nur Wasser trinken, bekam Durchfall, Kopfschmerzen und eine fiese Erkältung. Sie blieb im Bett, brauchte sogar Hilfe, um aufs Klo zu gehen. Nach drei Tagen brachte ihr Lebensgefährte sie zurück in die Klinik. Da hatte sie fast keine weißen Blutkörperchen mehr im Blut.

„Durch die Chemo wird der ganze Körper zur Baustelle“, sagt sie. Sämtliche Haare fielen aus, die Fingernägel bekamen Wellen und Verfärbungen, die Zähne wurden gelb, die Schleimhäute reagierten irritiert. Die Ärzte veränderten die Zusammensetzung der Wirkstoffe, um einen weiteren Zusammenbruch nach der nächsten Chemo-Behandlung zu verhindern. Sie hielten Wort. Nach dem zweiten Zyklus erging es ihr besser. Zwar blieben die Nebenwirkungen, doch die große Krise blieb aus.

Nach vier Zyklen Chemotherapie wurde der Tumor entfernt, mitsamt eineinhalb Zentimeter zusätzlichem Gewebe drum herum. Eine Art Sicherheitszone, um zu gewährleisten, dass alle bösartigen Zellen entfernt worden waren. Bei der anschließenden Biopsie wurden aber auch dort Krebszellen gefunden. Die Ärzte rieten zu einer weiteren Operation, um weiteres Gewebe rund um die Stelle zu entnehmen. Doch Nicole entschied sich zur vollständigen Abnahme beider Brüste.

„Die Ärztin zeigte sich über meine Entscheidung, beide Brüste abnehmen zu lassen, sehr überrascht, aber ich ließ da einfach nicht mit mir reden. Ich wollte die Last loswerden, dass vielleicht nächstes Jahr wieder irgendwas ist. Ich wollte zur Ruhe kommen und auf gar keinen Fall noch eine vierte Operation. Ich würde das immer wieder so entscheiden“, sagt sie. Sechs Wochen ist die Brustabnahme jetzt her. Die Wunden sind noch immer geschwollen, direkte Berührungen sind Nicole unangenehm. Doch auf dem Bauch zu liegen, das geht schon wieder. Im Wald zu laufen auch.

„Natürlich fühlt es sich merkwürdig an. Und schön sieht es auch nicht aus. Aber das Aussehen ist nicht so wichtig, viel wichtiger ist, dass es mir gut geht und dass ich viel Zeit mit meiner Familie verbringen kann.“ Ihr Lebensgefährte hält zu ihr und unterstützt jede ihrer Entscheidungen. Mehr Sorgen habe sie sich um ihre Söhne gemacht, sie wollte die beiden nicht belasten. Deshalb hat sie ihnen von Anfang an genau gesagt, was mit ihr passiert. „Ich wollte ihnen keine Märchen erzählen, das hätten die doch ohnehin sofort gemerkt.“ Die Offenheit ihrer Mutter hat beiden geholfen, sie fühlten sich miteinbezogen und ernst genommen. Die Anforderungen in Uni und Schule hätten beide trotzdem mit Bravour erfüllt, erzählt Nicole.

Einen Arzttermin wegen der Arbeit absagen, das geht gar nicht mehr. Nicole Quintus

Nachdem ihr die Haare ausgefallen waren, zog sie viele Blicke auf sich. Egal, wohin sie ging, sie spürte sie überall. Die meisten Freunde und Bekannten haben sich um sie gesorgt und regelmäßig angerufen oder sind vorbeigekommen. Nur ein paar hätten mit ihrer Situation nicht umgehen können, einige wären ihr auffällig aus dem Weg gegangen. Doch Vorwürfe mache sie niemandem. „Die haben halt ihr Leben und keine Zeit. Und möchten vielleicht auch nicht mit der Thematik Krebs konfrontiert werden.“ Den Blicken von Fremden entgegnete sie ganz direkt: Wer sie anstarrte, wurde von ihr angestarrt.

Ein paar unersetzliche Freunde hat sie hinzugewonnen. Wie ihre Nachbarin, die sich sehr viel um sie und Nicoles jüngsten Sohn gekümmert hat. Oder die anderen Chemo-Patienten, mit denen sie gemeinsam im Ettelbrücker Krankenhaus auf das Durchlaufen der Infusion wartete. „Ich habe dort sehr nette Menschen kennengelernt. Wir haben erzählt, gelacht und uns über unsere Behandlungen ausgetauscht.“

Ein wichtiger Bestandteil ihrer Therapie waren die regelmäßigen Spaziergänge, die sie unternahm. Jeden Tag ging sie in den Wald, bei Wind und Wetter, egal, wie sie sich fühlte. Die Bewegung in der Natur half ihr, die Schmerzen zu lindern und ihren Optimismus zu stärken. Zugleich stellte sie ihre Ernährung um, verzichtete auf Zucker und Alkohol und machte täglich Gymnastik. Ihr Arbeitgeber erkundigte sich regelmäßig über ihren Zustand, was leider keine Selbstverständlichkeit ist. Er machte ihr Mut und gab ihr deutlich zu verstehen, dass es für sie wichtiger wäre sich auf die Genesung zu konzentrieren statt an die Arbeit im Büro zu denken. Das gab ihr Kraft, weiß sie.

Wie es jetzt weitergeht? „Ein Jahr Immuntherapie, danach fünf Jahre Antihormontherapie. Aber ich werde mich noch genau informieren, ob es da Alternativen gibt“, sagt sie. Erst einmal ist sie froh, das schlimmste überstanden zu haben. Vorwürfe macht sie sich nicht, bis auf den einzigen, nicht früh genug zur Mammografie gegangen zu sein. Nach der letzten im Juni 2018 wurde sie aufgefordert, im Oktober zur Nachkontrolle zu kommen. Diesen Termin sagte sie aber ab, weil im Büro so viel los war, dass sie sich nicht loseisen konnte. „Das würde ich nie wieder so machen“, sagt sie. „Einen Arzttermin wegen der Arbeit absagen, das geht gar nicht mehr.“

Sie wünscht sich, dass Brustkrebs häufiger thematisiert wird, am besten sogar schon in der Schule. Schließlich ist es die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. „Schon Mädchen sollten lernen, wie man sich selbst abtastet.“ Sie kann sich gut vorstellen, ihre Erfahrungen und ihren Optimismus an andere Betroffene weiterzugeben, als eine Art Coach oder einfach nur als Gesprächspartnerin. Zur Vorbereitung auf das Interview hatte Nicole sich Stichpunkte aufgeschrieben, um nicht zu vergessen, worüber sie auf jeden Fall reden wollte. Dazu noch ein paar Wörter, die ihr besonders wichtig sind: Mut, zweite Chance, Akzeptieren, das Jetzt, Vertrauen und Liebe. Eine echte Optimistin eben, „Verzweiflung“ stand nicht auf der Liste.

Fotos: Anne Lommel (Editpress)

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook
Author: Philippe Reuter

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

Login

Lost your password?